Wie die Biathlon-Bosse die Russen geschützt haben sollen

Leichte Mädchen, schwere Vorwürfe

Wie die Biathlon-Bosse die Russen geschützt haben sollen

Von Hajo Seppelt, Grit Hartmann, Jörg Winterfeldt und Christoph Nahr

Dopingvertuschung, Korruption, Gefälligkeiten - Ermittler prüfen zahlreiche Vorwürfe gegen die frühere Verbandsspitze.

Wie mühselig es ist, die Nachrichtenlage zu verbessern, musste der neue Boss gerade selbst kleinlaut eingestehen. Erst im September war Olle Dahlin in der Internationalen Biathlon Union (IBU) zum neuen Präsidenten gewählt worden. Vom Schweden erwarten die Skijäger nicht weniger, als dass er ihren prosperierenden Verband wieder aus den Skandal-Schlagzeilen manövriert. Die hatte zuvorderst der Vorgänger angerichtet: Der Norweger Anders Besseberg soll es sich auf Kosten Russlands gutgehen lassen haben. Gegenleistung:  der Schutz russischer Doper; sie hatten kaum mit Enttarnung zu rechnen.

Seit dem Frühjahr kümmert sich daher die Wiener Korruptionsstaatsanwaltschaft um den Gründungsboss der IBU. Doch seinem Nachfolger Dahlin gehen die Aufräumarbeiten schwerer von der Hand als erwartet. Das liegt nicht nur am Ausmaß der Altlasten, die er in der Salzburger Verbandszentrale vorgefunden hat, sondern zuletzt an eingeschränkter Mobilität: Kurz vor Beginn der neuen Weltcupsaison am vergangenen Wochenende in Pokljuka brach Dahlin sich das Bein. Zum Auftakt fehlte der Schwede gleich entschuldigt.

Schockierte Sportler

Für den Verband weit schwerer wiegt, was in diesem Jahr alles zu Bruch gegangen ist, seit Österreichs Ermittler im April zu Razzien an Bessebergs Amts- und Wohnsitz anrückten und sich gleich auch zum selben Tatvorwurf dessen deutsche Generalsekretärin Nicole Resch vorknöpften: das Vertrauen von Athleten und Fans in die Integrität nicht nur der Funktionäre, sondern vor allem der Wettbewerbe. „Das sind harte Anschuldigungen, und das hat uns auch schockiert. Es ist wichtig, dass aufgeklärt wird“, sagte der deutsche Biathlon-Olympiasieger Arnd Peiffer der ARD-Doping-Redaktion, „es ist wichtig, dass man verhindert, dass so etwas passiert, wieder passieren kann.“

In Wien werten die Strafverfolger gerade die Erkenntnisse und Daten aus, die bei den Hausdurchsuchungen angefallen sind. Wie lange sich die Ermittlungsverfahren gegen Besseberg und Resch noch hinziehen, vermag niemand genau einzuschätzen. Beide bestreiten alle Vorwürfe. Doch geht Bessebergs österreichischer Strafverteidiger Norbert Wess von mindestens einem Jahr aus. Und Silvia Thaller, Sprecherin der zuständigen Wiener Staatsanwaltschaft, sagte der ARD-Doping-Redaktion: „Die Ermittlungen sind in vollem Gange. Wir ermitteln gegen 12 Beschuldigte, wobei zwei Beschuldigte im Zentrum unserer Ermittlungen wegen Korruptionsvorwürfen stehen. Die übrigen zehn Beschuldigten werden wegen des Verdachtes des Dopings sowie des Betruges im Zusammenhang mit Doping als Beschuldigte geführt.“ Russische Betreuer und Athleten, von denen einige noch aktiv sind.

Sylvia Thaller

Derzeit ermittelt die Wiener Staatsanwaltschaft gegen zwölf Beschuldigte, so Sprecherin Sylvia Thaller.

Basis der Ermittlungen

Grundlage der Ermittlungen ist eine eidesstattliche Versicherung des Whistleblowers Grigori Rodschenkow. Der Russe war früher prominenter Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors. Nachdem die ARD-Doping-Redaktion das Staatsdopingsystem Ende 2014 aufgedeckt hatte, setzte er sich in die USA ab und kam im Zeugenschutzprogramm des FBI unter. Schließlich ist inzwischen tragisch überliefert, wie brutal Putins Geheimdienstler mit Staatsfeinden umgehen. Weil Biathlon neben der Leichtathletik der wohl am stärksten in Putins Sportbetrug verwickelte Sport war, widmete ihm Rodschenkow einen eigenen Bericht.

„Aktiv korrupte Praktiken genutzt“

Darauf – und auf Informationen von mehreren IBU-Insidern - basierte der Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, der deutsche Kriminalist Günter Younger, im vergangenen Winter ein Dossier zum Biathlon. Das wurde im April geleakt und liegt in Auszügen auch der ARD-Dopingredaktion vor. Younger schloss es auf Seite 15 mit der Folgerung, dass „Russland aktiv korrupte Praktiken nutzt, insbesondere Bestechung, um Einzelpersonen aus Internationalen Verbänden auf seine Seite zu ziehen“ und dass „Russland erfolgreich die IBU angegangen ist, insbesondere Mr. Besseberg und Ms Resch, um bei der Durchsetzung russischer Interessen behilflich zu sein“.

