Dopingmittel frei Haus

Medikamente die über das Internt für Dopingzwecke bestellt werden

Recherche der ARD-Dopingredaktion

Dopingmittel frei Haus

Von Josef Opfermann und Hajo Seppelt

Bisher schien der illegale Import verschreibungspflichtiger Medikamente kompliziert, ihre Qualität angesichts von Quellen in Fernost fragwürdig. Nun warnen deutsche Forscher, dass der europäische Binnenmarkt so freizügig ist, dass Hobby-Doper problemlos im Internet erfolgreich sind.

Alarmiert wurden die Forscher durch Auffälligkeiten bei einem einfachen Versuch: Wer im Internet nach der Möglichkeit sucht, rezeptpflichtige Medikamente ohne Arztbesuch online flink zu bestellen, erhält ein erstaunlich großes Angebot. Gerade in Deutschland scheint das sehr erstaunlich, unterliegt doch der Versandhandel mit solchen Arzneien eigentlich sehr strikten Vorschriften.

Und die verlangen vor allem eine Voraussetzung: Das Fernbehandlungsverbot sieht noch immer in der Regel einen Arztbesuch vor, um an ein Rezept zu kommen. Doch als die nach Pirmasens ausgelagerte Gruppe von der Hochschule Kaiserslautern um den Pharmakologie-Professor Niels Eckstein ihr Forschungsprojekt anging, wurde umgehend klar: Wer illegal in Deutschland an rezeptpflichtige Medikamente gelangen will, wird recht schnell online fündig, ohne vorher die verpflichtenden Arztkonsultationen vorgenommen zu haben und ein Rezept vorlegen zu können. Er muss sich nicht einmal an dubiose Händler in Fernost wenden. Für Fachleute war das Ergebnis niederschmetternd: Medikamentenmissbrauch und Doping ist Tür und Tor geöffnet in Europa.

Nur zwei Betrügereien

Nach einer Pseudo-Befragung durch einen angeblichen Arzt, kann jeder ordern und erhalten, was er begehrt. Die Forscher aus Pirmasens bestellten mehrere Dopingmittel, Testosteron zum Muskelaufbau, Amfepramon für Gewichtsverlust, dazu verschreibungspflichtige Schmerztabletten.

"Der Bestellvorgang läuft über verschiedene europäische Länder. Es gibt eine ganze Menge Portale, URLs, Homepages, wo sie solche Bestellungen tätigen können. Sie bestellen, werden dann in so einer Art Chat - Fenstern, die sich öffnen - mit einem Arzt verbunden. Sie können nicht nachvollziehen, ob das ein Arzt ist", sagte Eckstein, der die Ergebnisse des Projekts in der Deutschen Apotheker Zeitung im August 2018 veröffentlicht hat, der ARD-Dopingredaktion: "Wir sind ja zunächst einmal von der Annahme ausgegangen, es seien Betrugs-Homepages. In zwei Fällen war das sogar so. Aber es war die Ausnahme. In den absolut meisten Fällen haben wir Substanzen in einem relativ kurzen Zeitfenster zugeschickt bekommen."

Nicht nur das: "Wir haben sie analytisch bei uns in den Laboren untersucht und doch sehr erstaunt festgestellt: Das sind Originalpräparate, qualitätsgesichert hergestellte Präparate."

Erfahrungen des Zolls

Ein Mann untersucht Dopingproben in einem Labor

Untersuchungen im Labor ergaben: "Das sind Originalpräparate."

Die Politik ist entsetzt über die neuen Erkenntnisse. "Wir müssen zumindest damit rechnen, dass unkontrollierter Gebrauch von solchen Substanzen zu Gesundheitsschäden führt und spätestens dann kommt auch die Allgemeinheit ins Spiel, denn dann müssen hinterher die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel die Folgeschäden bezahlen", sagte Dagmar Freitag, Vorsitzende im Sportausschuss des Bundestags, der ARD-Dopingredaktion, "ganz davon abgesehen, dass wir natürlich Untersuchungen haben, dass Langzeitschäden auftreten können bis hin zu schwerer Krankheit und Tod."

