Biathlon-Skandal - Fachleute für weiße Kragen

Unter schweren Korruptionsanschuldigungen: Der frühere Chef des Weltbiathlonverbandes IBU, Anders Besseberg

Wie die Hauptbeschuldigten ihre Verteidigungsstrategie anlegen

Biathlon-Skandal - Fachleute für weiße Kragen

Von Hajo Seppelt, Grit Hartmann und Jörg Winterfeldt

Nicht zuletzt durch Razzien im April wurden die Ermittlungsverfahren gegen die früheren Biathlon-Verbandsbosse Anders Besseberg und Nicole Resch öffentlich. In seiner juristischen Verteidigung droht das Duo auf Konfrontationskurs zu geraten.

Der Anwalt, der den einst mächtigsten Mann des Biathlonsports vor Gericht rauspauken soll, residiert mit seiner Kanzlei in bester Wiener Innenstadtlage, fußläufig vom Stephansdom. Weil er sich durchaus auf berühmtere Mandantschaft versteht, zählt Norbert Wess zu den Shootingstars unter Österreichs Strafverteidigerschaft.

Er mühte sich etwa in einem der spektakulärsten Strafverfahren seines Landes um die Belange des affärengestählten früheren Finanzministers Karl-Heinz Grasser. "Ich hatte einfach das Glück", sagt Wess, "dass es in der Vergangenheit schon den einen oder anderen prominenteren Klienten gegeben hat, der sich an unsere Kanzlei gewendet hat."

Nun also der Norweger Anders Besseberg, zumindest im olympischen Wintersport ein Prominenter, bis zum letzten Frühjahr für zweieinhalb Jahrzehnte unumstrittener Präsident des Biathlon-Weltverbandes IBU. Wess soll ihm die strafrechtlichen Ermittlungen wegen Korruption vom Hals schaffen, mitsamt dem Vorwurf, er habe positive Dopingproben vertuscht.

Mitleid mit der Mandantschaft

Liebling der Promis und der Medien: der Wiener Strafverteidiger Norbert Wess

Liebling der Promis und der Medien: der Wiener Strafverteidiger Norbert Wess

Dass er nicht zuletzt dank seiner Art so etwas wie der Fachmann für vornehme Verdächtige geworden ist, vermag Wess rasch vorzuführen: jovial im Umgang, juristisch bedacht im Gespräch. Die Sozietät hat er selbst binnen gut eines Jahrzehnts aufgebaut und etabliert. Wess versteht sich auf Aufmerksamkeit, vor allem in einer kleinen Republik wie Österreich, wo das Netzwerken zu einem leichteren Handwerk gerät: Wess hat ein Handbuch zur Strafverteidigung mitverfasst, gibt eine Fachzeitschrift mit heraus und sitzt in der Führung eines Strafsenats der österreichischen Fußball-Bundesliga. So einer steht nie im Abseits. Seine Kunst der Menschenfängerei soll nun dem norwegischen Bauern Besseberg aus der Patsche helfen.

Denn dass der Vorwurf, der frühere Skijäger-Boss Besseberg habe sich gegen Geld, Einladungen zu Jagdausflügen und Prostituiertenabenteuern von den Russen auf Kurs bringen lassen öffentlich ist, von Insidern gestützt wird, stört Wess wenig. Er gibt sich überzeugt, die rollende Lawine des Ermittlungsverfahrens irgendwann unter Kontrolle zu bringen: "Wir tun uns leicht, weil die Vorwürfe mit Nachdruck und allumfassend bestritten werden. Die richtige Entscheidung kann aus unserer Sicht nur die Einstellung des Strafverfahrens sein", sagt er. Und schiebt der guten Ordnung halber nach: "Ein Strafverfahren sollte nach der österreichischen Strafprozessordnung nicht öffentlich sein im Stadium des Ermittlungsverfahrens, weil das Gebot der Unschuldsvermutung nur so bestmöglich gewahrt werden kann."

Mediale Abfangjäger

Insofern unterscheidet sich die Verteidigungsstrategie Bessebergs diametral von jener, die die Anwälte seiner im gleichen Verfahren mit ähnlichen Vorwürfen konfrontierten früheren Generalsekretärin Nicole Resch fahren. Die hat den Vorteil, dass sie vom Kronzeugen der Ermittler, dem russischen Whistleblower Grigori Rodtschenkow, nicht direkt belastet wird. Er sagte in den USA aus, sie sei eine "Ja-Sagerin" gewesen, er wisse aber nicht unmittelbar, dass sie "in korruptes Verhalten verstrickt" sei.

