Leon Draisaitl: Der rheinische Riese

Leon Draisaitl bei einem Spiel für die Edmonton Oilers im März

Sportler des Jahres

Leon Draisaitl: Der rheinische Riese

Von Heiko Oldörp

In Nordamerika ist Leon Draisaitl ein Star, in Deutschland ist er nur Eishockey-Fans bekannt. Vielleicht ändert sich das jetzt. Der Stürmer der Edmonton Oilers ist Sportler des Jahres.

In der Geschichte der Ehrung zu Deutschlands Sportler des Jahres sind bislang 17 Sportarten vertreten gewesen. Nun ist Eishockey hinzugekommen. Und es sagt einiges über Preisträger Leon Draisaitl aus, dass er - als Zweiter nach Dirk Nowitzki - diese individuelle Auszeichnung bekam, obwohl er gar kein Einzelkämpfer ist, sondern Mannschafts-Sportler.

Viele seiner Vorgänger haben die Anerkennung ihren Leistungen bei Olympischen Spielen zu verdanken. Zehnkämpfer Willi Holdorf beispielsweise, der 1964 in Tokio Gold gewann. Oder auch Franz Keller (Nordische Kombination 1968), Rodel-Riese Georg Hackl (1998) und Gewichtheber Matthias Steiner (2008).

Wenn Draisaitl spielt, schläft Deutschland

Leon Draisaitl war noch nie bei Olympischen Spielen. Er spielt auch nicht in Deutschland, sondern - wie einst Basketballer Nowitzki - in Nordamerika. Tausende Kilometer weg vom deutschen Fernseh-Publikum. Und wenn der 25-Jährige für die Edmonton Oilers in der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL übers Eis stürmt, bekommt das in der Heimat ohnehin kaum jemand mit, weil es dort mitten in der Nacht ist.  

Trotzdem ist der Name Draisaitl in Deutschland durchaus ein Begriff. Und zwar durch Olympia. Aber das liegt an Peter Draisaitl, Leons Vater. Der wurde 1992 zur tragischen Figur von Meribel. Im Viertelfinale hatte es Außenseiter Deutschland gegen Kanada sensationell ins Penaltyschießen geschafft.

Längst aus dem Schatten des Vaters raus

In Deutschland wurde deshalb sogar der Beginn der Tagesschau verschoben. Zehn Millionen Menschen sahen statt der Abendnachrichten, wie Peter Draisaitl hätte treffen müssen, um das Aus zu verhindern - sein Puck jedoch auf der Linie liegen blieb. Leon Draisaitl war damals noch nicht geboren, kennt die Story aber auswendig.

Er schreibt mittlerweile seine eigene Erfolgsgeschichte und ist schon lange aus dem Schatten des Seniors herausgetreten. Peter Draisaitl war in den Achtzigern und Neunzigern einer der besten Spieler seiner Generation in Deutschlands Eishockey-Oberhaus. Leon Draisaitl ist amtierender Topscorer der NHL.

In der NHL alles abgeräumt

Nicht nur das: Fachjournalisten wählten ihn zum "wertvollsten Spieler" (MVP), von den Mit- und Gegenspielern gab’s zudem die Ehrung zum "herausragenden Akteur". Viel mehr individuelle Preise gibt es in einer Saison nicht zu gewinnen. Der Kölner ist in Sphären vorgerückt, in denen normalerweise nur Kanadier, Russen, Schweden sowie hin und wieder mal ein Finne, Tscheche und Amerikaner zu finden sind.

Bob Stauffer überrascht das nicht. Er ist beim lokalen Radiosender "630 CHED" der Moderator der täglichen, zweistündigen Sendung "Oilers Now" - und mit seinem Faktenwissen quasi Edmontons Eishockey-Enzyklopädie. Stauffer kennt Draisaitl, seit der 2014 von den Oilers verpflichtet wurde, sieht ihn bei allen Spielen und im täglichen Training.

"Eine ziemlich bemerkenswerte Geschichte"

"In den vergangenen zehn Jahren wurden 2100 NHL-Spieler gedraftet", sagt er. Der Draft ist in Nordamerikas Profiligen der jährliche Talentebasar, bei dem die Nachwuchsspieler auf die Teams verteilt werden. "Von diesen 2100 Spielern", betont Stauffer, "hat nur einer 50 Tore in einer Saison geschossen. Leon Draisaitl. Ein Deutscher. Eine ziemlich bemerkenswerte Geschichte."

Draisaitl ist seit seinem NHL-Debüt 2014 jedes Jahr besser geworden, hat seine Statistiken kontinuierlich gesteigert. Als er im Sommer 2017 einen Acht-Jahres-Vertrag für 68 Millionen Dollar unterzeichnete, waren seine Kritiker trotzdem schnell zur Stelle, hielten das Preis-Leistungs-Verhältnis für unangebracht.

68-Millionen-Dollar-Schnäppchen

Bis dahin konnte Draisaitl in drei Spielzeiten eine Quote von 0,72 Punkten pro Partie vorweisen. Nicht nicht schlecht für einen, der gerade 21 Jahre jung war. Aber ihm deshalb gleich bis 2025 im Schnitt 8,5 Millionen Dollar pro Jahr zahlen?

Drei Jahre später darf Draisaitls damalige Unterschrift als Coup bezeichnet werden. In 231 Spielen seit der Vertrags-Verlängerung hat er 295 Punkte gesammelt, seinen Punkte-Durchschnitt pro Partie auf 1,28 Zähler erhöht - das ist mehr als ein halbes Tor mehr als im Sommer 2017. In den vergangenen beiden Spielzeiten hat nur er jeweils mehr als 100 Punkte erzielt. "NBC Sports" schreibt von "Draisaitls zweijähriger Dominanz".

Schüchterner Star

Trotz seines Aufstiegs zu einem der besten Eishockeyspieler der Welt ist Draisaitl eher zurückhaltend, wirkt oft fast schüchtern. Aber er war auch noch nie jemand, der die Aufmerksamkeit gesucht hat, sondern ist immer einer gewesen, der sie durch seine sportliche Qualität unweigerlich bekommt.

In Edmonton, wo die Oilers-Fans neben den Trikots von Wayne Gretzky und Kapitän Connor McDavid auch Draisaitls Jersey mit der Rückennummer 29 tragen, verstehen sie nicht, dass der Stürmer in Deutschland kaum bekannt ist. Denn in seiner sportlichen Heimat wird Draisaitl selbst dann erkannt, wenn er im Winter Mantel und Mütze trägt. In Köln hingegen kann er sogar im Sommer ziemlich ungestört über die Domplatte gehen. Doch genau dies, betont Draisaitl, gefalle ihm.

Mihambo, Draisaitl und die Bayern vorn bei Wahl zu Sportlern des Jahres Morgenmagazin 21.12.2020 Verfügbar bis 21.12.2021 Das Erste

Stand: 21.12.2020, 08:50

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