Der Versuch, Russlands Dopingskandal zu beerdigen

Rusada-Schild

Der Versuch, Russlands Dopingskandal zu beerdigen

Von Nick Butler

Auf den Seychellen hat die Welt-Anti-Doping-Agentur beschlossen, Russland formal wieder zuzulassen. Aus vielen Ländern kommt schwere Kritik. Interne Skeptiker sollen aggressiv bepöbelt worden sein. Aber die Weiterungen könnten auch noch überraschende Wendungen hervorbringen.

Nach der am Donnerstag auf den Seychellen gefallenen, umstrittenen Entscheidung der Welt-Antidoping-Agentur (WADA), Russland zu rehabilitieren, gibt es nun zwei denkbare Entwicklungen.

Entweder ist dies das Ende der sportlichen Isolation Russlands, wenngleich auch geknüpft an einige Bedingungen. Athleten werden wieder unter russischer Flagge im internationalen Rampenlicht konkurrieren dürfen, obwohl das Land bislang weder die Beweise für ein staatlich gelenktes Dopingprogramm in Russland anerkennt, noch sein Moskauer Dopingkontrolllabor für Inspektoren öffnet. Dies würde die Glaubwürdigkeit des Kampfes für den sauberen Sport schwer beschädigen, und es ist unwahrscheinlich, dass sich die WADA davon jemals erholen würde.

Die zweite Möglichkeit ist, dass sich Russland beugt – so wie es die Sportfunktionäre am Donnerstag immer wieder versprochen haben – und bis Ende des Jahres detaillierte Informationen aus dem Moskauer Labor liefert. Sollte das nicht geschehen oder sollten falsche Informationen geliefert werden, manövriert sich das Land noch weiter ins sportliche Aus als ohnehin schon.

Möglicherweise bis zu 1000 überführte Athleten

Tatsächlich hat die WADA dank eines Whistleblowers bereits Zugang zu 10.000 Datensätzen aus dem Management-System des Moskauer Labors (LIMS). Doch in den meisten Fällen sind diese Informationen kein ausreichender Beweis, um Athleten des Betruges zu überführen. In jedem Fall werden die „reinen analytische Daten“ als Beweisgrundlage benötigt. Doch mithilfe der geleakten Informationen sollte die WADA zumindest nachvollziehen können, nach welchen Fällen sie suchen muss und jeder eventuelle Versuch der Täuschung sollte leicht nachvollziehbar sein.

Sollten ausreichend Informationen für konkrete Ermittlungen geliefert werden, wird Russland kooperieren müssen. Zu wie vielen konkreten Dopingfällen dies führen wird, ist unklar. Schätzungen zufolge könnten es bis zu 1000 sein.

Sollte Russland die gewünschten Informationen nicht bis zum Ende des Jahres liefern, wird WADA’s Compliance Review Committee (CRC) die RUSADA, die nationale Antidoping-Agentur des Landes, erneut für die Suspendierung empfehlen. Und WADA-Boss Craig Reedie hat immer wieder auf den Seychellen versprochen, der Empfehlung zu folgen. Dann liegt es am Internationalen Sportgerichtshof CAS, über der Widerrufung der Wiederzulassung und folgenden Sanktionen zuzustimmen.

Russlands Teilnahme in Tokio 2020 könnte erneut gefährdet sein

Entscheidend ist außerdem – und das war wohl weder den Russen noch dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vor dem Treffen der Funktionäre der Welt-Antidoping-Agentur auf den Seychellen klar – dass der Fall Russlands nun nach den neuen Compliance-Standards der WADA entschieden wird, die am 1. April in Kraft getreten sind.

Darin heißt es zum einen, dass Repräsentanten des Landes von der Teilnahme an Olympischen und Paralympischen Spielen für „einen definierten Zeitraum“ ausgeschlossen werden. Zum anderen erklärt das Regelwerk es für unzulässig, dass das betroffene Land Gastgeber weiterer Olympischer Spiele, Paralympischer Spiele, Weltmeisterschaften oder anderer internationaler Sportevents sein darf, wenn es nicht kooperiert.