Lange Zeit Vertraute: Anders Besseberg und Nicole Resch bei einer Pressekonferenz 2009 zu Dopingfällen in Russlands Biathlonteam

Lange Zeit Vertraute: Anders Besseberg und Nicole Resch bei einer Pressekonferenz 2009 zu Dopingfällen in Russlands Biathlonteam.

Die Thüringerin lässt sich vom Wiener Strafverteidiger Lukas Kollmann vertreten. Der wirbt damit, dass er auf Platz 1 in der Kategorie "Nächste Generationen Anwälte" sei und seine Kanzlei auf Rang vier in der Kategorie "White Collar Crime (including fraud)". Das passt zu seiner Klientin Resch, die früher gern mit einem hochgeschlossenen weißen Kragen aufgetreten ist. Den Medienkontakt im derzeit laufenden Ermittlungsverfahren meidet er aber.

Er lässt seine Mandantin sogar eine Art medialen Abfangjäger beschäftigen. Journalisten, die bei Kollmann um ein Interview mit der Mandantin Resch bitten, werden an eine Kanzlei in Köln verwiesen, die sich schon für den türkischen Präsidenten Erdogan in Deutschland eingesetzt hat. Von der bekommen sie alsbald umfangreiche Post. Die Kanzlei versucht mit einer zur Einschüchterung tauglichen Tonlage und mit juristisch kühner Argumentation, eine Verdachtsberichterstattung zu Resch oder wenigstens der Nennung ihres Namens zu unterbinden. Ihre Mandantin habe schließlich keine hervorgehobene Position, wie die einer Präsidentin. So als habe Resch nie diverse öffentliche Pressekonferenzen und sogar Fernsehinterviews zur Dopingthematik in der IBU gegeben. Sie ist daher sehr wohl zumindest der wintersportinteressierten Öffentlichkeit bekannt.

Delegierung der Zuständigkeit

Besonders spannend wird daher zu beobachten sein, welche Strategie besser verfängt. Schließlich ist damit zu rechnen, dass die Interessen der beiden Hauptbeschuldigten durchaus kollidieren. Obwohl sie einst in allen Bereichen und womöglich auch bei der Sabotage eines effektiven Anti-Dopingkampfes zum Wohle der Russen gut zusammengearbeitet haben sollen.

Besseberg ist in seiner Verteidigung offenkundig schon jetzt daran gelegen, jede Zugriffsmöglichkeit auf die Abwicklung von Test- und Sanktionsverfahren zu bestreiten. "Herr Besseberg war für die Dopingkontrollen in der IBU zu keiner Zeit zuständig. Man macht ihm den Vorwurf, er hätte in diese Kontrolltätigkeiten hineininterveniert oder regiert, ohne dass er dazu überhaupt eine Kompetenz gehabt hätte", erklärt der Anwalt Wess. Das stelle sein Mandant "entschieden in Abrede".

Geschützter Kronzeuge

Er klingt einerseits, als versuche Wess zum Wohle von Besseberg mögliche Versäumnisse der Generalsekretärin als Chefin der Verwaltung in die Schuhe zu schieben. Andererseits sagt der Verteidiger: "Es wird nicht so sein, dass Herr Besseberg sich aus irgendeiner Verantwortung stiehlt. Er wird auch sicherlich die politische Verantwortung übernehmen, wenn man sagt, man hat hier das eine oder andere zu verbessern." Zum Tatvorwurf der Korruption freilich sei eine Frage zu beantworten: "Wie sind von den für die Dopingkontrollen zuständigen Personen innerhalb der IBU die Dopingkontrollen tatsächlich durchgeführt worden?"

"Bis zum Schluss verhangen"

Derzeit mühen sich die Ermittler noch, weitere Erkenntnisse aus dem bei den Razzien im April sichergestellten umfangreichen Beweismaterial zu gewinnen. Da es sich dabei auch um fremdsprachliche Akten, Korrespondenz und Kommunikation handelt, muss zudem vieles erst übersetzt werden. Deswegen rechnen die Beteiligten durchaus noch damit, dass die Ermittlungen ein bis zwei Jahre dauern. Und Wess geht davon aus, dass sein Mandant, "bis zum Schluss im Verfahren verhangen sein wird", da er "in seiner Funktion an der Spitze des Verbandes stand".

Stand: 11.12.2018, 13:30

Darstellung: