ARD-Experiment zeigt: Doping-Testflaschen kopierbar

Ein kopiertes BEREG-KIT, wie es in Pyeongchang eingesetzt werden soll.

Manipulierbare Doping-Proben

ARD-Experiment zeigt: Doping-Testflaschen kopierbar

Im Spätsommer 2017 startet die ARD-Dopingredaktion ein Experiment: Ein Journalist holt sich Rat bei Experten und findet in wenigen Wochen einen Weg, wie der Inhalt von Doping-Kontroll-Flaschen ausgetauscht werden kann: Eine Kopie der eingesetzten Glas-Flaschen reicht aus, um Urinproben zu manipulieren.

Und die Kopie zu erstellen, ist leichter als gedacht. Sowohl bei dem Typ, der bis Ende Januar 2018 offiziell genutzt wird und bei den olympischen Sommerspielen in Rio eingesetzt wurde, als auch bei der neuesten Flaschen-Generation, die unter anderem bei den Winterspielen in Pyeongchang für den Einsatz eingeplant ist. Wir haben zuerst die Version nachgebaut, die in Rio eingesetzt wurde.

Schritt 1: Ersatzflaschen bestellen und bedrucken

Wer Kataloge von Glasherstellern durchblättert, findet schnell bauähnliche Flaschen der Doping-Kontroll-Behälter: Eine Vierkant-Flasche, 100 ml, mit speziellem Gewinde. Eine Standard-Flasche, die je nach Hersteller minimale Unterschiede aufweist. Aber die sind kaum sichtbar. Der Rest ist von jedem Siebdrucker zu schaffen, der auch Kaffeetassen bedrucken kann: Er muss lediglich abgerundete Rechtecke auf die Flaschen drucken, in dem passenden Orange und Blau.

Links Kopie, rechts Original. Die Originaldeckel passen auf unsere nachgekauften Flaschen.

Links Kopie, rechts Original. Die Originaldeckel passen auf unsere nachgekauften Flaschen.

Gut für Fälscher: Die Flaschen können in Serie bedruckt werden. Die individuellen Prüfnummern jeder Probenflasche werden erst nachher in die farbigen Etiketten eingelasert. Der aufgeklebte Barcode ist ebenfalls schnell kopiert: Mit einem handelsüblichen Bar-Code-Drucker. Alles mobil machbar, denn der dafür benötigte Lasergravierer und der Drucker passen in jeden Kleintransporter.

Schritt 2: Deckel aus Originalflasche herauslösen

Wir lassen eine Original-Flasche eines offiziellen Prüf-KITs bei einem Glas-Experten aufsägen, und zwar am Flaschenhals kurz unterhalb des Deckels. Der Rest ist für jeden geübten Glasapparate-Bauer ein Kinderspiel. Er nutzt die Eigenschaften des Glases aus und erhitzt die Flaschenreste im Deckel punktuell mit einer heißen Flamme. Sofort zerspringen die Glasreste in feinste Splitter. Die entfernt der Experte und reinigt den Deckel.

Links bedruckte Ersatzflasche (Kopie), rechts das zersägte Original. Gut für Fälscher: Der Deckel ist wiederverwendbar.

Links bedruckte Ersatzflasche (Kopie), rechts das zersägte Original. Gut für Fälscher: Der Deckel ist wiederverwendbar.

Am Ende haben wir einen völlig unversehrten Originaldeckel. Das Überraschende: Der Deckel ist wiederverwendbar und passt auf eine nachgekaufte Ersatzflasche. Also auch auf unsere Flaschenkopie. Die vom Glasexperten eingesetzten Geräte sind ebenfalls in handlicher Form erhältlich. Auch problemlos mitführbar in jedem Kleintransporter.

Manipulation der Urinprobe

Wer Ersatz-Flaschen hat, könnte also offizielle Dopingproben manipulieren: Dazu müsste der Fälscher die Prüfnummer der zu kopierenden Urinprobe wissen, zwei nachgekaufte Ersatzflaschen entsprechend bedrucken und belabeln und darin den sauberen Urin einfüllen. Nun muss er an die Original-Doping-Probe gelangen, den Deckel heraussägen und die Glasreste entfernen. Danach kann er die kopierte Flasche mit dem Originaldeckel versiegeln.

