Urinaustausch offenbar auch bei Russlands Kambolov

Ruslan Kambolov

Doping-Whistleblower Rodschenkow über Russlands Fußballer

Urinaustausch offenbar auch bei Russlands Kambolov

Von Hajo Seppelt, Florian Riesewieck und Sebastian Münster

Die Vertuschung positiver Dopingproben per Urinaustausch, wie sie während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi im großen Stil stattgefunden hat, gab es offenbar auch im Fußball. Das berichtet Doping-Whistleblower Grigori Rodschenkow exklusiv der ARD-Dopingredaktion.

Demnach sei Doping auch nach Sotschi 2014, und auch nach den ersten Dopingenthüllungen der ARD Ende 2014, im Fußball mit Unterstützung des Geheimdienstes FSB vertuscht worden, schildert Rodschenkow aus seinem Exil an einem geheimen Ort in den USA.

Vertuschte Probe aus 2015 gehörte Nationalspieler Kambolov

Rodschenkow führt dabei das Beispiel Ruslan Kambolov an. Recherchen der ARD-Dopingredaktion belegen jetzt, dass eine Dopingprobe vom Frühsommer 2015, von der die WADA-Ermittler glauben, sie sei vertuscht worden, dem russischen Nationalspieler gehört.

Die Urinprobe mit der Nummer 3878295 hatte das Moskauer Labor positiv getestet, der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA aber offenbar nie gemeldet – so wie es den Ermittlungen zufolge auch in zahlreichen anderen Fällen geschehen ist.

Rodschenkow dokumentiert Urinaustausch im Fußball in Tagebüchern

Entdeckt worden war bei Kambolov das im Wettkampf verbotene Mittel Dexamethason. Doch was geschah danach mit dem Urin?

Das zeigen die Tagebuchaufzeichnungen des Doping-Kronzeugen Rodschenkow, die der ARD-Dopingredaktion in Auszügen jetzt erstmals vorliegen: Demnach ist am 10. Juni 2015 ein gewisser Blochin ins Labor gekommen. Gemeint ist damit FSB-Geheimagent Jewgeni Blochin - der Mann, der Ermittlern zufolge den Austausch positiver Proben gegen sauberen Urin bei Olympia in Sotschi organisiert hatte. Er brachte an jenem Juni-Tag, so das Tagebuch, die "Zauberkünstler" mit, die "Vier Kunststücke" vollbrachten. "Gott sei Dank lief alles gut", schreibt Rodschenkow.

Auf ARD-Anfrage zu Kambolov erklärt Rodschenkow weiter, man habe Tarnbegriffe wie diese für die Manipulation benutzt. Demnach sei Kambolovs Urin an diesem Tag im Juni 2015 "definitiv ausgetauscht worden", so Rodschenkow. "Kambolov wurde als Dopingfall eingestuft. Die FIFA weiß das."

Glaubt man also Doping-Whistleblower Rodschenkow, wurde Kambolovs Probe ausgetauscht und ist verschwunden. Der Fall stellte die FIFA nach ARD-Informationen vor erhebliche rechtliche Schwierigkeiten im Detail. Trotz der klaren Hinweise auf Manipulation wurde Kambolov kürzlich freigesprochen - aus Mangel an Beweisen, wie es hieß.

"System Sotschi": in mindestens einem Fall auch vorläufiger russischer WM-Kader betroffen

Anhand des Falls Kambolov ergibt sich also: In der russischen Fußballnationalmannschaft wurde demnach in mindestens einem Fall genau so wie bei den Olympischen Winterspielen 2014 mithilfe des Geheimdienstes manipuliert - Probenbehälter geknackt und Urin ausgetauscht.

Der Spieler selbst erklärte, er habe das Mittel Dexamethason rund drei Wochen vor dem positiven Test im Training, wo es erlaubt ist, zu sich genommen. Gemessen wurde im Test nach ARD-Informationen eine Konzentration, die fünfzehn- bis zwanzigmal höher ist als der Wert, den man als auffällig melden muss.

Präsentation des Dopingkits des Fußball-Weltverbands FIFA

Dopingkit des Fußball-Weltverbands FIFA

Mario Thevis, vom WADA-akkreditierten Kölner Dopingkontrolllabor hält diese Erklärung für „sehr unwahrscheinlich“. Messwerte wie diese zeigten sich demnach "etwa zwölf bis 24 Stunden nach Einnahme". "Diese sinken aber üblicherweise innerhalb von 24 Stunden unter die zu meldenden Konzentrationen im Urin des Sportlers ab", so Thevis.

Auffällig: Kurze Zeit später wurde Kambolov wieder aus dem WM-Kader gestrichen. Wegen einer, so hieß es, Verletzung. Wollte Russland nur weitere Negativ-Schlagzeilen während der WM vermeiden?

Ausreisekontrollen für Russlands Kader vor WM 2014

Aus dem Email-Verkehr des Doping-Kronzeugen Rodschenkow geht zudem hervor, dass es beim russischen Kader kurz vor der WM 2014 in Brasilien Ausreisekontrollen gegeben haben dürfte, um zu prüfen, ob alle Spieler zu diesem Zeitpunkt sauber sind. Ausreisekontrollen sind ein Indiz für eine mögliche Manipulation im Vorfeld. Der Doping-Drahtzieher Rodschenkow sollte mithilfe von Dopinganalysen untersuchen, ob - so das übliche Codewort - die Spieler "gesund" seien.

Bei einer Razzia im Dezember 2014 hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur Tausende von Dopingproben im Moskauer Labor sichergestellt. Unter den Proben befanden sich auch 155 von russischen Fußballern, wie WADA-Chefermittler Richard McLaren später bekanntgab. Die Ermittler mutmaßten, dass auch diese Teile des staatlichen Vertuschungssystems waren.

FIFA und WADA intransparent bei Nachtests auffälliger Fußballer-Proben

Die FIFA erklärte kürzlich, die Proben, die zum Teil auch von Spielern aus dem aktuellen russischen WM-Kader stammen, nachgetestet zu haben. Die Analyseergebnisse seien negativ gewesen.

Die ARD-Dopingredaktion fragte daraufhin bei der FIFA an, was für Tests konkret durchgeführt worden sind - ob nach allen entdeckbaren Substanzen im Urin tatsächlich gesucht wurde.

Die FIFA ging in ihrer Antwort auf die konkrete Fragestellung zu den Substanzen allerdings nicht ein, sondern teilte mit, die Nachtests seien "gemäß den Empfehlungen der WADA" erfolgt. "Für weitere Anliegen schlagen wir vor, Sie kontaktieren die WADA."

Die Anfrage der ARD bei der WADA wurde so beantwortet: "Das sind tatsächlich Fragen für die FIFA und nicht für die WADA."

Der Eindruck bleibt haften: Die obersten Dopingaufklärer und der Weltfußballverband schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu, ohne konkrete Fragen nach den Nachtests zu beantworten.

So bleibt Skepsis, wie groß der Aufklärungswille wirklich ist. Die mangelnde Transparenz führt dazu, dass Zweifel zum russischen Fußball fortbestehen.

Stand: 18.06.2018, 19:00

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