Patrick Marleau - vom Bauernhof ins NHL-Rekordbuch

Patrick Marleau

Eishockey in Nordamerika

Patrick Marleau - vom Bauernhof ins NHL-Rekordbuch

Von Heiko Oldörp

In der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL galt Gordie Howes Rekord von 1.767 Spielen fast 60 Jahre lang als unantastbar. Nun hat Patrick Marleau ihn gebrochen.

Das Spiel der Vegas Golden Knights gegen die San Jose Sharks hat gerade begonnen, da wird es nach etwas mehr als einer Minute bereits unterbrochen. Nicht wegen eines Tores oder einer Verletzung, sondern wegen einer historischen Durchsage. Denn der Mann, der im weißen Trikot mit der Rückennummer 12 gerade vom Eis kommt und auf der Gästebank Platz nimmt, hat soeben NHL-Geschichte geschrieben. Mit seiner 1.768. Partie ist Sharks-Stürmer Patrick Marleau neuer Rekordspieler in der stärksten Eishockey-Liga der Welt.

Der Kanadier hat die Bestleistung seines Landsmannes Gordie Howe gebrochen, der zwischen 1946 und 1980 insgesamt 1.767 Mal auf dem NHL-Eis stand. “Mein Vater wäre der Erste in der Reihe der Gratulanten und er würde sich für Patrick freuen”, sagt Howes Sohn Mark, dessen Vater sein letztes NHL-Spiel mit 52 Jahren absolviert hat und 2016 im Alter von 88 Jahren gestorben ist.

Ehrhoff: “Immer gedacht, das ist Rekord für Ewigkeit”

“Mr. Hockey”, wie Howe genannt wird, hatte am 26. November 1961 seine 1.000. NHL-Partie gespielt und den bis dahin führenden Ted Lindsay überholt. Seitdem ist er Rekordspieler gewesen. 59 Jahre lang. Selbst in der NFL, NBA und MLB hat es niemanden gegeben, der an diese Bestmarke herangekommen ist. “Man hat immer gedacht, das ist ein Rekord für die Ewigkeit. Schön zu sehen, dass es einer aus meiner Generation geschafft hat - und einer, mit dem ich zusammengespielt habe. Freut mich riesig für ihn”, sagt Christian Ehrhoff im Gespräch mit sportschau.de

Patrick Marleau

Patrick Marleau - Anerkennung auch vom Gegner

Ehrhoff war von 2003 bis 2009 Teamkollege von Marleau in San Jose. In einer Liga, in der die Karriere im Schnitt etwas mehr als fünf Jahre dauert, ist Ehrhoff zwölf Jahre aktiv gewesen und hat 789 Partien absolviert. Beim Gedanken, dass Marleau nun beinahe 1.000 Spiele mehr hat, kann der ehemalige Nationalspieler nur schmunzeln. “Das ist schon krass. Aber er ist halt einer dieser Ausnahmespieler, von denen es nur wenige gibt.”

Als Marleau debütiert, führt Kaiserslautern die Bundesliga an

Als Marleau am 1. Oktober 1997 mit 18 Jahren in der NHL debütiert, spielt Roger Federer noch Junioren-Tennis, und in der Fußball-Bundesliga führt Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern vor Bayern München, dem MSV Duisburg, Hansa Rostock sowie dem Hamburger SV die Tabelle an.

8.601 Tage später dreht Marleau bei seiner Ehrung eine kleine Runde auf dem Eis der Arena in Las Vegas und winkt ins Publikum. Auf der Tribüne sitzt Ehefrau Christina mit den vier Söhnen und hält den Moment auf ihrem Handy fest. “Ich bin überaus dankbar für all die Unterstützung, die ich während meiner Karriere von so vielen bekommen habe”, sagt der Rekordmann.

650 Hektar Land, Kühe, Getreide

 Wie so viele, die in der Provinz Saskatchewan zur Welt kommen, wächst auch Marleau auf einem Bauernhof auf. 650 Hektar Land, Getreide, Kühe. Bis zum nächsten Ort, dem 75 Menschen zählenden Aneroid, sind es sechseinhalb Kilometer Schotterweg. “Es ist ruhig dort, du bist ganz alleine, kannst nicht mal deine Nachbarn sehen”, sagt Marleau. Doch selbst aus dieser Abgeschiedenheit ist der Sprung in die NHL möglich.

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Es in die NHL zu schaffen, ist eine Sache - sich dort mehr als 23 Jahre zu behaupten, eine herausragende Leistung. Dazu gehört neben Talent, Können und Einstellung natürlich auch das Glück, verletzungsfrei zu bleiben. Marleau hat trotz tausender Checks, trotz Gerangel, Geschubse, Gestochere und geblockten Schüssen in seiner Karriere nur 31 Partien verpasst - die letzte war in der Saison 2008/09.


“Er hat ja wirklich wenig Verletzungen gehabt, gut auf seinen Körper geachtet. Über so viele Jahre auf solch einem Level zu spielen, ist großartig - nicht nur vom körperlichen, sondern ganz besonders vom Mentalen her”, hebt Ehrhoff hervor. Wie viele Weggefährten, Mit- und Gegenspieler, hat auch er Marleau als “sehr ruhigen Menschen” in Erinnerung. Als jemanden der “total nett ist, sich nie in den Vordergrund drängt, nie einer der Lauten” sei.

Olympiasieger und Weltmeister mit Kanada

Der Kanadier hat mit seinem Nationalteam 2010 und 2014 jeweils Olympiagold gewonnen und 2003 den WM-Titel geholt. Was ihm noch fehlt ist die wichtigste Eishockey-Trophäe, der Stanley Cup. Er wolle seinem Team helfen, Meister zu werden, hatte Marleau bei seinem Dienstantritt 1997 in San Jose gesagt. Fast 24 Jahre später sehnt er sich immer noch danach. 2016 war er mit den Sharks mal nahe dran, stand in der Finalserie, verlor diese aber gegen die Pittsburgh Penguins 2:4.

Auch dieses Jahr wird es wohl nichts. Die Sharks, für die er bis auf zwei Jahre bei den Toronto Maple Leafs sowie acht Partien in der Vorsaison bei den Penguins alle Spiele seiner Laufbahn bestritten hat, drohen die Playoffs zu verpassen. Warum er noch weiterhin jeden Tag zur Eishalle komme, wurde Marleau im Anschluss an sein Rekordspiel gefragt. “Ich liebe es einfach”, antwortete er, schluckte etwas schwer und wischte sich mit einem Handtuch eine Träne weg. “Es gibt einfach nichts Besseres.”

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Stand: 20.04.2021, 09:17

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