Eishockey-WM: Deutsches Team kann jetzt Historisches schaffen

Der entscheidende Penalty von Marcel Noebels, der den Sieg bedeutete

Einzug ins Halbfinale

Eishockey-WM: Deutsches Team kann jetzt Historisches schaffen

Von Dorian Aust

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft ist in Riga auf dem Weg, Historisches zu schaffen. Für den Halbfinaleinzug sorgten eine beeindruckende Energieleistung, der mal wieder auftrumpfende Niederberger sowie ein "Briefmarken-Tor".

Als Marcel Noebels im dramatischen Viertelfinalduell gegen die Schweiz zum letzten Penalty anlief und das deutsche Halbfinal-Ticket auf der Kelle hatte, nahm der Berliner all seinen Mut zusammen. Nicht etwa ein satter Schuss unter die Latte sollte es sein, auch keine Täuschung mit anschließendem Torschuss. Nein, Noebels entschied sich für einen der gewagtesten Tricks.

Anlaufen, Täuschen und lässig mit einer Hand einschieben, vorbei am liegenden Schweizer Schlussmann Leonardo Genoni. Ein Trick, den die meisten Spieler eher bei Show-Wettkämpfen und All-Star-Spielen auspacken. Marcel Noebels wählte dazu eine der größten Eishockey-Bühnen der Welt und schickte das DEB-Team damit in das erste WM-Halbfinale seit 2010.

Eishockey-WM: Deutschland nach packendem Spiel im Halbfinale Sportschau 03.06.2021 00:59 Min. Verfügbar bis 03.06.2022 Das Erste

Briefmarken von Marcel Noebels

"In der Situation so einen rauszuhauen, das braucht viel Mut", sagte Verteidiger Moritz Seider anerkennend nach dem Spiel. Dabei war es bei Noebels lange Zeit fraglich, ob er im Viertelfinale gegen die Eidgenossen überhaupt würde spielen können. Nach einer Verletzung im Spiel gegen Lettland hatte sich der 29-Jährige erst am Donnerstagmorgen (03.06.2021) fit gemeldet.

"Sein Selbstvertrauen ist auf einem hohen Level, das sollte eigentlich nicht überraschen nach der Meisterschaft mit Berlin", sagte Bundestrainer Toni Söderholm. Nur um seine Bewunderung dann auf seine eigene Weise auszudrücken: "Das war ein Tor, von dem man normalerweise Briefmarken für ein Land machen würde."

Berliner Spieler in Topform

In Söderholms finnischer Heimat, einer wahren Eishockey-Nation, wäre sowas vielleicht sogar denkbar. Seine Gedankenspiele über Noebels-Briefmarken hat Söderholm allerdings auch seinem Torhüter zu verdanken. Mathias Niederberger, ein weiterer Meisterspieler der Eisbären Berlin, trumpfte im Viertelfinale wieder einmal groß auf und bereitete Noebels erst die Bühne für den entscheidenden Schuss.

Eishockey-WM: Deutschlands dramatisches Penaltyschießen zum Nachhören

Sportschau 03.06.2021 04:01 Min. Verfügbar bis 03.06.2022 ARD Von Burkhard Hupe


Niederberger wehrte vier Penaltys ab und hielt die Mannschaft auch in der Verlängerung zuvor mehrmals mit grandiosen Paraden im Spiel. Seiner Bewerbung für die Wahl zum Torhüter des Turniers hat er noch einmal ein paar exzellente Arbeitsproben beigelegt.

Ruhepol Niederberger

 Mathias Niederberger (L) hält den Penalty des Schweizers Sven Andrighetto

Mathias Niederberger (L) hält den Penalty des Schweizers Sven Andrighetto

Er gebe der Mannschaft viel Selbstvertrauen und Kraft, erklärte Seider. In der Tat ist Niederberger der Ruhepol in der deutschen Defensive. Wenn es um ihn herum tobt und Mit- und Gegenspieler Fäuste sprechen lassen, zieht sich der gebürtige Düsseldorfer zurück. Er bleibt in seinem Tunnel und entschärft den nächsten Schuss.

Sein Trainer gab nach dem Halbfinaleinzug zwar zu, nicht allzu viel über Torhütertechniken zu wissen, aber das sei auch gar nicht schlimm. "Mir ist wichtig, dass er die Scheibe vom Tor weghält, egal wie", so Söderholm. Ein bisschen ordnete er seine Fähigkeiten dann aber trotzdem noch ein: "Läuferisch, athletisch und wie er das Spiel liest, ist Mathias sehr gut."

Dosenöffner Kühnhackl

Von den 22 Schüssen, die auf sein Tor kamen, war Niederberger bei zweien allerdings machtlos. Und so schickte sich das DEB-Team an, erstmals in diesem Turnier einen Rückstand zu drehen. Gegen körperlich wie technisch stark spielende Schweizer glich das nach mehr als der Hälfte des Spiels einer Mammutaufgabe.

Doch die Mannschaft brachte kurz nach dem 0:2 eine Willensleistung aufs Eis, die beeindruckend war. Wie auch schon in den Spielen gegen Kasachstan, Finnland und die USA tat sich die Mannschaft offensiv schwer. Erst Kühnhackls Treffer im zweiten Versuch wirkte wie ein Dosenöffner.

Eishockey-WM: "Mit Leidenschaft, Herz und Wille verdient" Sportschau 03.06.2021 02:20 Min. Verfügbar bis 03.06.2022 Das Erste

Historischer Erfolg

Deutschland spielte befreit auf, zielstrebig und druckvoll im letzten Drittel. 13:4 Torschüsse belegen: Es war praktisch ein Spiel auf ein Tor. Es brauchte trotzdem ein Fünkchen Drama. Nämlich erst 44 Sekunden vor der Schlusssirene war es Leon Gawanke, der die deutsche Mannschaft überhaupt in die Verlängerung rettete.

Matthias Plachta (L) jubelt mit Leon Gawanke über dessen Ausgleichstreffer

Matthias Plachta (L) jubelt mit Leon Gawanke über dessen Ausgleichstreffer

Eine Verlängerung, die sich das DEB-Team durch ihren Kraftakt redlich verdient hatte. Die WM in Riga hat aus deutscher Sicht damit jetzt schon historischen Wert. Das erste Halbfinale seit 2010, und es lebt weiter die Hoffnung von der ersten WM-Medaille seit 1953.

Zudem lässt die Mannschaft immer mehr Erinnerungen an den sensationellen Gewinn der Silbermedaille bei Olympia 2018 wach werden. Das Halbfinale bestreitet die deutsche Auswahl am Samstag (17.15 Uhr) gegen Titelverteidiger Finnland.

Stand: 03.06.2021, 22:11

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