WADA - Russlands treuer Helfer

Pillen

Entscheidung auf den Seychellen

WADA - Russlands treuer Helfer

Von Nick Butler

Vorbehaltlich eines plötzlichen Meinungsumschwungs wird die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) an diesem Donnerstag auf den Seychellen einer Empfehlung zustimmen, die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA wieder für richtlinienkonform zu erklären. Skeptiker zürnen, sie opfere ihren Kampf für sauberen Sport den Ansprüchen höherer Politik.

Zuweilen können die Örtlichkeiten eine Rolle spielen, wenn es gilt, die Ernsthaftigkeit von Entscheidungen in der Sportpolitik einzuschätzen.  

Als das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf seiner außerordentlichen Versammlung vom Dezember 2014 mit der Agenda 2020 seinen Reformprozess einleitete, geschah dies in luxuriösem Ambiente in unmittelbarer Nähe der Showrooms von Ferrari, McLaren und Rolls Royce an der Küste von Monte Carlo. Daher konnte man dies kaum als Übergang zu einer neuen, bescheideneren Organisation betrachten, zumal die vorgeschlagenen Änderungen in weiten Teilen nicht als echtes Umdenken wahrgenommen, sondern vielmehr als Augenwischerei abgetan wurden.

Die WADA wird anführen, dass die Wahl des Inselparadieses Seychellen im Indischen Ozean für die entscheidende Sitzung ihres Exekutivkomitees vom Donnerstag (20. September) bereits feststand, lange bevor ihr klar war, dass diese ein entscheidendes Kapitel in der russischen Doping-Saga darstellen würde. Die Wahl eines derart entlegenen Ortes machte es problemlos möglich, eine allzu starke Medienpräsenz zu vermeiden, selbst wenn dies nur ein glücklicher Zufall war. Das Setting, das für einen Spionageroman passender als für ein Geschäftstreffen ist, schottet ein Thema ab, das mittlerweile viel weitreichender ist als einfach nur Sport.

Das Treffen ist nicht nur ein wichtiger Schritt bei der Bewertung der Art und Weise, wie die Organisation auf ihre bisher schwerste Krise reagiert. Es steht vielmehr gleich der gesamte Ruf der WADA als einer glaubwürdigen internationalen Aufsichtsbehörde, für die sauberer Sport die höchste Priorität hat, auf dem Spiel. Hat sie diese Ausrichtung verraten oder macht sie nur den bestmöglichen Zug in der Lage, in der sie sich befindet?

Schreiben des russischen Sportministers

Dass die RUSADA noch immer nicht den Anforderungen des Welt-Anti-Doping-Kodex genügt, liegt weiterhin an zwei Gründen: der Anerkennung des McLaren-Berichts mit seiner Schlussfolgerung, es werde ein "institutionelles" Doping-Programm betrieben, und der Öffnung des Moskauer Labors zwecks Beurteilung des noch vorhandenen Beweismaterials.

Ein Schreiben des russischen Sportministers Pavel Kolobkov vom 13. September ging auf beide Punkte nicht ein.

In dem Schreiben wurde die Entscheidung des Executive Board des IOC vom Dezember "zu den Ergebnissen des [vom IOC beauftragten] Schmid-Berichts" angenommen. Der Bericht war im Wesentlichen eine abgeschwächte Version der detaillierteren Beurteilung von Richard McLaren für die WADA und kam zu dem Schluss, das russische Sportministerium trage eine gewisse Verantwortung für das Doping, selbst wenn es als Organisation nicht vollständig daran beteiligt war.

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Insbesondere erklärte Kolobkov, das Ministerium werde "nach der Wiedereinsetzung der RUSADA und der Zustimmung des russischen Untersuchungsausschusses…sobald wie möglich einen für die WADA und den Untersuchungsausschuss akzeptablen unabhängigen Sachverständigen stellen und Zugang zu der Analysetechnik zur Wiederherstellung ... einer authentischen Kopie der Daten aus dem LIMS (Laborinformationsmanagementsystem) und der analytischen Rohdaten“ einräumen.

Viele benötigten kein großes Nachdenken, um Kolobkovs letzteres Versprechen als einen Bluff zu werten, etwas, das niemals in die Tat umgesetzt wird.

Rücktritt von Beckie Scott

Das Compliance Review Committee (CRC) der WADA traf sich am folgenden Tag und gestand zwar ein, dass die Worte von Kolobkov "hinter dem zurückbleiben, was notwendig ist“, empfahl jedoch, dass Russland wieder aufgenommen wird, wenn auch "unter der strikten Auflage“, dass der Zugang zum Moskauer Labor innerhalb von sechs Monaten gewährt wird und die russischen Behörden dabei Unterstützung leisten, dass die Proben auf der Basis der vorgefundenen Daten innerhalb weiterer sechs Monate erneut getestet werden können.

