Profifußballer besuchen dubiosen brasilianischen Mediziner

Geheimsache Doping

Profifußballer besuchen dubiosen brasilianischen Mediziner

Von Hajo Seppelt, Florian Riesewieck, Edmund Willison und Sebastian Münster

Nach Recherchen der ARD-Dopingredaktion haben in den vergangenen Jahren ehemalige brasilianische und auch aktive Fußballprofis die Praxis eines Arztes in Sao Paulo besucht, der Athleten offenbar beim Doping unterstützt. Verdeckt recherchierenden Reportern der ARD-Dopingredaktion verschrieb der Arzt leistungssteigernde, verbotene Substanzen. Er vermittelte sie außerdem an Dopingdealer weiter.

Einem ARD-Lockvogel, der sich als Leistungssportler ausgibt und die Praxis von Dr. Mohamad Barakat während der laufenden Fußball-WM besucht, verschreibt der Arzt bereits beim ersten Termin ein Präparat, das er als Nahrungsergänzungsmittel bewirbt.

Doch im von der Welt-Anti-Doping-Agentur akkreditierten Dopingkontrolllabor der Sporthochschule Köln stellt sich nach der Analyse des Präparates heraus: Das Medikament enthält die für Sportler verbotenen, weil leistungssteigernden Substanzen Anastrozol – ein Krebsmedikament, das den Östrogenspiegel senkt – und Cortisol – ein Entzündungshemmer.

Promi-Arzt vermittelt Lockvogel an Dopingdealer

Die Reporter bringt Barakat außerdem mit einem weiteren Dopingdealer in Kontakt, von dem die ARD-Dopingredaktion schließlich Steroide erhält, darunter Nandrolon, Testosteron, Oxandolon, Turinabol – alles harte Dopingsubstanzen. Für den Arzt ist das scheinbar nicht ungewöhnlich: "Hormone sind das Elixir des Lebens. Sie werden wegfliegen, Ihr Zustand wird sich stark verbessern", erklärt er dem Lockvogel während des Gesprächs.

Der Mediziner Mohamad Barakat gilt in Brasilien als Promi-Arzt. Er hat fast eine Million Follower im sozialen Netzwerk Instagram. Zahlreiche dort veröffentlichte Fotos zeigen Stars, Sternchen und Fußball-Persönlichkeiten in Barakats Praxis: Unter ihnen sind ehemalige brasilianische Nationalspieler wie Kaká, Rivaldo und Nilmar. Ob der Arzt seine prominenten Gäste aus der Sportwelt tatsächlich behandelt hat, ist allerdings unbekannt.

Paolo Guerrero offenbar Patient in zwielichtiger Praxis

Der wegen Dopings gesperrte, für die derzeit laufende Fußball-WM aber trotzdem zugelassene peruanische Stürmerstar und Ex-Bayern-München-Profi Paolo Guerrero hingegen, hat zu Barakats Patienten gehört. Dies belegen zwei Fotos aus dem Jahr 2013. Der Arzt selbst hat die Bilder veröffentlicht und prahlt damit, dass der kurz zuvor verletzte Guerrero nach seiner Behandlung bald wieder "über das Spielfeld fliegen" werde.

Dieses Element beinhaltet Daten von Instagram. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Mohamad Barakat hat sich auf ARD-Anfrage dazu nicht geäußert. Auch Paolo Guerrero hat die ARD-Dopingredaktion auf verschiedensten Wegen zu kontaktieren versucht. Weder der Nationalspieler selbst noch sein Management oder der peruanische Fußballverband haben bislang auf Anfragen reagiert.

Es sind nicht die ersten derartigen Erkenntnisse über den brasilianischen Sportmediziner Barakat. Bereits im Jahr 2013 verschreibt er einem brasilianischen Journalisten beim ersten Termin Steroide und bietet ihm die sofortige Behandlung mit Wachstumshormonen in seiner Praxis an.

Anabolika zum Frühstück

"Das ist ein Anabolikum, Stanozolol, das nehmen Sie dreimal am Tag. Frühstück, Mittag, Abend, Frühstück, Mittag, Abend", empfiehlt der Arzt seinem vermeintlichen Patienten. Der Journalist hielt die Begegnung mit versteckter Kamera fest. Die Aufnahmen liegen der ARD-Dopingredaktion vor.

