ARD-Dokumentation belegt: Anti-Doping-Kontrollsystem hat Lücken

Dokumentation am Montag: Kontrollbehälter nicht sicher

ARD-Dokumentation belegt: Anti-Doping-Kontrollsystem hat Lücken

Das weltweite Anti-Doping-Kontrollsystem ist nicht sicher und offenbar manipulierbar. Bei den Recherchen für die Dokumentation "Geheimsache Doping" (MDR/ARD) wurden die bisher als absolut sicher geltenden Dopingkontrollbehälter einer eingehenden Untersuchung unterzogen.

Das Ergebnis: Die von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zugelassenen Gefäße können von unberechtigten Personen geöffnet und wieder verschlossen werden -  ohne, dass dabei Spuren hinterlassen werden. Somit ist ein Betrug, beispielsweise durch einen Austausch der Urinproben, möglich. Unmittelbar vor den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang ist diese Erkenntnis des zweiten Dokumentations-Teils des Teams um den ARD-Doping-Experten Hajo Seppelt äußerst brisant.

WADA-Reaktion: "Potenzielles Integritätsproblem"

Noch vor Ausstrahlung der ARD-Dokumentation am Montagabend (29.01.2018) reagierten die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) sowie das Internationale Olympische Komitee (IOC). Auf ihrer Website veröffentlichte die WADA eine Stellungnahme, wonach "eine Untersuchung zum potenziellen Integritätsproblem" eingeleitet wurde. Zudem erklärte die WADA, man werde "bei Bedarf die geeigneten Maßnahmen empfehlen, um die Integrität des Dopingkontrollprozesses aufrecht zu erhalten". Die Verantwortung für das Problem liege bei der Schweizer Firma Berlinger, wo die Kontrollbehälter hergestellt werden.

Nach Informationen des Sportinformationsdienstes (sid) reagierte das IOC demonstrativ gelassen: "Wir sind zuversichtlich, dass sich die WADA mit allen Problemen vollständig befassen wird", wird ein Sprecher zitiert. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, sprach dagegen von einer "Einladung zur Manipulation" und sagte dem "sid": "Ich kann die WADA nur auffordern, innerhalb der nächsten Tage für Klarheit zu sorgen und in irgendeiner Form - bildlich gesprochen - den Stöpsel drauf zu machen."

Staatlich organisiertes Doping bereits 2008 und 2012

Zurück zur ARD-Dokumentation: Bereits das Fazit des ersten Teils ist für den Weltsport alarmierend: Schon für die Sommerspiele 2008 in Peking und 2012 in London soll es demnach staatlich organisiertes Doping in Russland gegeben haben. Darauf weisen die Aussagen des Kronzeugen für russisches Staatsdoping, Grigori Rodtschenkow, im ARD-Interview hin. Der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors wird von Russland mit internationalem Haftbefehl gesucht und ist im Zeugenschutzprogramm der US-Behörden untergetaucht.

Rodtschenko: Inlandsgeheimdienst organisierte Doping

Rodtschenkow bestätigt zunächst den Inhalt eines Geheimpapiers, welches Seppelt zugespielt wurde. Die Doping-Pläne 2008 wurden für die alltägliche Anwendung unter Federführung des Moskauer Anti-Doping-Zentrums entwickelt. In den Unterlagen dazu heißt es: "Vor Dopingtests geschützt durch umfassenden Urinaustausch... Ersatz-Urin kam von anderen Sportlern oder vom Trainer." Für 2012 ist beispielsweise notiert: "Anabolika wurden mit Whisky... oder Wermut... versetzt, so dass sie sich im Körper schneller auflösen... In Serie wurden neuartige Peptidhormone gespritzt. Sportler waren verpflichtet, sauberen eingefrorenen Ersatz-Urin rund um die Uhr jeden Tag bereitzuhalten."

Für 2014 in Sotschi, sagt Rodtschenkow, wurde das Staatsdoping dann zur Perfektion gebracht. Inklusive Austausch von Urinproben für Russlands Medaillenhoffnungen - laut Rodtschenkow vom Inlandsgeheimdienst FSB organisiert. Nachdem der Betrug von Sotschi durch ein Rodtschenkow-Interview vom Mai 2016 aufgeflogen war, kündigte IOC-Präsident Thomas Bach an: "Kein russischer Athlet kann an den Olympischen Spielen in Rio 2016 teilnehmen - es sei denn: Er oder sie erfüllt einige sehr strenge Kriterien."

Grigori Rodschenkow telefoniert am 23.12.2009 in Moskau (Russland).

Grigori Rodtschenkow (Archivbild)

Eines davon: In Rio sollten nur Sportler starten dürfen, die unabhängig auf Doping getestet worden waren. Heißt vor allem: nicht von russischen Kontrolleuren. Nun liegt Seppelt ein USB-Stick mit interner Kommunikation zwischen dem IOC und den Sommersport-Verbänden vor: mit Statistiken, E-Mails, Briefen, auch direkt an Bach. Immer wieder ist zu lesen: Es mangelt an Information, Details und Teststatistiken fehlen, es wurde nicht getestet. Dies weckt Zweifel, ob man es mit den öffentlich verkündeten, strengen Zulassungskriterien wirklich so genau genommen hat.

ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky: "Mit unseren Dokumentationen zu Doping und Sportpolitik haben wir in der Vergangenheit mehrfach sportpolitische Lawinen ausgelöst. Auch diesmal haben sich die Recherchen gelohnt - es ist ein hervorragendes Hintergrundstück mit bemerkenswerten Neuigkeiten. Aufgrund der Brisanz und der aktuellen Entwicklung haben wir uns entschlossen, beide Themenkomplexe heute Abend im Rahmen einer Doppelfolge auszustrahlen."

"Geheimsache Doping: Das Olympia-Komplott.", Ein Film von Grit Hartmann, Jürgen Kleinschnitger und Hajo Seppelt, Montag, 29.01.2018, ab 22.45 Uhr im Ersten.

red | Stand: 29.01.2018, 09:06

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