Falls diese Kriterien nicht erfüllt würden, solle als Empfehlung ausgesprochen werden, dass der Kodex weiter nicht eingehalten sei. Theoretisch scheint dies angemessen. In der Praxis ist es aufgrund der komplexen Schalthebel der Sportpolitik unwahrscheinlich, dass es jemals dazu kommen wird. Ist das Pferd erst einmal durchgegangen, ist es schwierig, es wieder in den Stall zu bekommen.

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Dies erklärt die massive Kritik derjenigen, die sich für sauberen Sport einsetzen und nun noch ernüchterter sind durch die Erklärung der WADA, die zugibt, bei dem Vorschlag habe es sich weniger um eine strikte Einhaltung des Fahrplans, auf den sich alle geeinigt hatten, gehandelt, sondern vielmehr um eine "auf Pragmatismus basierende“"nuancierte Interpretation“.

Eine Reihe durchgesickerter Dokumente unterstrich die Heimlichkeit, mit welcher die WADA kommuniziert, und machte deutlich, dass die Behauptung, die verspätete Veröffentlichung der gesamten Korrespondenz sorge für "vollständige Transparenz“, lächerlich ist. Beckie Scott, die angesehene Vorsitzende der WADA-Athletenkommission, die als Skilangläuferin von Russinnen geschlagen wurde, gegen die bald danach Dopingverdacht erhoben wurde, trat von ihrer Position im CRC zurück. Viele Sportler brachten genau wie sie ihre Besorgnis zum Ausdruck.

Linda Helleland, Norwegens Sportministerin und Vizepräsidentin der WADA hat ebenso angekündigt, gegen den Vorschlag zu stimmen. Dutzende anderer Organisationen haben ebenfalls die plötzliche und scheinbar sporadische Art der Entscheidung kritisiert.

Ausreichend Beweise

Das Compliance Review Committee ist anderer Ansicht. Es wird angeführt vom britischen Rechtsanwalt Jonathan Taylor, der wiederholt eine harte Haltung in der Vergangenheit an den Tag gelegt hat. Sein Komitee führt an, der Unterschied zwischen den Berichten McLarens und Schmids falle lediglich semantisch aus. Faktisch richtig, aber dennoch ein Rückzieher.

Taylors CRC betrachtet korrekterweise das zweite Kriterium, jenes zum Laborzugang, als weitaus wichtiger. Im Mai stand der WADA-Vorstand schon kurz davor, über die Wiedereinsetzung der Russen abzustimmen und sie durchzuwinken. Russland wäre dann ohne weitere Kriterien zugelassen worden, also ohne fortdauernde Bestrafung. Auch diese Wendung ist noch immer nicht vom Tisch, auf den Seychellen jetzt oder später.

Stand jetzt muss Russland die "reinen authentischen Daten“ beibringen, die Akten einzelner Fälle sind zuweilen umfangreicher als 50 Seiten. Die LIMS-Datenbasis ist weitaus knapper gehalten. Sie wird als unzureichend erachtet, um auf ihrer Grundlage irgendwelche Fälle zur Anklage zu bringen, ja nicht einmal soviel rechtliche Handhabe zu liefern, um andere Fälle ausreichend abzusichern. Die "reinen authentischen Daten“ sollten hingegen nun geeignet sein, bei bis zu 10 000 Fällen aus den LIMS-Daten ausreichend Beweise oder eben Entlastung beizubringen.

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Es liegen keine offiziellen Schätzungen vor, aber die Rede ist von Hunderten, vielleicht Tausenden Verurteilungen wegen einer Vielzahl von Substanzen über alle Sportart hinweg. Sollte sich das bewahrheiten, wäre das ein riesiger Erfolg für die Fahnder.

So weit die Theorie. In der Praxis stellen sich mehrere Fragen, und fundierte rechtliche Argumente können im rauen Alltag undurchsichtiger Politik leicht ausmanövriert werden. Hat Russland also überhaupt die Absicht zu helfen? Es wird schwer für das Land, "saubere“ Ergebnisse vorzutäuschen. Die WADA hat schließlich schon Kenntnis von den LIMS-Datensätzen. Aber liegen die Beweise dort überhaupt noch vor? Die Wahrheit ist, dass niemand bei der WADA darauf eine Antwort hat.

