Nach WADA-Urteil gegen Russland droht eine Hängepartie

Vladimir Putin

Russland will gegen WADA-Urteil vorgehen

Nach WADA-Urteil gegen Russland droht eine Hängepartie

Präsident Wladimir Putin ist nach den WADA-Sanktionen gegen Russland mächtig sauer. Das Land wird seinen immensen Einfluss als Sportriese nutzen, um seine Interessen durchzusetzen.

Von Einsicht oder gar Reue war wie gewohnt keine Spur. Wladimir Putin wittert im Umgang mit dem Dopingskandal vielmehr eine Verschwörung. Russlands Präsident bezeichnete die verhängte Vierjahressperre gegen sein Sport-Imperium als "politisch motiviert", dem "russischen Olympischen Komitee ist nichts vorzuwerfen". Und natürlich will Putin die Demütigung nicht kampflos hinnehmen: "Wir haben allen Grund, Klage beim CAS einzureichen."

Entscheidung am 19. Dezember

21 Tage Zeit hat das Riesenreich, um gegen die wegen manipulierter Dopingdaten ausgesprochenen Sanktionen vorzugehen. In diesem Fall drohen weitere Wochen und Monate voller Ungewissheit. Laut des Chefs der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA, Juri Ganus, soll eine Entscheidung am 19. Dezember fallen. "Es ist sicher für die Öffentlichkeit und vor allem für die betroffenen Athleten der denkbar schlechteste Weg, es auf langwierige, komplexe und undurchsichtige juristische Verfahren ankommen zu lassen", sagte NADA-Vorstand Lars Mortsiefer dem SID. Doch auch er rechnet mit einem Nachspiel: "Ein Schlussstrich wird weder juristisch noch politisch schnell möglich sein."

Doping: Russischer Sportminister will gegen Sperre vorgehen Morgenmagazin 10.12.2019 01:50 Min. Verfügbar bis 10.12.2020 Das Erste

Denn selbst wenn die RUSADA nicht vor den CAS zieht, haben noch weitere beteiligte Parteien wie beispielsweise internationale Verbände die Möglichkeit dazu. Und wie stehen die russischen Chancen vor dem CAS? Ganus rechnet jedenfalls nicht mit einem Erfolg. "Es gibt keine Möglichkeit, diesen Fall vor Gericht zu gewinnen", sagte er. Auch Jonathan Taylor, Chef der WADA-Prüfkommission CRC, betonte, er rechne nicht mit einer Niederlage vor Gericht.

Russlands großer Einfluss im Weltsport

Russland plant aber offenbar die Konfrontation. Es droht eine monatelange juristische Schlacht, die Russland wohl nur zu gerne austrägt. Schließlich steht für das Land im Kampf um Macht und Millionen sehr, sehr viel auf dem Spiel. Im Sport ist Russland "ein großes, wichtiges Land. Mit China und den USA gehört es zu den Sportriesen", sagte WADA-Gründungspräsident Richard Pound, mit Einfluss auf "vielen Ebenen".

ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt: "Russen werden Einspruch einlegen" Morgenmagazin 10.12.2019 03:13 Min. Verfügbar bis 10.12.2020 Das Erste

Geschickt und mit einem klaren Plan hat sich Russland viel Kontrolle gesichert. Das Land richtet nur zu gerne Events aus, die sonst kaum einer haben und für die vor allem keiner zahlen will - wie die Weltmeisterschaften im Ringen oder im Volleyball 2022. "Sie haben also einen erheblichen Einfluss in den internationalen Verbänden", sagte IOC-Mitglied Pound. Zudem sei Russland im Posten-Geschacher sehr "strategisch" dabei vorgegangen, Strippenzieher in internationalen Verbänden zu positionieren. Dadurch habe man Macht "von innen und außen", sagte Pound.

Russische Geldgeber

Ein Drittel der olympischen Sommer-Sportverbände hat ein russisches Mitglied im Exekutivkomitee, sechs davon haben einen russischen Präsidenten oder Vizepräsidenten. Die Milliardäre Wladimir Lisin (Schützen) und Alischer Usmanow (Fechten) finanzieren "ihre" Verbände quasi alleine. Kein Wunder, dass Sportminister Pawel Kolobkow dem Rest der Welt schon vor dem WADA-Urteil unverhohlen drohte. "Ich denke, dass alle internationalen Organisationen ein Interesse daran haben, sicherzustellen, dass ihr Niveau der Zusammenarbeit mit Russland gleich bleibt", hatte der 50-Jährige gesagt.

Über den Energieriesen Gazprom und die Bank VTB pumpt Russland zudem als Sponsor viel Geld in den Sport - aber wie lange noch? Ein möglicher Boykott der Olympischen Spiele in Tokio ist als Druckmittel in Russland derzeit offenbar kein Thema. Unabhängig vom Ergebnis vor dem CAS "müssen wir zu den Olympischen Spielen fahren und daran teilnehmen", sagte Wassili Titow, Präsident des russischen Turnverbandes, ein Boykott sei "in keiner Weise" eine Option. Und Wladimir Salnikow, Chef des Schwimmverbandes, würde es natürlich bevorzugen, wenn "unsere Athleten unter russischer Flagge teilnehmen und die Hymne ihres Landes hören", aber wenn die Umstände anders sein sollten, hätte "niemand das Recht, den unschuldigen Athleten ihre Träume zu rauben".

"Nur Hymne und Flagge verbannt"

Der renommierte Sportrechtler Michael Lehner würde Russlands Gang vor den CAS begrüßen, alleine schon um Rechtssicherheit herzustellen. "Die kriegen wir im Schiedsgerichtssystem der internationalen Sportgerichtsbarkeit nur über den CAS", sagte er dem SID. Den WADA-Entscheid sieht er jedenfalls kritisch. "Ob das in der Abwägung zwischen Individualschuld und Globalschuld wirklich gerecht und angemessen ist, wage ich zu bezweifeln", sagte der Jurist. Bei einem Einspruch rechnet auch Lehner mit einem langwierigen Verfahren, das sich durchaus bis Olympia 2020 in Tokio ziehen könne. "Das ist eine verdammt kurze Zeit. Ein halbes Jahr beim CAS ist gar nichts", sagte er. Das Problem: Bis zu einer finalen Entscheidung treten keine Sanktionen in Kraft, jeder Einspruch hätte aufschiebende Wirkung.

Manchen internationalen Medien vor allem in den USA und Großbritannien ging die Sanktion unterdessen nicht weit genug. "Die WADA hat nur die Hymne und die Flagge verbannt", schrieb die Washington Post. Der Londoner Guardian meinte: "Im Kleingedruckten der WADA-Entscheidung gibt es Vorbehalte und Kompromisse, zusammen mit hell erleuchteten Wegen für russische Athleten, um weiterhin auf der globalen Bühne Wettkämpfe zu bestreiten."

Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht Sportschau 03.12.2014 58:05 Min. Verfügbar bis 03.12.2099 Das Erste

Stand: 10.12.2019, 15:36

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