Streit mit DOSB - Fechter erwägen Verzicht auf Olympia-Qualifikation

Deutschlands Fechter fühlen sich vom DOSB falsch behandelt

Verband gibt Athleten Mitschuld an Corona-Fällen

Streit mit DOSB - Fechter erwägen Verzicht auf Olympia-Qualifikation

Von Sebastian Hochrainer

DOSB-Chef Alfons Hörmann hat den Athleten eine Mitschuld an den Corona-Fällen beim Fecht-Weltcup in Budapest gegeben. Die Sportler sind enttäuscht vom Verband - und erwägen sogar den Verzicht auf die Teilnahme an einem wichtigen Olympia-Qualifikationsturnier.

Die Sicherheit bei Sport-Großevents, vor allem in der Halle, ist ein vieldiskutiertes Thema dieser Tage. Zuletzt gab es sowohl bei der Leichtathletik-EM in Torun (Polen) als auch beim Fecht-Weltcup im ungarischen Budapest eine Vielzahl von Coronafällen. Die Geschehnisse bei letzterem werden jetzt zum Streitthema.

Vorwürfe an Veranstalter und Sportler

Das deutsche Fecht-Team ist enttäuscht von den Äußerungen von Alfons Hörmann. In einem Interview mit dem "Deutschlandfunk" macht der Präsident des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB) neben den Veranstaltern auch die Sportler für die Coronaausbrüche verantwortlich. "Alle Erfahrungen der vergangenen zwölf Monate zeigen, dass Sporttreiben in hoher Verantwortung und entsprechender Professionalität nicht dazu führt, dass irgendwelche Superspreading-Ereignisse entstehen", sagte Hörmann.

Die deutschen Fechter, vier wurden positiv getestet, sprach der DOSB-Chef sogar direkt an. Sie sollten "nochmals selbstkritisch darüber nachdenken, ob tatsächlich alles dafür getan wurde, nicht infiziert zu werden." Bei den Fechtern kamen diese Aussagen überhaupt nicht gut an.

Fotos als Beweismittel

Die Beteiligten werfen Hörmann "victim blaming" vor, er mache die Opfer zu Beschuldigten. Dabei betonten die Athleten bereits, sogar noch vorsichtiger gewesen zu sein, als es die eigentlichen Maßnahmen vorsahen. So reiste das deutsche Team im Bus statt im Flugzeug an und bereitete Speisen im Campingkocher zu, um das Buffet zu meiden. Auch in der Halle sei das Team unter sich geblieben.

Doch die Athleten sind nicht nur enttäuscht vom DOSB, auch vom Weltverband der Fechter (FIE) fühlen sie sich falsch behandelt. Der hatte während des Weltcups in Budapest durchgehend Fotos gemacht und im Anschluss einzelne Aufnahmen herausgepickt und an den Deutschen Fechter-Bund (DFB) geschickt als Beweis dafür, dass sich die Sportler nicht an die Vorgaben gehalten hätten. Nach Sportschau-Informationen unter anderem ein Foto, auf dem vier Sportlerinnen ohne Maske zu sehen sind, die sich gerade aufgewärmt hatten. Diese Sportlerinnen sind alle negativ getestet worden.

Die seltsam anmutenden Methoden hängen mit einem weiteren Streitpunkt zusammen: die Fechter werfen dem DOSB auch vor, so zu handeln, damit die Olympischen Spiele nicht gefährdet werden. Die Hauptsache für den Verband sei, dass diese stattfinden können.

Fechter denken über Konsequenzen nach

Das deutsche Team überlegt sich aktuell, wie es auf die Aussagen und Aktionen des DOSB und FIE reagieren wird. Auf sich sitzen lassen möchte man die Darstellungen nicht. Eine erste Entscheidung gab es bereits: Das Herren-Team ist nicht mit zum Florett-Weltcup nach Doha geflogen. Außerdem ziehen mehrere Athleten in Betracht, auf das Olympia-Qualifikationsturnier am 24. und 25. April in Madrid zu verzichten. Einerseits wegen der Sichterheitsbedenken, andererseits aber auch wegen der aus ihrer Sicht falschen Behandlung durch den DOSB und FIE.

Dieser Verzicht würde ein großes Opfer bedeuten: Während einige Athleten bereits für die Olympischen Spiele im Sommer in Tokio qualifiziert sind, ist es für andere Fechter die einzige Möglichkeit, sich noch für Olympia zu qualifizieren. Sie würden wegen der Vorkommnisse der vergangenen Tage sogar auf ihre letzte Chance verzichten.

DOSB fordert Disziplin und hofft auf Impfungen

Der DOSB erklärte auf Sportschau-Anfrage, bereits mit Athletensprecher und Säbelfechter Max Hartung gesprochen zu haben, der in Budapest "erhebliche Probleme bei der Konzeption und bei der Umsetzung bzw. der Einhaltung der Maßnahmen und Vorgaben" sehe. "Seine Einschätzung deckt sich mit unserer – eine gründliche und umfassende Analyse ist dringend erforderlich weil es deutliche Kritikpunkte zu dieser Veranstaltung gibt."

"Grundsätzlich bestätigen die Ereignisse von Torun und Budapest unsere Einschätzung, dass hochprofessionelle Konzepte genauso wichtig sind wie die konsequente Umsetzung durch alle Teilnehmer", heißt es weiter. "Das erfordert hohes Verantwortungsbewusstsein und viel Disziplin und auch unbequeme Opfer und den Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten."

Der DOSB hofft zudem, dass in naher Zukunft ein Impfangebot für die Sportler zur Verfügung gestellt werden und so ein problemloserer Ablauf gewährleistet kann. "Es wird nochmals deutlich, dass eine gezielte und rechtzeitige Impfung der Team-D-Mitglieder ein entscheidender Faktor sein wird."

Stand: 22.03.2021, 17:24

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