Experimente an DDR-Freizeitsportlern: Neue Erkenntnisse, weitere Betroffene

Doping: Menschenversuche in der DDR Sportschau 07.03.2021 07:37 Min. Verfügbar bis 07.03.2022 Das Erste

Nach ARD-Doku "Menschenversuche"

Experimente an DDR-Freizeitsportlern: Neue Erkenntnisse, weitere Betroffene

Von Hajo Seppelt, Bettina Malter, Johannes Holbein und Shea Westhoff

Nach den Enthüllungen zu Menschenversuchen an Freizeitsportlern in der DDR kommen weitere Fälle ans Licht. Ein Experte vermutet, das sei erst der Anfang. Bislang will niemand Verantwortung für die Aufarbeitung übernehmen.

Neue Details über Menschenversuche, eine weitere Sportart im Fokus, Unklarheit über die Aufarbeitung: Nach der ARD-Doku zu geheimen Experimenten an Freizeit-AthletInnen in der DDR sorgen neue Erkenntnisse für weiteren Diskussionsstoff. Zudem mehren sich die Forderungen, die Aufarbeitung des düsteren Kapitels voranzutreiben.

Nach Ansicht des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins (DOH) muss das Ende 2019 ausgelaufene Dopingopfer-Hilfegesetz neu aufgelegt werden. Es regelte finanzielle Hilfen für Geschädigte des DDR-Staatsdopings - allerdings nur für Hochleistungssportler. Betroffene Hobby-Athleten waren nicht bezugsberechtigt. "Entschädigungen und Aufarbeitungsleistungen für die Betroffenen sollten grundsätzlich dem gesamten System Rechnung tragen und sich nicht nur auf eine einzige Gruppe beziehen", sagte DOH-Vorstandsmitglied Tina Jürgens der ARD-Dopingredaktion. Ein Gesetz, das geschädigte Hobbysportler ausklammere, greife zu kurz: "Die Leute sind ja trotzdem betroffen, und sie sind ja durch den Staat zu Schaden gekommen."

Tina Jürgens von der Doping-Opfer-Hilfe fordert ein Entschädigungsgesetz für betroffene Hobbysportler

Tina Jürgens von der Doping-Opfer-Hilfe fordert ein Entschädigungsgesetz für betroffene Hobbysportler.

DOSB: Aufarbeitung "staatliche Aufgabe"

Dass die Politik auf diese "Körperverletzung" an Hobbysportlern reagieren müsse, hatte in der ARD bereits die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch gefordert. Aber auch vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) müsse das Thema "geahndet oder zumindest aufbereitet" werden.

Doch die adressierten Instanzen schweigen entweder oder weisen die Verantwortung von sich. DOSB-Präsident Alfons Hörmann bezeichnete die Menschenversuche als "zutiefst verwerflich", "erschreckend" und "kriminell" - man sehe die "dringend gebotene" Aufarbeitung aber "als staatliche Aufgabe". Das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium äußerte sich auf ARD-Anfrage bislang nicht.

Forschung an einem Kind im Grundschulalter

Derweil kommen immer tiefere Abgründe der Menschenversuche ans Licht. Bei der ARD-Dopingredaktion meldete sich eine Frau, die noch im Grundschulalter war, als sie Ende der 1960er Jahre an Versuchsreihen an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig (DHFK) teilnahm. Es ist ein Hinweis auf sehr frühe Experimente an Hobbysportlern in der DDR, die Epoche des DDR-Staatsdopings begann offiziell erst 1974 mit der Etablierung des Staatsplans 14.25.

Eine Urkunde der Frau mit entsprechenden Hinweisen liegt der ARD-Dopingredaktion vor: "Prüfungsschwimmen für Kinder des 1. Schuljahres im Rahmen des Forschungsvorhabens ‚Grundausbildung und Grundlagentraining im frühen Schulalter‘" ist darauf zu lesen. Ob die Tabletten, die die Frau nach eigenen Angaben bereits im Alter von acht oder neun Jahren verabreicht bekam, tatsächlich Dopingsubstanzen enthielten, lässt sich heute nicht mehr belegen. Ein der Redaktion vorliegendes ärztliches Gutachten bestätigt ihr allerdings, dass viele ihrer körperlichen Leiden, wie Depressionen, Vermännlichung der Stimme und zwei Fehlgeburten mit hoher Wahrscheinlichkeit das Resultat von Doping sind.

Menschenversuche auch im Radsport

Betroffen reagierte der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Lehmann, der in der DDR als Bahnradsportler zum Weltklasseathleten reifte und nach der Wende zweimal Olympiasieger wurde. Lehmann sagt, Versuche an Hobbysportlern seien ihm nicht bekannt gewesen. Nun allerdings frage er sich, ob er womöglich selbst von den Experimenten profitierte: "Vielleicht nutzte man diese Erkenntnisse auch für den Radsport", sagt er: "Dann müsste ich ja theoretisch auch irgendwo profitiert haben."

Fest steht, dass solche Versuche auch in seinem Sport existierten, wie nun der Fall des heute 79 Jahre alten Leipzigers Wolfgang Schoppe belegt. Obwohl dieser nie zur Radsport-Elite gehörte, wurde auch er 1969 zu einem Trainingslager im Rehabilitationszentrum Kreischa geladen, also ebenfalls vor der Epoche des DDR-Staatsdopings. Dort habe man "neue Wege" gesucht, um bei den Olympischen Spielen 1972 in München "auf jeden Fall in Westdeutschland den Klassenfeind zu schlagen", sagt Schoppe. Dafür sollte er zunächst diverse Pillen schlucken.

Der ehemalige Amateur-Radsportler Wolfgang Shoppe sollte in einem Trainingslehrgang diverse Pillen schlucken

Der ehemalige Amateur-Radsportler Wolfgang Shoppe sollte in einem Trainingslehrgang diverse Pillen schlucken.

"Todesangst" habe Schoppe bekommen, als er schließlich gefragt worden sei, ob er sich vorstellen könne, sich einen Katheter durch den Oberschenkel bis in die Herzkammer führen zu lassen. Er lehnte ab. Für weitere Versuche kam der Freizeit-Radsportler dann nicht mehr in Betracht. Der damals behandelnde Arzt wollte sich auf Anfrage der ARD-Dopingredaktion nicht äußern.

Hohe Dunkelziffer?

Roland Jahn, der Bundesbeauftragte der Stasiunterlagenbehörde, vermutet, dass künftig noch viele weitere Fälle von Menschenversuchen ans Licht kommen könnten, da die Aufarbeitung erst am Anfang steht. "Ich denke, im Stasi-Unterlagen-Archiv schlummern noch viele, viele Erkenntnisse, auch zu Doping im Breitensport, weil die Erschließung des Archivs nur Schritt für Schritt vorangeht", sagte Jahn der ARD-Dopingredaktion: "Erst sechs Prozent dieser personenbezogenen Akten sind sachthematisch erschlossen."

Stand: 07.03.2021, 09:00

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