Verdacht: Spieler aus aktuellem WM-Kader Russlands betroffen

Russisches Staatsdoping: Ungeklärte Fußballer-Proben

Verdacht: Spieler aus aktuellem WM-Kader Russlands betroffen

Von Florian Riesewieck, Hajo Seppelt und Thomas Flehmer

Auffällige Dopingproben von Fußball-Nationalspielern aus dem vorläufigen WM-Kader Russlands sollen in der Vergangenheit nicht ausreichend untersucht worden sein. Einheimische Funktionäre stehen unter Verdacht, die zweifelhaften Befunde aus dem Jahr 2014 vertuscht zu haben. Der ARD-Dopingredaktion wurde aus Weltverbandskreisen ein Dokument zu den betroffenen Proben zugespielt - mit Nummern und zugeordneten Namen der Spieler. Darunter befinden sich Mitglieder des aktuellen WM-Kaders. Im Dezember 2014 hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA im Moskauer Kontrolllabor 155 Proben von Fußballern in Russland beschlagnahmt, unter denen sich auch die der Nationalspieler befinden.

Unklar ist, ob diese Dopingproben inzwischen auf alle nachweisbaren verbotenen Substanzen und Methoden nachgetestet worden sind. Die WADA hatte sie vor etwa einem Jahr an den Weltfußballverband FIFA übergeben. Der Doping-Analytiker Mario Thevis vom WADA-akkreditierten Dopinglabor in Köln erklärt, dass solche Tests problemlos möglich wären: „Analytisch gesehen sind langzeitgelagerte Proben vollkommen intakt und entsprechend auch für jederlei Substanzen, die damals wie heute zu testen sind, heranzuziehen.“ Der weltweit anerkannte Wissenschaftler ergänzt, dass immer der Auftraggeber bestimmt, nach welchen Substanzen gesucht wird. „Wenn das Proben der FIFA sind, dann ist der Auftraggeber die FIFA“. Auf die Anfrage der ARD-Dopingredaktion, ob die FIFA die Proben in vollem Umfang untersuchen ließ, gab es vom Weltfußballverband keine Antwort.

Sportminister im Zwielicht

Witali Mutko zu Besuch im Trainingslager der russischen Nationalmannschaft (im Gespräch mit Torhüter Igor Akinfejew)

Witali Mutko zu Besuch im Trainingslager der russischen Nationalmannschaft (im Gespräch mit Torhüter Igor Akinfejew)

Die 2014 beschlagnahmten Fußballer-Proben waren unter anderem nach Spielen in russischen Fußball-Ligen genommen worden. Nach Aktenlage wurden sie – sofern auffällig - vom Kontrolllabor in Moskau unter den Teppich gekehrt. Die Anweisung kam dabei direkt vom damaligen Sportminister Witali Mutko. Das sagt der frühere Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, Grigori Rodschenkow. „Ich bekam 2008 die Order von Mutko, dass wir keine positiven Fälle im Fußball gebrauchen können“, so Rodschenkow in einem exklusiven TV-Interview mit der ARD-Dopingredaktion. 

Rodschenkow ist Anfang 2016 in die USA geflüchtet. Er steht unter dem Zeugenschutzprogramm des FBI. Der russische Forscher berichtet, dass Fußball-Enthusiast Mutko keine weiteren Probleme für die Sportart in der Öffentlichkeit sehen wollte. So habe der Sportminister gefordert, positive Dopingbefunde nicht weiter zu verfolgen. „Finger weg vom Fußball, okay?“, soll Mutkos Anweisung an Rodschenkow gelautet haben. Der Mediziner sagt, er habe sich dem nicht widersetzt: „Er war mein Chef und ich folgte dem Befehl.“ Mutko ließ eine ARD-Anfrage zu den Vorwürfen unbeantwortet.

Positive Testergebnisse als negativ gemeldet

Das Kontrolllabor hatte positive Fußball-Testergebnisse an das russische Sportministerium geschickt. Dieses wiederum antwortete mit dem Wort „Save“. Laut Richard McLarens Ermittlungen war „Save“ das Codewort zum Vertuschen dopingverdächtiger Befunde.

Die WADA hatte McLaren als unabhängigen Ermittler eingesetzt. Der Kanadier wies in seinem Bericht das russische Staatsdoping nach. Er sieht auch den Fußball in das System integriert. „Es ist dasselbe Muster wie in anderen Sportarten. Die gefundene Substanz ist verboten. Der Sportler selbst wird bei der WADA als negativ gemeldet“, so McLaren.

Sichergestellte Datenbank erhärtet Verdachtsmomente

Weitere Hinweise auf Doping im russischen Sport haben die WADA-Ermittler im vergangenen Oktober in Form einer Datenbank erhalten. Die von Whistleblowern übermittelte so genannte LIMS-Datei erlaubt den Ermittlern den Zugriff auf 63.000 Testergebnisse aus dem gesamten russischen Sport – darunter zahlreiche auffällige Befunde. Die Tests wurden zwischen 2012 und 2015 durchgeführt. Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion betrifft eine hohe zweistellige Zahl dieser Probenresultate Fußballer. Allerdings liegt den Ermittlern die Datenbank lediglich als Kopie vor. Das für die endgültige Wahrheitsfindung benötigte Original befindet sich nach wie vor im Moskauer Kontrolllabor. Doch Russland verweigert den Ermittlern der WADA nach wie vor den Zugang zu den Original-Daten.

