Rodchenkov Act: US-Behörden sollen weltweit gegen Doping ermitteln

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Gesetz passiert US-Senat

Rodchenkov Act: US-Behörden sollen weltweit gegen Doping ermitteln

Von Robert Kempe

In den USA hat ein Gesetz den Kongress passiert, das es den US-Behörden künftig erlaubt, international gegen Doping-Netzwerke vorzugehen. Der Rodchenkov Act zielt vor allem auf die Hintermänner des Dopings. WADA und IOC sind skeptisch.

Für Travis Tygart, den Chef der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA war es ein "monumentaler Tag für den Kampf gegen Doping im Sport". Anfang dieser Woche stimmte nach dem Repräsentantenhaus auch der US-Senat dem sogenannten Rodchenkov Act zu. Jetzt braucht es nur noch der Unterschrift von Präsident Donald Trump damit das Anti-Doping-Gesetz, dass parteiübergreifende Unterstützung fand, rechtskräftig wird.

Hintermänner im Visier

Das Gesetz erweitert die Kompetenzen von US-amerikanischen Strafverfolgungsbehörden gegen Doping vorzugehen. Doping-Verschwörungen, die auf große internationale Sportveranstaltungen abzielen, sollen kriminalisiert werden. Dabei zielt das Gesetz nicht auf dopende Sportler, vielmehr stehen kriminelle Netzwerke im Fokus, die am systematischen Dopingbetrug beteiligt sind und im Hintergrund die Fäden ziehen.

Die USA konzentrieren sich auf Personen, die "einen Plan zur Beeinflussung größerer internationaler Sportwettbewerbe durch die Verwendung eines verbotenen Wirkstoffs oder einer verbotenen Methode in die Tat" umsetzen oder dies versuchen, heißt es im Text des neuen Gesetzes.

Im Fokus stehen die Hinterleute: Dealer, Ärzte, Betreuer, Trainer und Funktionäre, die Doping unterstützen und ermöglichen, auch im Ausland. "Das Gesetz schafft die Möglichkeit, die strafmäßig zu verfolgen und zur Verantwortung zu ziehen, die sich zusammentun und verschwören", erklärt Travis Tygart im Gespräch mit sportschau.de. Es fülle so die Lücken im derzeitigen Anti-Doping-Kampf.

Beteiligung von US-Athleten und Sponsoren erlauben Zugriff

Travis Tygart

Tygart ist einer der international anerkanntesten Dopingjäger. Mit seiner Agentur legte er akribisch den jahrelangen, systematischen Dopingbetrug um den Radfahrer Lance Armstrong offen. Und im vergangenen Jahr deckte Tygarts USADA die Praktiken rundum das prestigeträchtige Nike Oregon Project auf.

"Es gibt Personen im Sport, die nicht unter die Regeln des WADA-Codes fallen und zur Rechenschaft gezogen werden können. Sportfunktionäre wie etwa Tamas Ajan, der positive Dopingproben vertuscht hat und wohl mit anderen konspiriert hat", sagt Tygart. Ajan war 20 Jahre Präsident des Internationalen Gewichtheber-Verbandes, sein Wirken an der Spitze war geprägt von tiefer Korruption und breiten Dopingbetrugs. Laut einer Untersuchung, ausgelöst durch die ARD-Dokumentation "Der Herr der Heber", ist der Verbleib von 10 Millionen Euro ungeklärt, 40 positive Dopingfälle wurden vertuscht. "Ajan kommt bisher ungeschoren davon. Wir glauben, dass das Gesetz dem globalen Anti-Doping-System einen dringend benötigten Schub geben wird."

Die Vorraussetzungen dafür, das US-amerikanische Strafverfolgungsbehörden nun bald auch gegen Doping-Netzwerke außerhalb der USA ermitteln können, sind im Gesetz genau festgelegt: Die Sportveranstaltungen müssen dem WADA-Code unterliegen, es müssen amerikanische Athleten antreten und die Veranstaltungen müssen von Sponsoren finanziert sein, die in den USA Geschäfte machen, oder es sind Fernsehrechte für den amerikanische Markt verkauft worden.