Veranstaltungen, die Russland bereits zugeteilt worden sind, müssten dem Land demnach entzogen werden, sofern es „rechtlich und praktisch möglich ist“, heißt es weiter wenig eindeutig. Sicher wäre aber wahrscheinlich, dass Russland gemäß dieser Regeln von den Olympischen Spielen in Tokyo 2020 ausgeschlossen wäre, sollte das Land nicht mit den WADA-Ermittlern zusammenarbeiten.

Doch könnte es tatsächlich soweit kommen?

Jonathan Taylor, der den Vorsitz der mit dem Russland-Fall betrauten Compliance-Kommission CRC innerhalb der WADA inne hat, gilt als integrer Sportrechtler. Zweifel am Interesse der WADA-Exekutive, alle russischen Betrugsfälle umfassend aufzudecken, sind jedoch berechtigt. Stattdessen kommt eher der Eindruck auf, dass die neun Vorständler, die dafür stimmten, mit ihrer Entscheidung (nur zwei sprachen sich dagegen aus, bei einer Enthaltung) einen Schlussstrich unter das Kapitel Russland ziehen wollen.

Bedarf an Gastgebern

Die Europäischen Olympischen Komitees konnten es indes kaum erwarten, kurz nach Veröffentlichung der WADA-Pressemitteilung zur Rehabilitierung Russlands zu verkünden, dass nun die Suche nach einem Gastgeber für die Europaspiele 2023 beginne. Könnte Russland bereits als Gastgeber feststehen? Die Box-Weltmeisterschaften im kommenden Jahr darf Moskau nun behalten. Könnte es gar eine Bewerbung Russlands um die Olympischen Sommerspiele 2032 geben?

Es dürfte schwer sein für die WADA-Exekutive, die Empfehlung der eigenen Compliance-Kommission zu missachten, da dies eine Welle der Kritik nach sich zöge. Dann müsste der CAS entscheiden, dessen Urteile oft inkonsequent scheinen. Hinzu kommt: Der Präsident des Obersten Sportgerichtshofes ist immer noch John Coates. Der Australier ist einer der engsten Alliierten des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach. Der Druck auf Ihn, die „richtige“ Entscheidung zu treffen, dürfte enorm sein.

Am ehesten zu erwarten ist wohl ein windelweicher Kompromiss, dem einige wenige russische Athleten zum Opfer fallen müssen. Das bleibt abzuwarten.

Hat sich der Italiener Francesco Ricci Bitti daneben benommen?

Francesco Ricci Bitti

Francesco Ricci Bitti

Konsequent ist das Handeln des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF und des Internationalen Paralympischen Komitees, die Russland nicht einfach so bedingungslos wieder willkommen heißen. Stattdessen muss das Land vorher bestimmte Kriterien erfüllen.

Bemerkenswert ist auch, dass viele Athleten die Entscheidung der WADA auf den Seychellen mit deutlichen Worten kritisieren. Die meisten dieser Sportler stammen zwar aus einigen wenigen Ländern der westlichen Welt. Aber dieser Einfluss kann letztlich nur positiv für einen Kulturwandel im Weltsport sein.

Gerüchten zufolge soll in der WADA-Exekutive Kritikern gegenüber ein harscher Umgangston herrschen. Demnach soll der italienische Sportfunktionär Ricci Bitti, früher Chef des Welt-Tennisverbandes, die kanadische Vorsitzende der Athletenkommission, Beckie Scott, herablassend angegriffen haben, indem er sie angeblich wissen ließ, gefälligst die Effekthascherei zu unterlassen und sich wieder in ihre Kiste zu verdrücken. Medien hatten zum Meeting der WADA-Exekutive keinen Zutritt. Aber es klingt unerträglich in der modernen Gesellschaft.

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Schon zuvor war wahrnehmbar wie sowohl zu Scott als auch WADA’s nicht minder streitbare Vizepräsidentin Linda Helleland aus Norwegen Formulierungen gewählt wurden wie sie gegenüber älteren Männern ganz einfach niemals verwendet würden.

Ein finales Urteil über den konsequenten Umgang der WADA mit der russischen Doping-Saga wird wohl erst im fünften Jahr nach den Skandalspielen von Sotschi möglich sein. Doch klar ist schon jetzt: Die Hinterzimmer-Diplomatie im Internationalen Sport trägt nicht zur Glaubwürdigkeit bei.

Stand: 22.09.2018, 14:07

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