Russlands Brief an die WADA - wenig Eingeständnis, viele Forderungen

Drei russische Flaggen bei der Siegerehrung des 50 Kilometer Massenstarts in Sotschi

Russland fordert von WADA ein Ende der Doping-Sanktionen

Russlands Brief an die WADA - wenig Eingeständnis, viele Forderungen

Von Florian Riesewieck, Hajo Seppelt

Russland soll in einem Brief an die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) erstmals die Ergebnisse des McLaren-Reports über systematisches Doping und Dopingvertuschung anerkannt haben. Der ARD-Dopingredaktion liegt nun das Original des Briefs vor.

Erkennt Russland die Berichte über systematisches Doping und Dopingvertuschung im eigenen Land nun an oder nicht? Diese Frage steht im Raum, seit die französische Zeitung L’Equipe am Freitag (25.05.2018) aus einem Brief russischer Funktionäre an die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) zitierte.

Der Brief an die WADA wie er der ARD-Dopingredaktion vorliegt

Der Brief an die WADA wie er der ARD-Dopingredaktion vorliegt

Die Antwort auf die Frage ist deshalb so wichtig, weil sie über die Wiederanerkennung der Russischen Anti-Doping-Agentur mitentscheidet. Die WADA hatte dafür zwei Kriterien aufgestellt: Zum einen müsse Russland unabhängigen Ermittlern Zugang zum Moskauer Anti-Doping-Labor gewähren, wo weitere Beweismittel vermutet werden. Das ist bislang nicht geschehen. Zum anderen müsse es die Ergebnisse des McLaren-Reports anerkennen. Russland hatte die unabhängigen Untersuchungsberichte des kanadischen Juristen stets in Zweifel gezogen. Laut L’Equipe hat sich das mit dem jüngsten Brief an die WADA aber geändert. Die Ergebnisse des Reports würden darin "de facto anerkannt".

"Manipulationen ohne unser Wissen und ohne unsere Genehmigung"

Die ARD-Dopingredaktion kommt zu einem anderen Schluss. Ihr liegt nun das Original des Briefs vor: zweieinhalb Seiten auf Englisch, adressiert an den WADA-Präsidenten Craig Reedie. Unterzeichnet von hochrangigen russischen Sportfunktionären: Pawel Kolobkow (Russlands Sportminister), Alexander Schukow (Präsident Russisches Olympisches Komitee) und Wladimir Lukin (Präsident Russisches Paralympisches Komitee).

Ihr Brief beginnt mit einem Teileingeständnis. Die Unterzeichner sprechen von "nicht zu akzeptierenden Manipulationen des Anti-Doping-Systems" im russischen Sport, die man aufrichtig bedauere. Zwar ist an einer Stelle die Rede von einem "systemischen Dopingschema". Die Schuld dafür liege aber bei Einzelpersonen. Auch einer Beteiligung des Sportministeriums, wie sie Richard McLaren konstatiert hatte, wird ausdrücklich widersprochen. "Wir möchten Ihnen versichern, dass alle Manipulationen und Taten ohne unser Wissen und ohne unsere Genehmigung ausgeführt wurden." Die russischen Funktionäre akzeptieren zwar "die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees", welches das Russische Olympische Komitee von den Winterspielen in Pyeongchang im Februar 2018 ausgeschlossen hat. Eine Anerkennung des McLaren-Reports aber findet nicht statt.

"Begründete Zweifel an der Validität der Belege"

Zugleich sprechen die russischen Funktionäre dem Hauptzeugen des McLaren-Reports, dem Whistleblower Grigori Rodschenkow, die Glaubwürdigkeit ab. So sei es wichtig festzuhalten, dass die jüngsten Entscheidungen des Internationalen Sportgerichtshofs CAS "begründete Zweifel an der Validität der Belege hervorgerufen haben, die der frühere Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors G. Rodschenkow" zur Verfügung gestellt hat. Der CAS hatte im Februar Sanktionen gegen einzelne russische Sportler für ungültig erklärt, weil in einigen Fällen keine ausreichenden Belege für eine individuelle Schuld dieser Sportler existiert hätten. Das System des Dopings und der Dopingvertuschung hat der CAS indes nie angezweifelt.

Russland versichert in dem Brief an die WADA zudem, alle betroffenen Organisationen hätten inzwischen umfassende Reformen angestoßen, um "den Kampf gegen Doping in unserem Land effizienter zu machen". Diesem sorgsam und abwägend formulierten Teileingeständnis folgt im letzten Absatz des Briefes eine deutlicher formulierte Forderung an die WADA. So sei "die Zeit gekommen, dass die WADA die RUSADA wieder voll anerkennt und das Internationale Olympische Komitee, das Internationale Paralytische Komitee und die entsprechenden internationalen Sportverbände russische Athleten wieder genauso zu den großen internationalen Wettkämpfen zulassen wie Sportler anderer Nationen."

WADA lässt den Brief im Juni prüfen

Die WADA erkennt die Russische Anti-Doping-Agentur wegen der Erkenntnisse des McLaren-Berichts seit Mitte 2016 nicht an. Das IOC hat die Sperre gegen das Russische Olympische Komitee zwar wenige Tage nach dem Ende der Winterspiele von Pyeongchang Ende Februar aufgehoben. In einigen Sportarten aber bleiben die Sanktionen gegen russische Sportler bis heute bestehen: So erkennt etwa der Welt-Leichtathletik-Verband IAAF den russischen Verband weiter nicht an. Einzelne russische Leichtathleten dürfen nur dann mit einer Sondergenehmigung unter neutraler Flagge an Wettkämpfen teilnehmen, wenn sie belegen können, dass sie außerhalb des russischen Anti-Doping-Systems getestet wurden und sauber sind.

Einer Anerkennung des McLaren-Reports hatte Russlands Sportminister Pawel Kolobkow unmittelbar nach den Berichten der L’Equipe am Wochenende heftig widersprochen: "Wir sind mit dem McLaren-Report nicht einverstanden, weil er unbegründete Schlussforderungen enthält", sagte Kolobkow laut der russischen Nachrichtenagentur TASS. So wirkt der Brief an die WADA eher wie ein wohl kalkuliertes Minimal-Eingeständnis - mit der dringenden Hoffnung auf eine Gegenleistung. Die WADA hat angekündigt, eine unabhängige Kommission werde den Brief im Juni prüfen.

Stand: 29.05.2018, 15:24

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