Bauernopfer Sachenbacher-Stehle

Evi Sachenbacher-Stehle während der Sotschi-Spiele 2014

Russisches Staatsdoping

Bauernopfer Sachenbacher-Stehle

Von Hajo Seppelt, Peter Wozny und Jörg Winterfeldt

Ihr Dopingfall überschattet die Karriere von Evi Sachenbacher-Stehle bis heute. Nach den Aussagen von Whistleblower Rodschenkow sieht sich die Ex-Biathletin selbst vom Verdacht des vorsätzlichen Dopings entlastet.

Enthüllungsbüchern von Whistleblowern schlägt für gewöhnlich von Beteiligten vor allem eines entgegen: große Furcht. Gerade bei dem früheren Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors verhielt es sich da nicht anders. Zu umfangreich hatte jener Grigori Rodschenkow aus seinem sicheren Fluchtdomizil in den USA schon über zahlreiche Verbände und Personen ausgepackt, als dass ausgerechnet sein Buch neuen Schrecken hätte verbreiten können.

Seit Donnerstag ist das Buch im Handel erhältlich. Doch in Deutschland findet sich ein Profiteur der Beichten des Mannes, der den russischen Staatsdopingskandal maßgeblich mitorchestriert hat, indem er mal Betrügercocktails zusammengebraut, mal verräterische Proben verschwinden lassen hat. Wie die Ironie es wollte, steuerte ausgerechnet der Deutsche Olympische Sportbund in Sotschi den auffälligsten Dopingfall bei: A- und B-Probe der Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle fielen positiv aus und bescherten den Winterspielen 2014 angeblich ihren ersten Dopingskandal.

In seinem Buch "The Rodchenkov Affair" beschreibt der Autor nun die Hintergründe. Demnach habe bei den Russen eine "Enttäuschung der ersten Woche, neben dem Mangel an Goldmedaillen" darin bestanden, "dass keine Athleten beim Doping erwischt wurden". Zwar organisierte Rodschenkow für seine Landsleute mit Hilfe des Geheimdienstes und eines ausgeklügelten Plans mit dem Austausch von Proben alles so, dass die eigenen Doper nicht auffliegen konnten, doch hätte er gerne einige "Skalps zum Vorzeigen" für sein schönes modernes Labor gehabt.

"Es musste Blut fließen"

"Das erste Opfer war die deutsche Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle, die kleine Mengen Methylhexanamine nach dem Rennen in ihrem Urin hatte", schreibt Rodschenkow. So wenig und so sehr im Grenzbereich jedoch, dass er Doping nicht für wahrscheinlich hielt und "dass es mir oblag, ob ich ihr Ergebnis melde."[…]"Doch wegen der Dürre an Positivproben musste Blut fließen, also meldete ich es.” Nachdem er sicher gegangen war, dass es sich bei der anonymen Probe nicht um den Code eines russischen Athleten gehandelt habe, "ließen wir den Hammer fallen". Aber Rodschenkow notiert auch: "Es tat mir leid für Evi. Die Bestrafung entsprach nicht ihrem Vergehen.”

Grigori Rodschenkow

War in Sotschi 2014 noch Leiter des Kontrolllabors: Whistleblower Grigori Rodschenkow.

Der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes sieht die neue Wendung differenziert. "Wenn das so ist, wie er das behauptet, und er nicht ein gnadenloser Hochstapler ist, dann wäre es für mich ein systematischer Problemfall der ganz großen Art, dann würde die WADA, der Welt-Anti-Doping-Kampf, schlichtweg konsequent versagen an so einer Stelle, weil's niemals von einer Person abhängig sein darf, wie man mit einer Probe eines Athleten umgeht", sagt Alfons Hörmann, "wenn es nicht so ist, dann würde sich Rodschenkow einmal mehr der Lüge überführen, und das wäre auch ein Schlag in die Magengrube." Gleichwohl aber weist er darauf hin, dass alles am Testergebnis nichts ändert: "Evi Sachenbacher-Stehle hat damals nach eigenem Bekunden fahrlässig Nahrungsergänzungsmittel – in dem Fall wohl einen verunreinigten Tee – zu sich genommen, das hat sie klar und deutlich so bekundet. Sie hat dafür einen hohen Preis bezahlt."

Sachenbacher-Stehle wurde disqualifiziert und geächtet. Dopingfälle bei Olympia, zumal so eine Premiere, spielen immer auf der ganz großen Bühne. Die Weltöffentlichkeit schaut zu und berichtet. Was im Nachgang passierte und frühzeitig bereits den Skandal auf eine Winzigkeit zurechtrückte, lange bevor Rodschenkow sich an sein Buch setzte, registrierten längst nicht mehr so viele. Der Biathlon-Verband ging noch mit aller Strenge gegen Sachenbacher-Stehle vor, obwohl auch er schon feststellte, dass ein verunreinigter Tee Schuld an dem Ergebnis sei. Dass er das im Spitzensport verbotene Stimulans Methylhexanamin enthielt, verschwieg der Hersteller. Sachenbacher-Stehle gar hatte das Tee-Produkt sogar offenherzig in das Formular eingetragen, das sie vor Wettkämpfen auszufüllen hat.

