"Tragödie für unseren Sport" - Empfehlung für Olympia-Ausschluss Russlands im Jahr 2020 wahrscheinlich

Das komplette Interview mit RUSADA-Chef Ganus Sportschau 22.10.2019 23:45 Min. Verfügbar bis 22.10.2020 Das Erste

Juri Ganus im ARD-Interview

"Tragödie für unseren Sport" - Empfehlung für Olympia-Ausschluss Russlands im Jahr 2020 wahrscheinlich

Von Hajo Seppelt, Jörg Mebus und Anne Armbrecht

Russlands oberster Doping-Jäger Juri Ganus kritisiert die Mächtigen in der russischen Sportpolitik scheinbar überraschend hartnäckig. Nach dem neuesten Skandal um offenbar manipulierte Labordaten führte er einen Rundumschlag gegen das System im eigenen Land "im Interesse der heutigen Sportgeneration", sagt er - oder steckt viel mehr dahinter?

Juri Ganus ist auf den ersten Blick ein Freund klarer Worte, die er scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste formuliert. "Das ist eine wahre Tragödie für unseren Sport", sagt der Leiter der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA im Interview mit der ARD-Dopingredaktion. Im Zusammenhang mit den jüngsten Vorwürfen, Russland habe massenhaft Labordaten manipuliert, fordert er "dringend neue Köpfe", bringt den Rücktritt von Sportminister Pawel Kolobkow ins Spiel und räumt indirekt sogar die Existenz eines staatlichen Betrugssystems im russischen Sport ein.

Nach ARD-Informationen prüfen Ermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA noch immer unter Hochdruck die von russischer Seite vorgelegte Stellungnahme zum Vorwurf der umfangreichen Labordatenmanipulation und haben Moskau bis zum 23. Oktober um die Beantwortung weiterer Fragen aufgefordert. Wie aus Ermittlerkreisen zu erfahren war, wird spätestens Mitte November mit einer Entscheidung gerechnet. Sollten dann Beweise für bewusst herbeigeführte Manipulationen der Labordaten in hinreichendem Ausmaß vorliegen, rechnen Verfahrensbeteiligte mit der Empfehlung eines Ausschlusses Russlands mindestens von den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio.

Zu den anhaltenden Gerüchten und Mutmaßungen befragt, hinter dem neuen Skandal könnte ein perfider Schadensbegrenzungsplan der Russen stehen, sagt Juri Ganus im ARD-Interview nur einen einzigen Satz, bevor er das Thema weiträumig umschifft: "Nein, das ist nicht richtig." Nun haben neutrale Beobachter, die die ungeheuerlichen Vorgänge rund um die russischen Manipulationen während der Winterspiele 2014 in Sotschi und die Aufdeckung eines staatlichen Dopingsystems durch den McLaren-Report aufmerksam verfolgt haben, schon zu viele Volten und falsche Dementis erlebt, als dass ihnen ein einfaches "Das ist nicht richtig" als Erklärung ausreichen würde.

Sollte die Manipulation entdeckt werden?

Die Tatsache, dass Ganus eine Beteiligung seiner Behörde an den Manipulationen am riesigen Datensatz des Moskauer Dopinglabors kategorisch von sich weist, lässt die Kochtöpfe in der Gerüchteküche förmlich überkochen. So irrwitzig es klingt: Theoretisch könnten die neuesten Verstöße dazu führen, dass ein Ausschluss der russischen Olympiamannschaft für Tokio 2020 und Peking 2022 in weite Ferne rückt.

Dies könnte so funktionieren: Der Manipulation der Datensätze folgt eine Suspendierung der RUSADA durch die Exekutive der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), die theoretisch nach einer Änderung der Regularien durchaus auch eine Olympiasperre empfehlen könnte. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat in Person seines deutschen Präsidenten Thomas Bach bereits angedeutet, die WADA als führende Organisation des Prozederes zu akzeptieren: "Wir vertrauen der WADA. Es liegt in ihren Händen." Sollte eine Olympiasperre erfolgen, wäre ein postwendender russischer Einspruch vor dem Internationalen Sport-Schiedsgericht CAS die zu erwartende Konsequenz.

Die Lausanner Richter könnten dann Folgendes feststellen: Da der RUSADA an den jüngsten Betrügereien keine Beteiligung nachzuweisen ist, wäre eine Suspendierung der Agentur ebenso unzulässig wie ein Olympiabann des russischen Teams. Die möglichen Schuldigen im Sportministerium und im Untersuchungskomitee, das direkt an Präsident Wladimir Putin berichtet, sind nicht zweifelsfrei zu identifizieren und fallen ohnehin nicht in die Gerichtsbarkeit des CAS.

Selbst nachträgliche Sperren gegen russische Sportler, deren Dopingproben in den Datensätzen vielfach aufgefallen waren, sind nach jetzigem Stand möglicherweise ungleich schwerer zu verhängen. Schließlich ist der Datensatz ja angeblich nachweislich manipuliert, und auf der Grundlage eines manipulierten Beweismittels lässt sich kein gerichtsfester Dopingnachweis führen.

