Der Millionen-Deal: Wie Lance Armstrong sich freigekauft hat

 Lance Armstrong

Geheimsache Doping

Der Millionen-Deal: Wie Lance Armstrong sich freigekauft hat

Der siebenfache Toursieger und überführte Doping-Sünder hat sich mit der amerikanischen Justiz geeinigt und entgeht so einem Betrugsprozess, der ihn womöglich finanziell ruiniert hätte. Ausgerechnet Armstrongs Ex-Teamkollege Floyd Landis, der bei seinem Toursieg ebenfalls positiv getestet wurde, hat daran mehr als eine Million Dollar verdient.

Es wäre ein Prozess geworden, wie ihn der Sport noch nie gesehen hat. Doch Lance Armstrong hat sich frei gekauft: Rund 100 Millionen US-Dollar Schadensersatz hatten dem überführten Dopingsünder gedroht. Vergangene Woche hat er sich mit der Regierung geeinigt. Fünf Millionen US-Dollar Schadenersatz zahlt Armstrong an den Staat. Der Texaner hatte sechs seiner Toursiege mit Sponsorengeldern des Staatsunternehmens US Postal errungen – und damit aus Sicht der Justiz den amerikanischen Staat betrogen. Zum Abschluss des Verfahrens lässt Armstrong über seine Anwälte erklären: „Obwohl ich glaube dass diese Klage gegen mich unbegründet und unfair war, gebe ich sehr viel Geld aus, um sie aus der Welt zu schaffen. Seit 2013 habe ich versucht, die volle Verantwortung für meine Fehler zu übernehmen […].“ Dabei hatte Armstrong nur wenige Wochen zuvor in seiner Podcast-Sendung behauptet, dass ein gerichtlicher Vergleich unmöglich sei. Doch es muss offenkundig längst Verhandlungen gegeben haben.

Der Eindruck bleibt haften, Armstrong hat erneut nicht erzählt, was wirklich gerade hinter den Kulissen ablief. So wie er es während seiner gesamten Karriere machte, als er Doping stets bestritt. Lance Armstrong ist 2012 des systematischen Dopings überführt worden und wurde vom Radsportweltverband UCI lebenslang gesperrt. Alle Siege wurden ihm aberkannt – darunter sieben Tour de France-Gesamtsiege. 2013 hatte er gegenüber US-Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey systematisches Doping gestanden.

Ex-Teamkollege Landis verdient an Armstrong-Klage über eine Millionen Dollar

Ironie der Geschichte: Ins Rollen gebracht hatte das Verfahren 2010 ausgerechnet Armstrongs Ex-Teamkollege Floyd Landis – ebenfalls ein überführter Doper. Der Radprofi fuhr von 2002 bis 2004 neben Armstrong im US Postal-Team. 2006 hat er für den Schweizer Phonak-Rennstall die Tour de France gewonnen und wurde positiv auf Testosteron getestet.

Floyd Landis erhält nun einen Anteil von 1,1 Millionen Dollar an der Schadenersatzsumme, auf die sich Armstrong geeinigt hat. Zusätzlich hat Armstrong akzeptiert, Landis‘ Anwaltskosten für den jahrelangen gerichtlichen Streit zu übernehmen – weitere 1,65 Millionen. Der Grund: Landis hat seinen ehemaligen Weggefährten Armstrong auf der Grundlage eines Gesetzes verklagt, das aus den Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs stammt.

Der sogenannte False Claims Act soll den Staat – in diesem Fall das Staatsunternehmen US Postal – vor Betrug schützen. Wer so wie Floyd Landis einen solchen Betrug zur Anzeige bringt, bekommt bis zu 25 Prozent der Schadensersatzsumme.Landis, der mittlerweile in Denver lebt und dank der Cannabis-Legalisierung im Bundesstaat Colorado ein Geschäft mit Hanfprodukten aufbaut, sieht es als erwiesen an, dass die US Postal-Radprofis ihren Sponsor damals getäuscht haben: Ich weiß nur, wir haben ihnen gesagt, dass wir nicht dopen und deshalb war es eindeutig Betrug.”