Seine Praktiken haben Barakat auch bereits ins Visier der Ärztekammer von Sao Paulo gebracht, die ein Disziplinarverfahren gegen den Mediziner eingeleitet hat. Doch es kam nie zu einem Abschluss der Untersuchungen. Barakat wurde bislang auch in keiner Weise sanktioniert. Auf ARD-Anfrage erklärt die Ärztekammer, dass der Fall nach wie vor nicht abgeschlossen sei. Dass solche Ermittlungen fünf Jahre dauern, sei nicht ungewöhnlich, heißt es.

Der Fall Barakat erinnert an Enthüllungen der ARD-Dopingredaktion aus dem Jahr 2017. Damals berichteten die ARD-Reporter über den brasilianischen Mediziner Julio Cesar Alves, der schon 2013 im Fernsehen damit prahlte, brasilianische Nationalspieler und Fußballstars gedopt zu haben. Auch Alves verschrieb den verdeckt auftretenden ARD-Reportern verbotene Dopingsubstanzen.

Alves war bereits zum Zeitpunkt der Recherche im vergangenen Jahr Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen in Brasilien. Doch er praktiziert bis heute ungehindert weiter. Einen erneuten Termin in seiner Praxis bekam die ARD-Dopingredaktion problemlos. Warum der Mediziner immer noch praktiziert, bleibt unklar. Eine Anfrage bei der zuständigen Staatsanwaltschaft verläuft ins Leere. Die Ermittlungen liegen mittlerweile an anderer Stelle, heißt es. Weitere Anfragen liefern keine Antworten auf die Frage, ob Alves je mit einer Strafe rechnen muss.

Brasilien internationale Spitze bei Fußball-Doping

Die Praktiken dubioser Mediziner passen zu den Ergebnissen der aktuellsten Statistik der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA: In keinem anderen Land der Welt gibt es derart viele Dopingfälle im Fußball wie in Brasilien. Zuletzt 17 in einem Jahr. Damit liegt Brasilien an der Spitze vor Italien, dem Iran und Malta.

Auch im aktuellen brasilianischen Kader ist ein Spieler, der gerade erst eine Dopingsperre abgesessen hat. Der Mittelfeldspieler Fred wurde 2015 positiv auf eine verbotene Substanz getestet: Hydrochlorothiazid.

Mittel wie dieses – sogenannte Diuretika, die den Körper entwässern helfen – tauchen immer wieder in den Dopingstatistiken auf. Sie sind verboten, da sie leistungssteigernde Substanzen schneller ausscheiden und so Doping verschleiern helfen. Die für Diuretika vorgesehenen Strafen sind allerdings deutlich geringer als bei tatsächlichen Dopingmitteln.

Beliebte Ausrede in Brasilien: verunreinigte Medikamente

Besonders eine Ausrede für Doping scheint in Brasilien beliebt: Die Legende von verunreinigten Medikamenten aus sogenannten "farmacias de manipulacao". In solchen hierzulande unbekannten Apotheken werden Medikamente eigens für Patienten angemischt.

Immer häufiger argumentierten positiv getestete Sportler in Brasilien, Opfer von verunreinigten Medikamenten geworden zu sein, sagt Luis Horta. Der Portugiese hat die brasilianische Anti-Doping-Agentur mit aufgebaut, lebt heute in Lissabon.

Die Verteidigungsstrategie und auch die Anwälte der Athleten seien stets dieselben, so Horta. Für glaubwürdig hält der Experte die Erklärung indes nicht. "Es ist unmöglich, dass das so häufig passiert", so Horta.

Gefährliche Substanzen, milde Strafen, schleppende Aufklärung: Es bleibt der Eindruck eines wenig überzeugenden Anti-Doping-Kampfes im Land des Fußballs.

"Geheimsache Doping: Brasiliens zwölfter Mann. Tricksereien im Land des Fußballs." Ein Film von Hajo Seppelt, Florian Riesewieck und Edmund Willison. Sonntag, 01. Juli, 23.50 Uhr im Ersten.

Stand: 01.07.2018, 17:53

Darstellung: