Doping-Opfer-Hilfe - Ines Geipel tritt zurück

Ines Geipel

ARD-Dopingredaktion: Verein vor spektakulärem Führungswechsel

Doping-Opfer-Hilfe - Ines Geipel tritt zurück

Von Von Jörg Winterfeldt, Hajo Seppelt und Moritz Radecke

Die Vorsitzende des Vereins Doping-Opfer-Hilfe, Ines Geipel, gibt nach Informationen der ARD-Dopingredaktion ihren Posten ab. Aussichtsreichster Nachfolgekandidat soll der Heidelberger Sportrechtler Michael Lehner sein.

Wer sich in den vergangenen Jahren mit den Opfern des DDR-Staatsdopings befasst hat, kam nicht an Ines Geipel vorbei. Die eloquente Schriftstellerin führte ein halbes Jahrzehnt den Dopingopfer-Hilfe-Verein an, sie gab ihm Gesicht und Stimme. Sie kämpfte für die Rechte der Geschädigten, zu denen sie als frühere Sprinterin des SC Motor Jena selbst zählte – so sehr, dass ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Doch zuletzt kam es zu größeren Zerwürfnissen mit zahlreichen prominenten Mitgliedern wie dem früheren Ski-Langlauftrainer Henner Misersky oder dem Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke. Der Verein, der sich einem guten Zweck verschrieben hat, bekam plötzlich schlechte Presse. Der Vorwurf, auch an Geipel persönlich: Der Verein nehme es mit der Prüfung der Antragsteller nicht immer allzu genau, er dulde Trittbrettfahrer, denen es zuvorderst nur um die Einmalzahlung von 10.500 Euro gehe. Geipel weist solche Vorwürfe entschieden zurück, der Verein sei gar nicht zuständig für die Begutachtung, welcher einstige Athlet als Opfer einzustufen sei, sondern das Bundesverwaltungsamt. Und doch werden durch den Streit öffentlich heikle Fragen diskutiert: Ob etwa Opferzahlen zu hoch angesetzt würden - was wiederum eine willkommene Angriffsfläche vor allem für solche Zeitgenossen und Medien ist, die die skrupellosen Seiten des DDR-Sports bis heute eher romantisch verklären. Das Problem: Die öffentlichen Diskussionen jener, die eigentlich hehre Absichten haben, schaden vor allem dem wesentlichen Anliegen: der Unterstützung der vielen nachweislichen Opfer des DDR-Staatsdopings, die oft bis heute mit den gesundheitlichen Folgen ihrer Sportkarriere kämpfen. Und das will eigentlich niemand. 

Neuer Kapitän

Am kommenden Donnerstag trifft sich der Verein zu seiner ersten Mitgliederversammlung nach der Eskalation. Und es scheint ausgemacht, dass der Zoff Konsequenzen haben wird. Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion bahnt sich eine spektakuläre Personalie an: Die Vorsitzende Geipel gibt ihren Posten ab. Geipel selbst wollte gegenüber der ARD-Dopingredaktion dazu nicht Stellung nehmen. Aussichtsreichster Nachfolgekandidat soll der Heidelberger Sportrechtler Michael Lehner sein, ein Mann der ersten Stunde im Verein.

„Ich hab‘ die Vorstandsarbeit der letzten Jahre mitgemacht. Und dann ruft mich die Ines Geipel plötzlich an in dem Streit, den ich natürlich von außen wahrgenommen hab. Und sagt, ja Michael, kannst du ran?“, berichtet Lehner dem ARD-Mittagsmagazin, „diese persönliche Fehde, diese Angriffe, tun dem Ganzen nicht gut. Wir brauchen jemanden, der eigentlich im Streit nicht drinsteht und das Schiff weiter steuern kann.“

Kandidat für die Nachfolge von Ines Geipel: der Sportrechtler Michael Lehner

Kandidat für die Nachfolge von Ines Geipel: der Sportrechtler Michael Lehner

„Den wirklichen Opfern helfen“

Geipels Nachfolger obläge die Befriedung der hochgekochten Stimmung. Der Molekularbiologe Franke sagt zum Dissens mit der Noch-Vorsitzenden: „Ich bestehe darauf, dass ich weiß, wofür dieser Verein da ist. Nämlich den Opfern, den wirklichen Opfern, den beweisbaren Opfern, zu helfen." Franke hat sich einen Namen damit gemacht, die Folgeschäden des Dopings beim Namen zu benennen und Belege für systematische Betrugspraktiken öffentlich zu machen. Er hat Standardwerke verfasst und sich auch der Aufgabe verschrieben, die Originaldokumente aus der DDR zum Staatsdoping archivarisch für die Nachwelt zu sichern.

Franke nennt Geipel - das zeigt, wie gut das Verhältnis einmal war - grundsätzlich nur beim Vornamen. Er hat die Entwicklung des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins miterlebt, auch jene Zeiten zu Beginn, als die unwissentlich Gedopten sich zumeist aus Scham noch nicht trauten, eine Anerkennung als Opfer anzustreben.

Erfolgsmeldungen

Der Heidelberger Forscher sieht es indes als wissenschaftlich unbelegt an, wenn sich zu den physiologischen Spätschäden durch Doping nun auch psychische gesellen sollen: das Phänomen der transgenerationalen Traumatransmission. Geipel beruft sich hingegen auf die Entwicklung der medizinischen Erkenntnisse. „Unsere Arbeit hat sich insbesondere in den vergangenen zwei Jahren stark verändert“, erklärte sie zuletzt, „es wäre fraglos im Interesse der Opfer, wenn eine Debatte vom aktuellen Kenntnisstand ausgeht und nicht auf Sachbezüge rekurriert, die 20 Jahre zurückliegen.“ Die von Kritikern in Zweifel gezogenen Gutachten, sagte Geipel, seien „durchweg von ausgewiesenen Experten erstellt, wissenschaftlich begründet und fachlich unterstützt“.

Der große Streit kommt zu einem seltsamen Zeitpunkt. Eigentlich freut sich der Verein gerade über eine für ihn gute Nachricht: „Erst vor Tagen hat die Bundesregierung das 2. Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz auf den 31. 12.2019 verlängert und den Fonds auf 13,65 Millionen Euro erhöht“, schrieb Geipel in der Einladung zur Versammlung am Nikolaustag an die Mitglieder, „das ist für uns ein großer Erfolg!“

Genau die Zahlen, mit denen sie ihn untermauern will, nehmen ihre Kritiker als Anlass zur Klage. Geipel schrieb: „Mehr als 800 Geschädigte haben mittlerweile einen Antrag auf Entschädigung nach dem 2. DOHG gestellt. Wir sind nun so viele, dass wir intensiv über eine institutionelle Struktur für unsere Arbeit nachdenken müssen.“ Insgesamt erwartet die Berlinerin tatsächlich noch beträchtliche Zuwächse: Bei 15.000 Leistungssportlern im Dopingsystem der DDR hätten Experten „bereits zu DDR-Zeiten mit 15 Prozent mit irreversiblen Schäden“ kalkuliert – „mittlerweile wird eher von 30 Prozent ausgegangen“.

Am 6. Dezember wird der Verein in Berlin in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zusammenkommen. Kaum ein Ort könnte passender sein, darüber zu reden, wie stark die Erblast des DDR-Sports bis heute nachwirkt.

Stand: 04.12.2018, 11:22

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