Die Geschichte hinter den Playoff-Bärten in der NHL

Tyson Jost (l) von Colorado Avalanche und Chandler Stephenson von den Vegas Golden Knights

Wer rasiert, verliert

Die Geschichte hinter den Playoff-Bärten in der NHL

Von Heiko Oldörp

Wenn Titelträume reifen, sprießen auch die Bärte. Seit mehr als 40 Jahren rasieren sich in der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL die Spieler während der Playoffs nicht. Dabei sind die Erfolgschancen eher gering.

Wer rasiert, verliert, lautet das Motto in den Playoffs der NHL. "Es ist ein bisschen Tradition, ein bisschen Aberglaube und auch ein bisschen Mannschafts-Zusammengehörigkeit", sagt Christian Ehrhoff im Gespräch mit sportschau.de. Der 38-Jährige spielte von 2003 bis 2016 in der NHL. Im Frühjahr 2011 war sein Bart so lang wie nie. Denn Ehrhoff stand mit den Vancouver Canucks in der Finalserie um den Stanley Cup - verlor diese jedoch gegen Landsmann Dennis Seidenberg und die Boston Bruins in sieben Spielen.

"Das sah furchtbar aus"

Christian Ehrhoff 2010 beim Spiel der San Jose Shark gegen Anaheim Ducks

Heute muss der ehemalige Verteidiger lachen, wenn er an damals zurückdenkt. Denn obwohl Ehrhoff zwei Monate lang seinen Rasierer ignorierte, wuchs bei ihm kein kräftiger, dichter Bart, sondern nur eine Art Fleckenteppich. "Das sah furchtbar aus, also meiner Frau hat das überhaupt nicht gefallen."

Die Bärte gehören zu den Playoffs wie Spiele, die mitunter erst nach etlichen Verlängerungen entschieden werden oder der Handshake aller Beteiligten nach der letzten Partie. Doch wann fing eigentlich alles an? Und vor allem, warum?

New York Islanders machten den Anfang

Der Ursprung liegt auf Long Island. In der ersten Runde der Playoffs 1980 mussten die New York Islanders gegen die Los Angeles Kings innerhalb von fünf Tagen vier Spiele absolvieren. Ob sie keine Zeit zum Rasieren hatten, ist nicht überliefert. Nur soviel: Einige Spieler hatten anschließend einen Bart - und die Islanders die Serie 3:1 gewonnen. Und das genügte, erinnerte sich Bob Nystrom 2017 in einer "ESPN"-Story, um die Haare weiter sprießen zu lassen. "Du hast eine Siegesserie und willst dann natürlich nichts ändern."

Die Islanders gewannen die nächsten beiden Playoff-Runden und setzten sich auch in der Finalserie gegen die Philadelphia Flyers durch. Welchen Anteil ihre Bärte am Titelgewinn hatten, wer weiß? Doch die Islanders ließen auch in den folgenden drei Jahren ihre Rasierer während der Playoffs im Schrank - und gewannen drei weitere Male den Stanley Cup. Wer wollte nun noch behaupten, dass es nicht zumindest ein kleines bisschen auch an den Bärten lag?

Gretzky entzauberte die Bart-Magie

Im Frühjahr 1984 war der Zauber jedoch vorbei. Die Islanders standen zwar wieder in den Endspielen, wurden jedoch in nur fünf Partien geschlagen - und zwar von rasierten Edmonton Oilers mit einem damals 23-jährigen Wayne Gretzky. Die Oilers achteten übrigens auch in den Jahren danach auf ihre Gesichtspflege - und holten bis 1990 vier weitere Titel.

Die nächste erfolgreiche haarige Horde waren die New Jersey Devils, die zwischen 1995 und 2003 dreimal Champion wurden. Doch es gab eine prominente Ausnahme: Ihr Torwart Martin Brodeur hielt nichts vom bärtigen Brauch. Und Verteidiger Chris Chelios rasierte sich 2008 extra vor jedem K.o.-Runden-Spiel - und wurde trotzdem mit den Detroit Red Wings Meister.

Schnauzer statt Vollbart

Etwas ganz anderes versuchte Brian Boyle in den Playoffs 2011. Weil ihm einfach kein vernünftiger Bart wuchs, entschied sich der Stürmer der New York Rangers, einen Schnauzer zu tragen - allerdings mit geringem Erfolg. Die Rangers scheiterten bereits in Runde eins an den Washington Capitals.

Ohnehin geht die Rechnung für das Gros der bärtigen Banden nicht auf. 16 Mannschaften erreichen die NHL-Playoffs - aber nur eine gewinnt letztlich den Stanley Cup. "Im Grunde genommen könnte man sich das auch sparen", schlussfolgert Ehrhoff.

Stand: 01.06.2021, 05:00

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