Geheimsache Doping - der Herr der Heber Sportschau 18.04.2020 45:00 Min. Verfügbar bis 18.04.2021 Das Erste

Kritik von WADA und IOC

Der Rodchenkov Act ist nach dem ehemaligen Leiter des russischen Anti-Dopinglabors benannt. Grigorij Rodtschenkow war daran beteiligt, ein ausgeklügeltes Dopingsystem zu entwickeln. Positive Tests gedopter russischer Sportler ließ er im Moskauer Labor verschwinden. Rodtschenkow floh nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 in die USA. Dort packte er über den systematischen Dopingbetrug in Russland an dem Sportfunktionäre, Regierungsmitglieder und Geheimdienste beteiligt waren, umfassend aus. Er lebt heute an einem geheimen Ort und muss um sein Leben fürchten.

Das Gesetz stößt in der internationalen Sportwelt auf Kritik. Die USA könnten sich damit unabhängig von der Welt-Anti-Doping-Agentur machen, befürchten Kritiker. Die oberste Aufsichtsbehörde im Kampf gegen Doping warnt vor "überschneidenden Gesetzen in verschiedenen Gerichtsbarkeiten, was die Anwendung von Anti-Doping-Regeln weltweit gefährdet. Diese Harmonisierung der Regeln ist das Kernstück des globalen Anti-Doping-Programms." Im extraterritorialen Ermittlungsanspruch der amerikanischen Behörden sieht die WADA, die Gefahr, dass andere Nationen nachziehen könnten, dies sei "für die Dopingbekämpfung und die Athleten aus allen Ländern, einschließlich der USA, nachteilig."

Außerdem kritisiert die WADA, dass im Gesetzentwurf der US-Sport nicht aufgeführt ist. Die amerikanischen Profiligen und der College-Sport haben den WADA-Code bisher nicht unterzeichnet. "Wenn das Gesetz für den amerikanischen Sport nicht gut genug ist, warum ist es dann für den Rest der Welt gut genug?" fragt die WADA in einem Antwortschreiben auf eine Anfrage von sportschau.de.

Unterstützung erhält die Agentur dabei vom Internationalen Olympischen Komitee. Man nehme die Entscheidung des US-Senats zur Kenntnis, erklärte ein IOC-Sprecher. Man wolle die US-Profiligen weiterhin ermutigen, den WADA-Code anzuerkennen. Das IOC, als Besitzer der Olympischen Spiele, muss damit rechnen, dass bei Dopingbetrug bei seiner Veranstaltung, für deren Übertragung der US-Sender NBC Milliarden springen lässt, bald amerikanische Ermittler tätig werden.

Weiter sieht die WADA, deren mangelnde Unabhängigkeit vom IOC immer wieder kritisiert wird, im Rodchenkow-Gesetz die Gefahr, dass die Zusammenarbeit mit Whistleblowern komplizierter werden könnte. Diese könnten dadurch mehren Gerichtsbarkeiten ausgesetzt werden. "Die Ermittlungskapazität der WADA und anderer Anti-Doping-Organisationen wird dies stark beeinträchtigen."

FIFA-Ermittlungen als Beispiel

In den Ausführungen der WADA sieht USADA-Chef Travis Tygart vor allem Panikmache und Fehlinterpretation. Seit Jahren würden WADA und IOC sich weigern, entschieden gegen korrupte Sportfunktionäre vorzugehen. "Sie wollen wohl nicht, dass sie oder ihre Freunde zur Rechenschaft gezogen werden und sie unbedingt nach den Regeln spielen müssen."

Was passiert, wenn US-Behörden im globalen Sport ermitteln, zeigt das Beispiel FIFA. Jahrelang ermittelten die Bundespolizei FBI sowie die US-Steuerbehörde IRS auf Grundlage des Anti-Mafia-Gesetzes Rico im FIFA-Sumpf. Dies führte zu einer spektakulären Verhaftungswelle im weltweiten Fußball-Milieu. Seit 2015 wurden so mehrere FIFA-Funktionäre festgenommen. Die Verfahren ziehen sich bis heute hin.

Mit dem Rodchenkov Act droht nun auch den Hintermännern des Pharmabetrugs im Sport ein solches Szenario. Wenn das Gesetz rechtskräftig wird, drohen Doping-Konspirateuren bis zu zehn Jahren Gefängnis und einer Million Dollar Strafe.

Stand: 20.11.2020, 10:12

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