Vielleicht, so die Verschwörungstheoretiker, nimmt Russland ja gerne in Kauf, als Manipulator einer Datenbank dazustehen, entginge es im Gegenzug einem Olympiaausschluss und Sperren weiterer seiner Sportstars. Es wäre womöglich das kleinere Übel. Und Juri Ganus begleitet zur Ablenkung den Prozess mit ein wenig Getöse, spricht den Russland-Kritikern aus der Seele - und lässt die RUSADA weltweit besser dastehen. Soweit die denkbare russische Strategie, wie sie hinter den Kulissen von Kritikern für möglich gehalten wird.

Handeln wie das IPC 2016?

Nach ARD-Informationen ist aber keineswegs gesichert, dass solch eine Strategie aufgehen würde. Verfahrensbeteiligte, die nicht genannt werden wollen, setzen darauf, dass im Falle einer finalen Entscheidung am Internationalen Sportgerichtshof CAS über die RUSADA-Zulassung und somit womöglich auch über eine Teilnahme Russlands an den Olympischen Spielen einem Beispiel aus dem Jahr 2016 gefolgt werden könnte. Damals hatte das Internationale Paralympische Komitee (IPC) die nationale paralympische Organisation Russlands (RPC) vollständig von den Paralympics in Rio ausgeschlossen - mit dem Argument, dass das RPC die Anti-Doping-Regeln in seinem Zuständigkeitsbereich nicht umgesetzt habe. Dieser Argumentation folgte 2016 der CAS und stand damit im Kontrast zu der Auffassung des IOC, das für russische Olympia-Sportler keinen generellen Olympia-Bann verhängt hatte.

Nach langem Tauziehen hat die WADA die Datenbanken des Moskauer Kontrolllabors Anfang des Jahres erhalten - doch womöglich sind sie manipuliert.

Nach langem Tauziehen hat die WADA die Datenbanken des Moskauer Kontrolllabors Anfang des Jahres erhalten - doch womöglich sind sie manipuliert.

Die mutmaßlichen Manipulationen der Moskauer Labordaten bieten zudem nach ARD-Informationen womöglich sogar relevante Hinweise für Dopingnachweisverfahren. Der Abgleich der angeblich veränderten oder gelöschten Passagen in der russischen Datenbank mit den internationalen Dopingfahndern bereits vorliegenden Informationen zu verdächtigen Sportlern könnte zumindest im Einzelfall die Identifizierung von Dopingtatbeständen erleichtern.

"Es braucht eine neue Person"

Ganus will sich auf derlei Spekulationen im ARD-Interview nicht einlassen. Stattdessen weist er die Schuld an der jetzigen Lage entschieden von sich und seiner Behörde. "Wir hatten keinerlei Zugang", sagt er. Die Daten standen demnach quasi unter Staatsschutz. "Für diesen Vorgang war der Sportminister der Russischen Föderation verantwortlich." Und: "Das ist die eine Seite. Eine andere Seite ist das Untersuchungskomitee, das dafür verantwortlich war, die Datenbank und alle Materialien zu kontrollieren."

Die Frage, ob nun der Sportminister, Fecht-Olympiasieger Pawel Kolobkow, zurücktreten sollte, beantwortet der RUSADA-Chef indirekt mit einem Ja. "Es braucht eine neue Person, die führen kann und diese Krise lösen wird." Im Moment sei Kolobkows "Mission beendet". Und auch eine weitere Aussage birgt vordergründig Sprengstoff, denn die Manipulation der Labordaten kann sich Ganus nur durch einen staatlich orchestrierten Vorgang erklären: "Wenn wir es richtig betrachten, befand sich die Datenbank unter der Kontrolle einer staatlichen Organisation", sagt er - und bestätigt damit indirekt den begründeten Verdacht der staatlichen Dopingvertuschung in Russland.

Ganus, seit 2017 Leiter der RUSADA, stellt sich in dem Interview als Idealist dar. "Ich arbeite im Interesse unserer heutigen Sportgeneration", sagt er. Russland habe ein "Problem mit der Integrität" und benötige Veränderungen. "Echte, gravierende Veränderungen." Er gehe nach jetzigem Stand davon aus, dass das russische Team von den Spielen in Tokio und Peking ausgeschlossen werde. "Uns muss bewusst sein, dass hier von der russischen Sportbehörde der Prozess der Integration und Kooperation zerstört und das von der Regulierungsagentur erwartete Vertrauen und die Transparenz im Untersuchungsverfahren missbraucht wurden", sagt Ganus. "Das ist ein großes Problem." Dem wolle er mit "neuen Ansätzen", "neuen Entscheidungsträgern" und einer "Null-Toleranz-Kultur" bei Doping entgegenwirken.

Und er sagt: "Die Wahrheit ist auf meiner Seite." Möglicherweise. Möglicherweise aber auch nicht.

Stand: 23.10.2019, 19:47

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