Viele haben darauf hingewiesen, dass das Schreiben von Kolobkov nicht auf dem offiziellen Briefpapier mit dem Siegel des Sportministeriums erfolgte. Dies scheint ein seltsames Argument zu sein. Allein: Was passiert, wenn Kolobkov seinen Posten verliert? Viele sind davon überzeugt, dass dies demnächst passieren wird. Sein Nachfolger könnte anführen, dass das Schreiben den Standpunkt einer Einzelperson enthält, nicht jedoch eines Sportministers, und dementsprechend keine Rechtsverbindlichkeit besitzt.

Politik aus dem Prozess heraushalten

Positiv in Pyeongchang: Der russische Curler Alexander Krushelnitskiy

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Was passiert, wenn Russland nicht mitspielt? Das CRC würde wieder empfehlen, die Nichtkonformität festzustellen, aber tatsächlich wäre eine Abstimmung des WADA-Exekutivkomitees dafür erforderlich. Interessiert es jedoch die Mehrheit der Mitglieder in diesem Gremium wirklich, ob Russland ernst meint, was es sagt, oder wollen sie ganz einfach die Wiederaufnahme erreichen und dann einen Schlussstrich unter die ganze Geschichte ziehen?

IOC-Präsident Thomas Bach hat oft bewiesen, dass er Politik prinzipienfesten Entscheidungen vorzieht. Zu vermuten ist, dass er sich eher in dieser Woche daran delektiert, wie die WADA eine innere Zerreißprobe durchschreitet. Das lässt sich leicht an dem Missmut erkennen, mit dem er allzu oft Sportverbände überzog, die sich nicht automatisch seiner Führung unterwarfen.

Auf der Hand liegt: Falls dem Exekutivkomitee sauberer Sport wirklich wichtig ist, sollte es dem CRC Entscheidungsgewalt geben: Nämlich es mit der automatischen Befugnis auszustatten, die Nichtkonformität der RUSADA festzustellen, sofern es den Eindruck hat, dass Russland seine Versprechen nicht hält.

Dies würde dazu führen, dass die Politik aus dem Prozess herausgehalten und die Entscheidung den Experten überlassen wird. Ein wichtiger Faktor, der auf den Seychellen diskutiert werden sollte. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass es dazu kommen wird, da Sportpolitiker ihre Macht nur ungerne aus den Händen geben. Außerdem haben Experten aus der Sicht von Leuten wie Bach die beklagenswerte Tendenz, Entscheidungen nicht aus politischen Gründen, sondern aus sachlichen Erwägungen zu treffen.

Ein Ignorieren der jetzigen CRC-Empfehlung würde indes vermutlich zu weiteren Rücktritten führen – mit noch weiter reichenden Konsequenzen. Aus Sicht des IOC "politisch vorteilhafte“ Neubesetzungen könnten nachrücken, was die Glaubwürdigkeit noch weiter herabsetzen würde.

Ist eine Eskalation denkbar?

In Anbetracht des Ausmaßes eines entsprechenden Public-Relations-Desasters ist es zwar möglich, aber unwahrscheinlich, dass das Exekutivkomitee der WADA in einer Abstimmung die erneute Regelkonformität von Russland feststellt, ohne die CRC-Kriterien zu bestätigen. Dies wäre eine totale, uneingeschränkte Katastrophe für den sauberen Sport und ein letztes Zeichen dafür, dass den Politikern alles egal ist.

In der Klemme

Ein anderer Diskussionspunkt ist die Forderung nach einem "unabhängigen Sachverständigen“, der das Moskauer Labor überprüfen soll.  Im Sport ist aber im Grunde niemand unabhängig. Gebraucht wird eine Person mit der notwendigen Sachkenntnis für das Verständnis der Daten, was mögliche Kandidaten unmittelbar auf eine kleine Schar von Laborexperten reduziert. Doch viele von ihnen sind auch in anderen Organisationen des Sports mehr oder minder fest verankert und haben mitunter bereits Einschätzungen zur russischen Doping-Causa bereits verkündet.

Die Entscheidung der WADA wird nicht leicht sein. Sie sitzt in der Klemme zwischen IOC-Druck und lautstarken Anti-Doping-Kämpfern. Auch wenn es nahe liegt zu schlussfolgern, dass die Entscheidung weit weniger ein moralischer Offenbarungseid ist, als viele bisher annehmen, ist völlig offen, welche Konsequenzen sie haben wird. Und doch wird die Tagung der WADA auf den Seychellen ein entscheidender Testlauf dafür sein, inwieweit die Glaubwürdigkeit der Organisation gerettet werden kann.

Travis Tygart: "Die Bedingungen sind nicht erfüllt" Sportschau 19.09.2018 00:44 Min. Verfügbar bis 19.09.2019 Das Erste

Stand: 19.09.2018, 22:29

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