Schadensersatz kassiert

Der Verband sperrte sie also für zwei Jahre, weil er unterstellte, sie habe zumindest die Möglichkeit der Leistungssteigerung durch den Tee in Kauf genommen, obwohl sie die verbotene Ingredienz nicht kennen konnte. Ihr wurde auch zum Verhängnis, dass sie als erfahrene Athletin gleich neun Nahrungsergänzungsmittel einnahm, obwohl vor Verunreinigungsrisiken stets gewarnt wird. Und dass sie sich nicht ausreichend um deren exakte Analyse gekümmert habe, um das Vorhandensein verbotener Substanzen auszuschließen.

Sachenbacher-Stehle klagt über die Behandlung durch den Verband: "Was die IBU abgezogen hat, das war schon krass. Ich war ja bei der IBU im Verhör. Die haben mir dann die gleiche Sperre gegeben wie den EPO-Dopern, wo klar war, dass die wirklich vorsätzlich gedopt haben. In dem Verhör mit der IBU war schon alles geklärt. Da waren die Daten von mir, alles, auf dem Tisch gelegen, dass das wirklich minimalst drüber war, dass das in diesem Tee drin war. Und die haben mir in diesem Verhör wirklich ins Gesicht gesagt, das passt ihnen jetzt ganz gut. Ich hab' die Medien, ich hab' die Presse, und sie möchten jetzt damit ein Zeichen setzen. Da war ich wirklich schon krass enttäuscht, muss ich sagen. Weil es denen irgendwie auch um den richtigen Anti-Doping-Kampf gehen muss und nicht darum, ein Zeichen zu setzen und darum, dass man ein Stück weit das Leben eines anderen zerstört."

In ihrer Beschwerde beim Weltschiedsgericht für Sport CAS ließ sie eine Voreingenommenheit des Verbandes rügen, der von Rodschenkow später angeklagt wurde, russische Doper geschützt zu haben und dessen Präsident ziemlich unehrenhaft das Büro räumen musste. Die IBU habe "einen Sündenbock" gesucht, "an dem sie ein Exempel statuieren" könne, monierte Sachenbacher-Stehle beim CAS. Der CAS schulmeisterte die Biathleten über ein Jahr nach Olympia ziemlich ab. "Wegen geringer Schuld" wurde die Sperre auf sechs Monate eingedampft. Vom Hersteller des Tees bekam Sachenbacher-Stehle nach einer außergerichtlichen Einigung Schadensersatz.

Leben ohne Leistungssport

Rodschenkows Trost verschafft ihr nun verspätete Genugtuung. "Das ist schon wirklich filmreif, dass jemand, der so kriminell agiert und sowas aufbaut, sich dann ein paar Jahre später hinstellt, ein Buch drüber schreibt und das alles preisgibt. Ich meine, ich find's super, dass er's preisgibt, weil so bekommt man ein bisschen einen Einblick. Ich meine, jeder rätselt, keiner weiß, was die da wirklich treiben", sagt Sachenbacher-Stehle der ARD-Dopingredaktion, "ich meine, das ist eh alles schon gut aufgeklärt worden. Aber es ist trotzdem nochmal gut, wenn man sowas hört."

Der Weltverband betrachtet die Angelegenheit als erledigt. "Die Aussagen von Herrn Rodschenkow sind ja für die Faktenlage nicht relevant, denn es gibt keine neuen Fakten", sagt IBU-Pressesprecher Christian Winkler, "Was für uns klar ist: Es gab damals eine positive A- und eine positive B-Probe. Die IOC-Disziplinarkommission hat Frau Sachenbacher-Stehle von den Spielen ausgeschlossen, im Nachhinein wurde das durch zwei Gerichtsbarkeiten, durch die Instanzen bestätigt."

Evi Sachenbacher-Stehle lebt mit ihrem Mann und den zwei Töchtern in Fischen im Allgäu. Sie vermietet heute Ferienwohnungen. "Das begleitet mich, glaube ich, mein ganzes Leben dieses Thema", sagt sie, "nee, also in den Sport möchte ich auf keinen Fall mehr zurückkehren. Ich habe viele Jahre lang Leistungssport gemacht und durch dieses Ende will ich es einfach nicht mehr. Ich schau es gerne an, ich bin auch interessiert an allem, aber ich möchte nichts mehr im Sport machen."

Stand: 31.07.2020, 13:11

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