Alles denkbar mit mobilem Werkzeug und vor allem alles machbar in nur wenigen Minuten, wie uns Glas-Apparatebauer, Drucker, und Produktexperten bestätigt haben. Auch wenn es sich aufwändig anhört: Dieser Weg wäre vermutlich viel schneller und unkomplizierter als die Manipulation in Sotschi 2014.

Auch neue Generation kopierbar

Eine frisch hergestellte Kopie des Sicherheitsdeckels der neuesten Generation, mit Hologramm.

Eine frisch hergestellte Kopie des Sicherheitsdeckels der neuesten Generation, mit Hologramm.

Seit Herbst 2017 gibt es ein neues Doping-Proben-Kit. Entwickelt, um Manipulationen wie in Sotschi auszuschließen: Das BEREG-KIT Geneva, ausgestattet mit einem neuen Sicherheitsverschluss samt Hologramm und anderen versteckten Sicherheitsmerkmalen – wie der Hersteller Berlinger Special AG aus der Schweiz betont.

Eine von der ARD-Dopingredaktion beauftragte Produktexpertin zerlegt mehrere dieser Deckel. Nach kurzer Analyse stellt sie fest: Die Deckel bestehen aus handelsüblichen Kunststoffen, handelsüblichen Farben, das Hologramm ist aufgedruckt und ein Chip ist nicht eingebaut. Die Expertin meint: "Ich sag´s mal so: Eine Banknote zu fälschen das ist Schwierigkeitsgrad zehn. Der Deckel hier, der ist gerade mal eine 0,3."

Dieses Blanko-Kit können Fälscher in zwölf Minuten beschriften. Fertig ist die Kopie einer offiziellen Doping-Probe der neusten Generation.

Dieses Blanko-Kit können Fälscher in zwölf Minuten beschriften. Fertig ist die Kopie einer offiziellen Doping-Probe der neusten Generation.

Sie kopiert den Deckel in wenigen Wochen für uns und stellt mit den von uns dazugekauften Flaschen Blanko-Kits her, also Kits der neusten Generation ohne siebenstellige Prüfnummer. Daraus könnte unsere Expertin in zwölf Minuten eine Kopie jedes Original-Kits herstellen, indem sie die Prüfnummer auf die Deckel kopiert, Barcodes nachdruckt und die siebenstellige Prüfnummer in die Etiketten der A- und B-Probe reinlasert. Ebenfalls möglich in einem Kleintransporter.

Als wir Labor-Mitarbeiter und Experten bitten, so erstellte Kopien vom Original zu unterscheiden, bestätigten alle: Auch die Kopie der neusten Dopingkontroll-Flasche samt Deckel hätten sie im Labor als Original eingestuft und nichts Auffälliges gemeldet. Das Problem: Nur bei einer Meldung durch das Labor wird die Flasche genauer untersucht, etwa beim Hersteller. Solange nur der Hersteller die versteckten Sicherheitsmerkmale kennt und überprüfen kann, können Kopien in die Labore geschmuggelt werden, ohne dass sie dort auffallen.

Kopie in Serienfertigung kostet ca. sechs Euro

B-Probe - Was ist Original und was ist Fälschung? Kaum zu unterscheiden.

B-Probe - Was ist Original und was ist Fälschung? Kaum zu unterscheiden.

Die Schwachstelle unsere Kopie sind die Ersatzflaschen. Sie haben kleine Unterschiede zu den Originalflaschen, nur bei genauerer Prüfung zu erkennen. Doch wir haben einen Weg gefunden, auch diese Schwachstelle auszuschalten: Wir haben einen 3D-Scan der neusten Flasche an eine chinesische Glashütte geschickt. Und prompt ein Angebot erhalten: 150.000 Flaschen könnten wir sofort bestellen für gerade einmal 14 US-Cent pro Stück.

Dass die Flasche herstellergeschützt sein könnte, hat uns niemand gefragt. In Massenfertigung kostet eine Kopie der neuesten Doping-Flasche samt Deckel und Etiketten am Ende kaum mehr als sechs Euro. Solche Kopien sind eine Gefahr für das Doping-Kontroll-System, denn für Labormitarbeiter sind diese Kopien mit der bisherigen Sichtkontrolle vermutlich nicht mehr vom Original zu unterscheiden. Selbst wenn der Hersteller fälschungssichere Merkmale in die Flaschen und Deckel eingebaut hat. Die Labore kennen sie bisher nicht und können die Flaschen nicht daraufhin überprüfen.

red | Stand: 29.01.2018, 09:06

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