Menschenversuche im DDR-Sport: Fragen und Antworten zur Recherche

Geheimsache Doping: Menschenversuche-Symbolbild

Neue Dokumentation

Menschenversuche im DDR-Sport: Fragen und Antworten zur Recherche

"Menschenversuche - Die heimlichen Experimente im DDR-Sport" heißt die neue ARD-Dokumentation aus der Reihe „Geheimsache Doping“. Sie zeigt: In der DDR wurden an Freizeitsportlern Eingriffe und Behandlungen durchgeführt, die den Stars der Szene nicht zugemutet werden sollten. Die ARD-Dopingredaktion beantwortet die wichtigsten Fragen zur Recherche.

Welche neuen Erkenntnisse ergeben sich aus der Recherche?

In der DDR wurden spätestens seit Beginn der Siebzigerjahre und bis kurz vor der Wende Experimente an Freizeitsportlern durchgeführt. Solche Versuche sollten den Sportstars nicht zugemutet werden. Dieser Aspekt fand in der Aufarbeitung des DDR-Staatsdopings, ganz im Gegensatz zu Doping an Spitzen- und Kadersportlern, bislang praktisch keine Beachtung.

Was für Versuche waren das?

In der ARD-Doku wird von Muskel- und Leberbiopsien berichtet. Bilder dieser extrem schmerzhaften Prozedur sind auch in einem geheimen Film von 1976 enthalten, der nur für die Mitglieder des SED-Politbüros bestimmt war. Biopsien an dem Freizeitsportler Hans-Albrecht Kühne sind dort dokumentiert. Kühnes Aufzeichnungen und weitere Recherchen in Stasi-Akten, Dissertationen oder weiteren zeithistorischen Dokumenten belegen ebenfalls Dopingexperimente an Freizeitsportlern.

Welche Dopingmittel wurden getestet?

Hans-Albrecht Kühne hat in seinen Tagebüchern, die er damals heimlich führte, detailliert Vergaben von Depot-Turinabol und STS 648 verzeichnet. Depot-Turinabol ist ein in Spritzenform verabreichtes Anabolikum, effektiver und aggressiver als der substanzverwandte DDR-Dopingklassiker Oral-Turinabol, aber auch länger nachweisbar. Mit verbesserten internationalen Dopingkontrollen verschwand Depot-Turinabol deshalb Ende der Siebzigerjahre aus dem Spitzensport.

STS steht für Steroidtestsubstanz. Die DDR-Wissenschaftler testeten davon mehrere Varianten, sie alle waren für die Anwendung am Menschen nicht freigegeben. Die Humanforschung war also illegal. STS 648 setzte sich nicht durch. Breit eingesetzt wurde später STS 646, auch Mestanolon oder M2 genannt. Darüber hinaus gibt es auch Hinweise auf Menschenversuche mit weiteren experimentellen Mitteln, darunter psychotrope Substanzen.

Wo fanden die Versuche statt?

Vor allem am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig. Es gibt aber auch Hinweise auf weitere Orte, zum Beispiel auf das Leistungszentrum Kienbaum östlich von Berlin, wo eine Unterdruckkammer betrieben wurde, oder auf das Institut für Luftfahrtmedizin in Königsbrück in Sachsen.

Was bezweckte die DDR mit den Versuchen?

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Experimenten sollten unmittelbar zu besseren Leistungen bei Spitzenathleten führen. Die Experimente in der "Forschungsgruppe Lauf" sollten laut Proband Kühne vor allem den Langstrecken- und Marathonläufern der DDR zugutekommen.

Nach Angaben von Kühne erwähnte Laufgruppenleiter Hermann Buhl in diesem Zusammenhang immer wieder Waldemar Cierpinski, der 1976 in Montreal und 1980 in Moskau Olympiasieger im Marathon wurde. Cierpinski wollte auf Anfrage die ARD-Recherchen nicht kommentieren.

Wie viele dieser "Versuchskaninchen" aus dem Freizeitsport gab es?

Der Sachverhalt ist bislang nahezu unerforscht. Seit der Wiedervereinigung wurde das Thema in wissenschaftlichen und journalistischen Beiträgen vereinzelt am Rande erwähnt, eine tiefergehende Recherche fand bislang aber nicht statt. Deshalb sind seriöse Angaben zur Anzahl schwierig.

Anne Drescher, Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Mecklenburg-Vorpommern, die seit Jahren auch zu Betroffenen aus dem Sport forscht, sagt: "Wenn wir davon ausgehen, dass über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren am FKS Forschungskonzeptionen in einer großen Fülle entwickelt und durchgeführt wurden, dann reden wir hier nicht von Einzelpersonen, sondern von mehreren hundert."

Wieso haben die Probanden das mit sich machen lassen?

Einen Beitrag zu den Erfolgen der DDR-Sportlerinnen und -Sportlern zu leisten, war für viele Probanden reizvoll, genau wie die Aussicht auf eine bessere, exklusive medizinische Betreuung durch führende Sportwissenschaftler der DDR. Zudem erhielten die Probanden, zumindest die in der "Forschungsgruppe Lauf" unter der Leitung von Hermann Buhl, für die Versuche laut Zeitzeuge Hans-Albrecht Kühne auch ein geringes Entgelt. Seinen Angaben zufolge bezeichneten die Probanden die Zahlungen als "Fleischgeld".

Was ist mit den Verantwortlichen passiert?

Hermann Buhl, der Leiter der "Forschungsgruppe Lauf" am FKS, ist 2014 gestorben. Jochen Scheibe, der Biopsien an Probanden der Laufgruppe durchführte, lebt heute in Bad Pyrmont. Bei einem Treffen mit Kühne im Rahmen der ARD-Recherchen bestritt der heute 83-Jährige, von Dopingexperimenten gewusst zu haben. Laut seiner Stasi-Akte war Scheibe "Kenntnisträger unterstützende Mittel", wusste demnach also grundsätzlich von Dopingvergaben an Sportlern.

Auch dies bestreitet er. Generell erfüllten Experimente mit unerlaubten Substanzen ohne vorherige Aufklärung auch nach DDR-Recht den Tatbestand der Körperverletzung. Solche Taten sind spätestens seit dem zehnten Jahrestag der Vereinigung am 3. Oktober 2000 verjährt.

Haben die Volkssportprobanden Anspruch auf Opferhilfe?

In bisherigen gesetzlichen Initiativen (erstes und zweites Dopingopfer-Hilfegesetz) nach der Wiedervereinigung waren Probanden aus dem Freizeitsport nicht vorgesehen. Die Einmalzahlungen in Höhe von 10.500 Euro standen nur Personen zu, "die erheblichen Gesundheitsschaden erlitten haben, weil ihnen als Hochleistungssportlern oder Hochleistungsnachwuchssportlern der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik ohne ihr Wissen oder gegen ihren Willen Dopingsubstanzen verabreicht worden sind".

Freizeitsportler Kühne hat die Einmalzahlung nach dem 2. DOHG trotz fehlenden Kaderstatus erhalten, vermutlich, weil er seinen Opferstatus detailliert belegen konnte. Das zuständige Bundesverwaltungsamt macht unter Verweis auf den Datenschutz keine Angaben zu Entschädigungen für einzelne Opfer. Ein weiteres Dopingopfer-Hilfegesetz ist derzeit nicht geplant.

Stand: 26.02.2021, 06:00

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