Nach Russland-Sperre: Biathleten droht Verlust von Olympiagold wegen Dopings

Jewgeni Ustjugow und Swetlana Slepzowa

Doping

Nach Russland-Sperre: Biathleten droht Verlust von Olympiagold wegen Dopings

Von Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

Dank der Ermittlungsarbeit der WADA-Experten müssen die beiden Biathleten Ustjugow und Sleptzowa befürchten, mit Verspätung doch noch ihre Olympia-Medaillen abgenommen zu bekommen.

In zwei Doping-Altverfahren der Internationalen Biathlon Union (IBU) kommt Bewegung. Die Ermittler Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) haben dem Verband nach Informationen der ARD-Dopingredaktion wichtige oder möglicherweise entscheidende Hinweise geliefert für die Fälle der russischen Biathleten Jewgeni Ustjugow, Olympiasieger 2010 und 2014, nach der Sotschi-Saison 2014 so überraschend wie überstürzt zurückgetreten, und Swetlana Sleptzowa, Olympia-Goldgewinnerin 2010.

Die beiden sind die ersten namentlich bekannt gewordenen Athleten, die von den umfassenden Datenmanipulationen im Moskauer Labor profitiert haben sollen. Aufgrund der vielfältigen Daten-Betrügereien waren die Russen am vergangenen Montag für vier Jahre von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ausgeschlossen worden.

Für die Ermittler ist klar: Ustjugows und Sleptzowas Dopingbefunde sollten vertuscht werden. "Also wir haben die Beweise. Wir haben halt auch festgestellt, dass Daten gelöscht worden sind. Und teilweise konnten wir sie wiederherstellen", sagte Günter Younger, der Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur, der ARD: "Wir haben auch die IBU entsprechend unterstützt, um alle Informationen aus unserer Datenbank dann für das Verfahren zu verwenden."

Zwei Biathlon-Olympiasieger aus Russland unter Doping-Verdacht Sportschau 13.12.2019 05:10 Min. Verfügbar bis 13.12.2020 Das Erste

Oxandrolon und Ostarin

Im Bericht der WADA Prüfkommission steht: In der der IBU von der WADA zunächst zugänglich gemachten Version der Moskauer LIMS-Daten, die ein Whistleblower besorgt hatte, war für Ustjugow eine Urinprobe ausgewiesen worden, die zunächst in einem verdächtigen, dann bestätigten Befund das verbotene Steroid Oxandrolon aufwies. Für die Biathletin Sleptzowa lag demnach eine verdächtige, dann bestätigte Probe auf das verbotene nicht-steroidale Muskelaufbau-Mittel Ostarin vor.

Auf dieser Grundlage gehörten Ustjugow und Sleptzowa zu den vier russischen Biathleten, denen die IBU am 27. August 2018 Mitteilungen über Anti-Doping Rule Violations zustellte und den Vorgang öffentlich machte – zunächst noch, ohne die Namen zu nennen. Im Dezember 2018 veröffentlichte der Verband dann, dass Verfahren gegen Jewgeni Ustjugow, Swetlana Sleptzowa, Alexander Pechenkin und Alexander Chernyshov eröffnet worden seien.

Ende Juni dann teilte der Verband mit, dass gegen Pechenkin und Chernyshov, die des Dopings auf der Grundlage des Moskau Laboratory Information Management System (LIMS) verdächtig gewesen seien, jeweils Vier-Jahres-Sperren aufgrund strafschärfender Umstände wie der Teilnahme an einem organisierten Dopingsystem, verhängt worden waren.

Dopingnachweise russischer Olympiasieger gelöscht

Von Ustjugow und Sleptzowa keine Rede mehr. Der Grund offenbar: Irgendwann bis zum 21. Juli 2016 hatte nach neuen Erkenntnissen der WADA-Ermittler ein Nutzer namens "Quantum" die Befunde und die Rohdaten mit den bestätigten Analysen von Oxandrolon und Ostarin aus der LIMS-Datenbank gelöscht. In dem neuen Datensatz, den die WADA-Ermittler also Anfang des Jahres aus Moskau mitbrachten, fehlte der Dopingnachweis für die beiden Biathleten.

Doch die von der WADA beauftragten unabhängigen Experten für die Untersuchung der aus Moskau mitgebrachten forensischen Daten leisteten offenkundig ganze Arbeit. "Wir haben eine PDF wiederherstellen können bei einem der beiden Athleten, bei dem anderen nicht", sagt WADA-Chef-Ermittler Younger, "jedoch haben wir sehr überzeugende Beweise, dass diese Daten eigentlich vorhanden sein müssten."

Deutsche könnten profitieren

Zusätzlich zitiert die WADA-Prüfkommission den Fall Sleptzowas als Lehrbeispiel dafür, wie die Russen auch noch im vergangenen Jahr alle Erkenntnisse genutzt hätten, um Doping-Strafvereitelung zu betreiben: Im September 2018, also kurz nachdem Sleptzowa über den potenziellen Verstoß benachrichtigt worden war, registrierten sie eine erneute Suche des Nutzers "Quantum" nach Sleptzowa in der Datenbank. Offenkundig wollte sich jemand rückversichern, dass die Löscharbeiten erfolgreich gewesen waren. So steht es im Bericht der unabhängigen Prüfkommission der WADA.

Die IBU hat nun in beiden Fällen am vergangenen Dienstag eine zweite Anhörung durchgeführt. Der Verband hofft, die Akten im Januar endlich mit einem Urteil schließen zu können. Das wäre im Fall Sleptzowa und ihrer im Februar 2010 gewonnenen Olympia-Medaille womöglich von besonderer Bedeutung: Zwar ist unter Juristen strittig, ob in ihrem Fall die 2010 geltende Verjährungsfrist von acht oder die heutige von zehn Jahren gilt oder ob ohnehin längst eine Verjährungsunterbrechung eingetreten ist. Aber die IBU-Juristen wollen auf Nummer sicher gehen und ein Urteil vor Februar 2020 erreichen.

In beiden Fällen haben deutsche Athleten ein gesteigertes Interesse am Ausgang: Ustjugow gehörte in Sotschi 2014 jener Staffel an, die als Erste vor der deutschen einlief. Bei einer Disqualifikation Russlands würde Deutschland nachträglich der Olympiasieg zugesprochen werden. Sleptzowa wiederum war Teil jener russischen Gold-Staffel in Vancouver 2010, die vor Frankreich und Deutschland den Olympiasieg holte. Würden die Russinnen Gold verlieren, bekämen die Französinnen im Nachhinein Gold und die deutschen Frauen Silber.

Stand: 13.12.2019, 14:07

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