Ring frei – warum Profiboxer in Deutschland beinahe ungehindert dopen könnten

Boxer am Boden

Geheimsache Doping

Ring frei – warum Profiboxer in Deutschland beinahe ungehindert dopen könnten

Von Hajo Seppelt, Jules Masson und Sebastian Münster

Im deutschen Profi-Boxen ist Doping womöglich viel weiter verbreitet als bisher bekannt. Kontrollen gibt es nur unregelmäßig. Einheitliche und international standardisierte Regeln – wie in anderen Sportarten üblich – gibt es nicht. Das belegen neue Recherchen der ARD-Dopingredaktion.

Der deutsche Profiboxsport hat ein Dopingkontrollproblem. Das zeigen Recherchen der ARD-Dopingredaktion. Kein einziger Profiverband weltweit erkennt das Standard-Regelwerk der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) – den sogenannten WADA-Code – an, in Deutschland durchgesetzt durch die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA). Das bestätigten WADA und NADA auf Anfrage der ARD.

Kontrolliert wird in der Regel nur im Rahmen nationaler und internationaler Titelkämpfe. Die in anderen Sportarten üblichen Trainingskontrollen gibt es im Boxen – wenn überhaupt – nur in Ausnahmefällen. Das bestätigte Thomas Pütz, Präsident des größten deutschen Profiverbandes Bund Deutscher Berufsboxer (BDB), der ARD-Dopingredaktion.

Unerlaubte Leistungssteigerung ist im deutschen Profiboxen ist nach den Erfahrungen des Insiders und Ex-Profiboxers Robert Rolle weit verbreitet. Bisher traute sich kaum jemand offen über Doping im Boxen zu sprechen. Der Berliner, der unter anderem 2008 einen Europameistertitel gewann und inzwischen andere Boxprofis trainiert, bricht das Schweigen.

Dopingkontrollen im Profiboxen zu lasch

Laut Rolle gibt es im Boxen an Dopingmitteln quasi alles: Anabolika, Wachstumshormone, EPO, Blutdoping, etwa für mehr Kraft, Ausdauer, Erholung, dazu Abnehmpillen - konsumiert werde die ganze Palette. Und die Kontrollen seien viel zu lasch.

"Doping spielt ne große Rolle im Profiboxen, leider. Viel zu weit verbreitet. Das sind nicht nur Einzelfälle. Ich hab viele Leute getroffen, die sich über so etwas wie Dopingkontrollen gar keine Gedanken gemacht haben, weil die sich einfach gesagt haben: Nicht einmal bei Meisterschaften finden teilweise Kontrollen statt."

Die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA kritisiert die mangelnden Dopingkontrollen im Profiboxen. "Wir gehen da ja fast schon wieder in die Steinzeit der Anti-Doping-Arbeit zurück", sagt NADA-Vorstand Andrea Gotzmann.

Nationale Anti-Doping-Agentur wirbt mit Wladimir Klitschko

Und trotzdem wirbt die NADA seit Jahren mit einem der lange Jahre wohl populärsten Profiboxer Deutschlands als Gallionsfigur für den Kampf gegen unsauberen Sport: mit Wladimir Klitschko. Und das, obwohl die NADA selbst auf ARD-Anfrage erklärt, den Boxer während dessen gesamter Profikarriere nur ein einziges Mal selbst kontrolliert zu haben. Wie passt das zusammen? Das Problem, so NADA-Vorstand Andrea Gotzmann, sei Klitschkos Verband, der BDB, mit dem die NADA jahrelang vergeblich über eine Anerkennung des internationalen Anti-Doping-Standards verhandelt habe:

"Ja, letztendlich weil der Verband das nicht wollte. Weil er ja eigentlich auch diesem Verband untergeordnet ist beziehungsweise hier seine Lizenz hat. Und auch in Gesprächen mit seinem Management und dem Verband ist das immer wieder thematisiert worden und wir sind letztendlich zu keinem Abschluss gekommen."