Das Phänomen selbst ist nicht neu, der Vertriebsweg über den europäischen Binnenmarkt und die Qualität der Arzneien hingegen sind es schon. Seit Jahren sind Experten sowohl aus der Strafverfolgung als auch aus der Medizin erschrocken über die Bereitwilligkeit, mit der sich etwa Breitensportler Medikamente zu Dopingzwecken besorgen. Eine Ahnung vom Wachstum des Marktes weiß der deutsche Zoll zu vermitteln: Leiteten die Fahnder 2009 wegen illegalen Medikamentenimports 102 Strafverfahren ein, so waren es 2016 schon über ein Dutzend Mal soviele. Und die Dunkelziffer ist hoch. Die Ermittler stehen vor dem Problem, dass die ausufernden Warenströme auf dem Postweg kaum zuverlässig kontrollierbar sind. "99,9 Prozent aller Dopingmittel", sagt der Mainzer Sportmediziner Perikles Simon, "werden im Hobbysport konsumiert."

Steuerfrei auf Malta

Schon der legale Arzneimittelmarkt in Deutschland ist ein lukratives Betätigungsfeld. Im Jahr 2017 verordneten Ärzte 903 Millionen Arzneimittelpackungen im Wert von etwa 50 Milliarden Euro. Der Versandhandel boomt dabei auch in diesem Sektor: 55 Prozent der Internetnutzer, insgesamt 31 Millionen Menschen, haben 2016 online Arzneien eingekauft.

Dass schon der legale Einkauf im Ausland durchaus Sinn machen kann aus rein ökonomischer Perspektive, zeigt ein Blick auf die extrem unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze auf diese Warenklasse in Europa: Besteuern die Dänen Medikamente mit 25 Prozent und die Deutschen mit 19 Prozent, so schlägt Spanien lediglich vier, Luxemburg drei Prozent Staatsabgaben auf den Preis und Malta gar nichts.

Niels Eckstein

Niels Eckstein veröffentlichte die Ergebnisse des Projekts.

Dass das auf die Kunden im illegalen Handel keine Auswirkungen hat, mussten die Forscher aus Pirmasens erkennen. Sie hatten sich für ihr Projekt mit einer staatlichen Sondergenehmigung ausstatten lassen, um einer Strafbarkeit vorzubeugen. Dann registrierten sie vor allem zwei Herkunftsländer: Dänemark und Großbritannien. Die interessierten Verbraucher sind bereit, Preisaufschläge hinzunehmen.

"Wer so agiert, agiert skrupellos"

Die vorgeblichen Ärzte im Chat kümmerten sich auch nicht besonders um Risiken bei ihrer High-Speed-Anamnese. "Wir haben Bluthochdruck angegeben und eine eindeutig Blutdruck steigernde Substanz zugeschickt bekommen", sagte der Pharmakologe Eckstein, "da würde ein normaler Arzt sicherlich sagen, das ist eine absolute Kontraindikation, das würde ich so nicht verschreiben."

Die SPD-Politikerin Freitag ist auch aufgebracht über die Anbieter: "Wer so agiert, agiert skrupellos. Wir reden ja über zugelassene Medikamente, die eingesetzt werden, um Kranke, um Schwerkranke zu behandeln. Und wer krank ist, bekommt ein Rezept. Und wer nicht krank ist, versucht es auf illegalem Weg und macht sich vielleicht auch keine Gedanken, was er seiner eigenen Gesundheit da antut", sagt sie, "die Kriterien sind klar, die Arzneimittel müssen in Deutschland zugelassen sein, Rezepte müssen in Papierform vorliegen, und was ganz wichtig ist, die Medikamente müssen in deutscher Sprache verfasst sein und auch die Beipackzettel müssen in deutscher Sprache sein. Und wenn das nicht gewährleistet ist, macht sich auch der Versender strafbar."

Stand: 12.09.2018, 16:00

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