Armstrong offenkundig um Imagewandel bemüht

Im Vorfeld des möglichen Prozessbeginns war Lance Armstrong offenkundig darum bemüht, das Image des Radsport-Bösewichts abzuschütteln. So interviewt er seit über einem Jahr Stars und Sternchen in einer Podcast-Sendung und inszeniert sich auf dem Youtube-Kanal seiner Sport-Promotionfirma „WEDU Sports“ als Wohltäter für Bedürftige und als Fitness-Guru.

Paul Greene, einer der renommiertesten US-Anwälte für Sportrecht, glaubt, dass das Armstrong geholfen hat, den Deal mit der Justiz auszuhandeln. Noch immer sei der Texaner in den USA sehr beliebt. Nicht nur durch seine neuerlichen öffentlichen Auftritte, sondern auch durch seine langjährige Wohltätigkeitsarbeit für Krebskranke, so Greene. Die Geschworenen im Gerichtssaal hätte das womöglich milde gestimmt – zum Nachteil der US-Regierung: "Deshalb glaube ich, bestand für die Regierung das Risiko, dass Armstrong gewonnen hätte. Er ist ein amerikanischer Familienvater mittleren Alters. Es wäre schwer gewesen, ihn zu hassen, wenn er in diesem Gerichtssaal gesessen hätte. Und das hat die Regierung verstanden."

Lance Armstrong hatte bis zu 100 Millionen Schadenersatz befürchten müssen

Lance Armstrong hatte offenbar Schlimmeres befürchtet. Bis zu 200 Millionen Dollar soll er während seiner Karriere verdient haben. In Vergleichen mit ehemaligen Sponsoren und Partnern soll er Medienberichten zufolge bereits rund 20 Millionen Dollar verloren haben. Mehrere seiner Luxusimmobilien hat er bereits verkauft. Seine Villa in Austin, Texas, bietet er derzeit im Internet an. Kaufpreis: 7,5 Millionen Dollar.

Lance Armstrong: US Postal hat von Doping profitiert

Armstrong und seine Anwälte argumentieren, dass die unter Doping errungenen Siege des Texaners seinem Sponsor mehr genutzt als geschadet hätten. Das US-Justizministerium und das Unternehmen US Postal argumentieren dagegen. Es ist eine Frage, die so auch schon in den Ermittlungen wegen Betruges im Fall Jan Ullrich in Deutschland diskutiert worden ist. Die Staatsanwaltschaft Bonn sah es 2008 als erwiesen an, dass der Profi des Teams Telekom gedopt, seine Sponsoren deshalb betrogen hatte.

Ullrich musste eine sechsstellige Summe zahlen, damit es nicht zur Klage kommt. Der damalige Bonner Oberstaatsanwalt Fred Apostel, der die Ermittlungen leitete, attestierte eine „weit verbreitete Dopingkultur“ im Profiradsport. Dies habe bei der Entscheidung, Ullrich die Einstellung des Verfahrens unter Auflagen anzubieten, nicht unberücksichtigt gelassen werden können. „Hinzugekommen ist außerdem, dass er seinen guten Ruf verloren hat. Das ist zu berücksichtigen bei der Frage: Wie gehe ich mit dem Rennradfahrer um?”, erklärt Apostel rückblickend auf das Ullrich-Verfahren gegenüber der ARD-Dopingredaktion.

Mehr als 50 Zeugen waren geladen – Nun sagt niemand aus

Im Verfahren gegen Armstrong und den ehemaligen Eigentümer seines Rennstalls, das Unternehmen Tailwind Sports, waren mehr als 50 Zeugen geladen. Keiner von Ihnen wird nun aussagen. So dürfte noch so manches brisante Detail wohl weiter im Verborgenen bleiben, glaubt Travis Tygart, Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA. Er und sein Team hatten die Ermittlungen angestoßen und etliche Beweismaterialien geliefert.

“Wir hatten Beweise, die nahelegten, dass Mitglieder des Teams involviert waren, für die wir nicht zuständig sind. Gegen sie konnten wir nicht vorgehen, auch wenn wir genügend Indizien hatten” so Tygart. Deshalb hoffte der USADA-Chef, dass das US-Justizministerium “diese Dinge nicht nur offenlegt sondern diese Leute auch zur Verantwortung zieht.” Doch das dunkelste Kapitel des Radsports wurde nun wohl für immer zu den Akten gelegt. Und es gibt womöglich nicht wenige, die froh darüber sind.

Stand: 28.04.2018, 14:21

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