Boxhandschuhe im Ring

Boxhandschuhe im Ring

Das Management von Klitschko erklärt, dass der Boxer international in- und außerhalb des Trainings häufig getestet wurde, wenngleich nicht von der deutschen NADA.

Stellt sich der Bund Deutscher Berufsboxer – BDB - also seit Jahren quer? Präsident Thomas Pütz sieht die größte deutsche Organisation im Profiboxen in der Opferrolle:

"Wir sind das kleinste Glied in der Kette und sollen alles leisten? Wir kriegen keine staatlichen Gelder, wie kriegen dies nicht, wir kriegen das nicht, wir sollen uns irgendwie aus Mitgliedsbeiträgen finanzieren. Jede Dopingkontrolle, die der BDB leistet und bezahlt, da kann man dankbar für sein."

Vorwurf der Vertuschung gegen Bund Deutscher Berufsboxer

Wie der BDB mitunter mit Dopingkontrollen umgeht, zeigt der Fall Erkan Teper: Der Boxer aus Ahlen gewann 2014 einen europäischen Titel im Schwergewicht und wurde nach dem Kampf positiv getestet. Die BDB-Regeln sahen für Teper eine 9-monatige Sperre vor. Gleich danach kämpfte der Boxer bereits wieder um Titel. Und ein Jahr später gar um die Krone des Europameisters. Wieder siegte Teper. Und wieder lautete das Testresultat nach dem Kampf positiv.

Öffentlich werden die positiven Tests aber nicht durch den BDB, sondern durch Berichterstattung des Bayrischen Rundfunks - ein halbes Jahr später. Erkan Teper und eine Sportschule im Bayerischen Wald, in der sich der Boxer auf einen Titelkampf vorbereitet, waren zwischenzeitlich längst im Visier der Staatsanwaltschaft. Aus gutem Grund:

In Tepers Hotelzimmer und in seinem Auto fanden die Ermittler 2015 anabole Steroide, Testosteron, Wachstumshormon, Clenbuterol – alles harte Dopingmittel. Wegen des Beschaffens und Inverkehrbringens dieser Substanzen wurden der Boxer und sein Manager später verurteilt.

Die Öffentlichkeit zu informieren, ist aus Sicht von BDB-Präsident Thomas Pütz nicht die Aufgabe des Verbandes gewesen – so sagte er der ARD-Dopingredaktion. Der Europäische Dachverband EBU (European Boxing Union), um dessen Titel Teper boxte, sah das anders. Die EBU setzte die Vollmitgliedschaft des BDB zeitweilig aus und sprach dabei von "Vertuschungsversuch".

Sicherheitsfirma von Boxverbandspräsident in Ermittlungen verstrickt?

Weitere Recherchen der ARD-Dopingredaktion verstärken Zweifel an der Glaubwürdigkeit des BDB-Präsidenten Thomas Pütz: Im Zuge eines Gerichtsverfahrens um Anabolikaschmuggel aus Polen wurde der ARD auf Anfrage jetzt von der Staatsanwaltschaft bestätigt, dass ein später verurteilter Dopingdealer mit einem Auto verbotene Substanzen nach Deutschland schaffte: mit einem Fahrzeug von Pütz Security – der Sicherheitsfirma des BDB-Präsidenten.

Die Staatsanwaltschaft erklärte nun auf Nachfrage: Der Wagen sei von Pütz Security an Dritte vermietet worden, wie ein Vertrag belege. Warum, bleibt offen.

BDB-Präsident Pütz dementierte gegenüber der ARD jegliches Wissen, weist jeden Vorwurf der Beteiligung zurück. Alles nur Zufall? Viele offene Fragen bleiben. 

Thema in: Sport inside, Mittwoch, 21.03.18 ab 22:55 Uhr, WDR Fernsehen

Stand: 21.03.2018, 14:58

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