Grindel zu Özil/Gündogan - Problem liegt "wesentlich tiefer"

DFB-Präsident Reinhard Grindel

Nationalmannschaft bei der WM in Russland

Grindel zu Özil/Gündogan - Problem liegt "wesentlich tiefer"

DFB-Präsident Reinhard Grindel bringt einen neuen Aspekt in die Diskussion um Mesut Özil und Ilkay Gündogan ein: "Da muss es etwas geben, was wesentlich tiefer liegt von der Ursache her."

Der Zeitplan war sehr eng getaktet. Zu eng, wie sich herausstellte. Fast zwei Stunden später als geplant, betrat Reinhard Grindel zusammen mit Joachim Löw den Theatersaal, in dem in den kommenden Wochen nach Wunsch des Deutschen Fußball-Bundes noch viele Pressekonferenzen abgehalten werden sollen. Am Mittwoch (13.06.18) gab es die Premiere in dem riesigen Hotelkomplex am Stadtrand von Watutinki.

Grindel war beim Kongress des Weltverbandes FIFA in Moskau aufgehalten worden und stattete dann der Nationalmannschaft noch einen Besuch ab.

Die Stimmung dort sei gut, ließ der Präsident des DFB wissen. Er redete über die Vergabe der WM 2026 an die USA, Mexiko und Kanada, über Drohungen des US-Präsidenten Donald Trump und Ovationen für Russlands Präsidenten Wladimir Putin, die beim Kongress aus reiner Höflichkeit erfolgt seien.

Noch immer Wirbel um Erdogan-Foto

Das Foto, das Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigt, soll auch aus Höflichkeit entstanden sein. Die beiden Nationalspieler, so ließen sie im Mai wissen, hätten die Einladung zu einem Essen nicht ablehnen wollen.

Für das Foto wurden sie umgehend kritisiert, auch von Grindel. Der Fußball und der DFB stünden für Werte, "die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden", schrieb der Präsident bei Twitter. Seit einem Monat schwelt die Affäre um das Treffen in London nun.

Pfiffe gegen Gündogan und Özil rassistisch motiviert?

Am Samstag (09.06.18) bekam die Diskussion, die der DFB mehrmals zu beenden versucht hatte, eine neue Stoßrichtung. In einem Kommentar bei Spiegel Online hieß es, dass Zuschauer am Tag zuvor beim Spiel gegen Saudi-Arabien Gündogan aus rassistischen Motiven ausgepfiffen hätten:

"Es geht darum, dass viele Fans auf der Tribüne das Foto mit Erdogan vorschieben, um ihre Wut darüber rauszulassen, dass Spieler für Deutschland auflaufen, die auch durch die Heimat ihrer Eltern geprägt sind."

Grindel mied am Mittwoch das Wort "Rassismus". Aber der Präsident stellte klar, dass die Pfiffe für ihn auch über den Protest gegen Wahlkampfwerbung für einen Autokraten hinaus gingen. "Da muss es etwas geben, was wesentlich tiefer liegt von der Ursache her", so Grindel, "das geht über die beiden Spieler hinaus."

Umgang mit Özil und Gündogan womöglich ein gesamtgesellschaftliches Problem

Noch 2014 sei Integration in Deutschland "von den Menschen als überaus positiv besetzt" gesehen worden. Ein Jahr später habe sich "durch die Zuwanderung" etwas geändert: "Die Menschen sehen Probleme."

Integration, so Grindel, "bedeutet eben nicht Assimilation". Die Religion, die familiären Bezüge und die Herkunft der Menschen müssten beachtet werden. Özil und Gündogan haben türkische Wurzeln, wurden jedoch beide in Gelsenkirchen geboren und haben jeweils nur den deutschen Pass. Die Kritik an Özil und Gündogan hätten mit einem "gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun, weil wir als Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft sind".

Grindel verteidigt das Vorgehen des DFB

Warum Reinhard Grindel den neuen Aspekt erst mit einem Monat später in die Diskussion einbrachte, blieb offen. Die zuletzt kritisierte Kommunikation des Verbands in der Causa Özil/Gündogan verteidigte der Präsident. Es sei zusammen mit Löw, DFB-Direktor Oliver Bierhoff und Generalsekretär Friedrich Curtius "mehrfach die Lage besprochen worden". Zu der gewählten Option, die Diskussion als abgeschlossen zu erklären, habe es "gar nicht viele andere überzeugende" Alternativen gegeben.

Wichtig sei dem DFB, dass sich Gündogan und Özil in mehreren internen Gesprächen zu den "deutschen Werten" bekannt hätten. Außerdem, so der Präsident, habe Gündogan den Fehler öffentlich eingestanden. Ein Beleg für diese These ist aber nach wie vor nicht zu finden.

Keine Reue bei Mesut Özil?

Die Süddeutsche Zeitung schreibt sogar, dass "die beiden Hauptbeteiligten wenig Spielraum für eine bessere Darstellung und ein substantielles Krisenmanagement" gelassen hätten. Zwar seien die beiden Nationalspieler einsichtig, der Integration in Deutschland geschadet und die Stimmung in der Nationalmannschaft getrübt zu haben, aber, so die Süddeutsche Zeitung: "Sie hätten auch keine Bereitschaft aufgebracht, sich dafür öffentlich zu entschuldigen oder wenigstens einen Anflug von Reue zu dokumentieren."

Reinhard Grindel empfahl Özil, der beharrlich schweigt, noch im Theatersaal: "Jetzt sollte sich jeder für Deutschland einsetzen, mit allem, was er hat. Wenn nicht in Interviews, dann auf dem Platz."

Stand: 13.06.2018, 22:20

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