Das bestätigt auch WADA-Chef-Ermittler Günter Younger: „Wir haben vier Briefe geschickt und keine Antwort erhalten. Für uns ist es deswegen sehr sehr schwierig, die entsprechenden Beweise nachzuliefern.“

WADA-Chefermittler: Sehr sehr verdächtige Befunde

Die WADA hat die in ihrem Besitz befindlichen Datensatzkopien, die den Fußball betreffen, an die FIFA weitergeleitet. Younger geht davon aus, dass der Weltverband diese Probenergebnisse mit Priorität prüft: „Was ich sagen kann ist, dass wir natürlich Befunde haben, die sehr sehr verdächtig sind und die auch entsprechend ermittelt werden müssen. Wir werden ein sehr wachsames Auge darauf legen, dass auch entsprechend ausermittelt wird.“

FIFA-Präsident Gianni Infantino geht aber davon aus, dass Doping im Fußball keine große Rolle spielt: „Wenn wir im Fußball ein ernsthaftes Dopingproblem hätten, dann wäre das doch lang bekannt – egal ob in Russland oder irgendeinem anderen Land.“ Auch der ehemalige russische Sportminister Mutko erklärte am Rande des derzeit stattfindenden Trainingslagers der russischen Nationalmannschaft in Novorgorsk in der Nähe von Moskau: „Was das Thema Doping betrifft - das ist doch gar nicht aktuell! Schauen Sie, heute sind Sportarten wie Biathlon, Leichtathletik, Radsport vom Dopingthema betroffen, im Fußball gibt es sowas nicht.“ Sein Amt als Präsident des nationalen Fußball-Verbandes lässt Mutko derzeit ruhen.

Im Weltfußballverband werden Kritiker ausgetauscht

Kritische Stimmen haben es hingegen schwer. In der FIFA verloren etliche Funktionäre ihre Ämter, die auch gegen russische Spieler oder Amtsträger ermitteln wollten. Der Weltverband erklärt den Austausch dieser Personen zu einem normalen Vorgang: „Leute kommen, Leute gehen - erst recht in einer Phase der Neuausrichtung unter einer neuen Leitung mit neuen Visionen.“

FIFA-Präsident Gianni Infantino wird wegen seiner Nähe zu Russland kritisiert

FIFA-Präsident Gianni Infantino wird wegen seiner Nähe zu Russland kritisiert

FIFA Präsident Infantino wird derweil ein allzu enges Verhältnis zu den Verantwortlichen des WM-Gastgebers Russland nachgesagt. Ein Fifa-Insider, der anonym bleiben möchte, sagte der ARD-Dopingredaktion, es sei offenkundig, dass „es sich Gianni Infantino mit den Russen nicht verscherzen will. Wer gegenüber Infantino Kritisches gegen Russland sagt, riskiert seine Karriere. Es ist ganz klar, dass Infantino russische Interessen schützen will, um russische Sponsoren nicht zu verprellen.“ Die FIFA äußerte sich auf Nachfrage dazu nicht.

FIFA untersucht die Proben noch

Der Insider äußert sich auch zum Umgang führender Funktionäre mit den Doping-Hinweisen zum russischen Fußball. Man wisse in der FIFA, dass es „starke Verdachtsmomente gegen mehrere Spieler und Funktionäre“ gebe. „Sogar das IOC hat ja letztlich Sanktionen verhängt. Auf die Verdachtsmomente im Fußball aber hat die FIFA mehr als ein Jahr lang so gut wie gar nicht reagiert“, sagt der Insider der ARD-Dopingredaktion. Die Liste mit den 155 verdächtigten Fußballerproben lag der FIFA nach den Aussagen mehrerer Informanten bereits im ersten Halbjahr 2017 vor.

Bei der FIFA heißt es, die Ermittlungen dauerten immer noch an. Der Weltverband erklärte zudem „mit einem neuen Stand sei in den kommenden Wochen zu rechnen.“ Die Frage, ob auch die Proben der unter Verdacht stehenden Fußballer aus dem WM-Kader umfassend untersucht würden, ließ der Weltverband unbeantwortet.

WADA-Sonderermittler Richard McLaren hat keine großen Hoffnungen, dass vor dem Eröffnungsspiel des WM-Gastgebers Russland gegen Saudi-Arabien am 14. Juni noch etwas passieren wird. Die 155 Proben der Fußballer hätten nach Meinung McLarens anhand der WADA-Vorschriften längst untersucht werden müssen. Allerdings ist sich der Ermittler sicher: „Sie haben es nicht getan.“

Stand: 20.05.2018, 16:00

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