Besseberg, so heißt es in dem Papier weiter, soll allein zwischen 200.000 und 300.000 US-Dollar erhalten haben von den Russen – ein Vorwurf, den Besseberg allerdings umgehend in Interviews zurückwies. Zusätzlich hätten russische Funktionäre, so hält das WADA-Dossier außerdem fest, Besseberg mit „Urlauben, Jagdausflügen und Prostituierten“ versorgt. Kurios wirkt in dem Zusammenhang das Gewerbe seines früheren Kommunikationschefs: Der betrieb im Nebenjob jahrelang einen Escort-Service. Gegenüber der ARD-Doping-Redaktion bestreitet er das nicht, nur, dass der jemals für seinen Dienstherrn tätig geworden wäre.

Schmutzige Blutprofile?

Den Ermittlern erschlossen sich seither vielfältige Möglichkeiten, wie das Führungsduo der IBU zum Wohle der Russen Einfluss genommen haben könnte. Der Chef des medizinischen Komitees im Biathlon-Weltverband etwa berichtet auch der ARD-Dopingredaktion, wie sein Gremium im Anti-Doping-Kampf systematisch von der Führung sabotiert worden sei. „Wir haben starken Druck gespürt auf das Medizin-Komitee ... uns nicht mehr, nun ja, so sehr einzumischen“, sagte James Carrabre, „die IBU hat die Zahl unserer Meetings reduziert; wir Mediziner durften nicht mehr bei den Weltcups dabei sein. Wir fanden das schon sehr sonderbar.“

James Carrabre

Die IBU-Spitze habe ihn unter Druck gesetzt, sagt der Chef des Medizinischen Komitees im Weltverband, James Carrabre.

Zudem unterhielt die IBU bis 2015 eine eigene Datenbank mit den Blutwerten von Athleten. Sie hieß ARIETA und diente, laut Verband, als Grundlage für zielgerichtete Urin-Kontrollen, „nicht als Datensammlung von Profilen der Biologischen Pässe von Athleten“. Doch der Kronzeuge Rodschenkow beschuldigte auch die frühere IBU-Spitze, nach den ARD-Enthüllungen 2014 in aller Eile Beweise beiseite geschafft zu haben: „Biathlon und Ski – vor und nach den Sotschi-Spielen haben sie festgestellt, dass die Blutpässe eine Katastrophe sind. Und was haben die Weltverbände IBU und FIS getan? Als der Film von Hajo Seppelt in der ARD ausgestrahlt wurde, haben sie die dreckigen, extrem dreckigen Pässe an die russische Anti-Dopingagentur geschickt – mit nur einem Ziel: diese Fälle zu beerdigen.“ Sollten allein diese Vorwürfe sich bewahrheiten, wäre dies ein dramatischer Fall der Vertuschung.

Sabotage durch Trödelei?

Nicht minder verdächtig wirken die Wege, die der Verband sich für seine Dopinganalytik einfallen ließ. Nachzulesen ist das zum Beispiel in einem Urteil gegen die russische Athletin Jekaterina Glasyrina, die von der IBU selbst Anfang Mai unter wachsendem internationalen Druck gesperrt wurde. Dort notieren die IBU-Richter, dass der Verband Anfang 2014 elf russische Dopingproben, die im Training in Ruhpolding genommen worden waren, zur Analyse nicht etwa nach Köln oder Kreischa schickte, sondern ins Kontrolllabor im fernen Moskau. Die Ergebnisse fielen in der Folge allesamt negativ aus. Schließlich verstand sich die Einrichtung zuvorderst auf die Verschleierung von positiven Tests.

Rodschenkow berichtete auch von einem Vorfall bei den Olympischen Spielen in Sotschi. Da seien die Proben von fünf Biathleten erst über 36 Stunden nach der Entnahme im IOC-Labor angekommen, ohne dass die IBU eine plausible und glaubwürdige Erklärung gehabt habe. Weil die Verwertbarkeit von Proben aber nach anderthalb Tagen geendet habe, seien sie nicht mehr analysiert worden. Ein Zufall, dass darunter auch vier Proben von der 4x7,5 Kilometer-Staffel der Männer im Biathlon waren? Die gewann einige Tage später Gold – vor Deutschland.

Über deren Frontmann, Jewgeni Ustjugow, berichtete Rodschenkow schließlich, er habe schon 2009 auffällige Werte gehabt und sei nur dank Intervention seines russischen Verbandsbosses vor Strafe geschützt worden. Später habe er weiter laufen dürfen, obwohl er „das schmutzigste Blutprofil von allen“ gehabt habe. Erst in diesem Spätsommer knöpfte sich die IBU Ustjugow mit drei Kollegen vor – formal gilt er als vorläufig, bis zum Abschluss des Verfahrens, suspendiert. Tatsächlich allerdings hat er seine Sportkarriere ohnehin beendet.

Stand: 02.12.2018, 20:56

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