Dopingverfahren Bahta: Träge Ermittlungsarbeit benachteiligt Alina Reh

10.000-Meter-Läuferin Alina Reh aus Deutschland

"Man hätte zügiger arbeiten müssen"

Dopingverfahren Bahta: Träge Ermittlungsarbeit benachteiligt Alina Reh

Von Jörg Winterfeldt und Josef Opfermann

Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft wurde die Deutsche Alina Reh nur Vierte über 10.000 Meter hinter der Schwedin Meraf Bahta. Dass die wegen eines verschleppten Dopingverfahrens antreten durfte, kritisieren Fachleute.

Irgendwie standen diese Europameisterschaften unter keinem guten Stern für Alina Reh. Das begann schon im April, als die junge Langstreckenläuferin aus Laichingen auf der schwäbischen Alb sich eigentlich in Form bringen wollte für das Highlight dieses Sommers. Doch dann zickte der Körper: Reh, 21, musste im April ihr Training für Wochen unterbrechen – Ermüdungsfraktur im rechten Wadenbein.

Obwohl sie sich dann trotzdem noch für die EM in Berlin wieder konkurrenzfähig machte, blieb der schwäbischen Frohnatur der ganz große Coup verwehrt. Über 10.000 Meter trudelte Reh nur als Vierte im Ziel ein, so denkbar knapp außerhalb der Medaillenränge wie undankbar. Die vor ihr zur Bronzemedaille einlaufende Schwedin Meraf Bahta stand schon beim Start unter Verdacht, gegen die Anti-Doping-Bestimmungen verstoßen zu haben. Ihr droht eine Sperre.

Während der schwedische Leichtathletik-Verband seine Entscheidung energisch verteidigt, Bahta trotz des anstehenden Disziplinarverfahrens starten zu lassen, mehren sich international die Kritiker. Vor allem die Tatsache, dass Bahta drei Verstöße gegen die Anti-Doping-Bestimmungen in zwölf Monaten - davon einer wenige Wochen vor der EM - zur Last gelegt werden, sorgt für Unverständnis.

„Eine klare Entscheidung muss vorher vorliegen“

„Wenn so ein großes Event vor der Tür steht und das wissen die Kolleginnen und Kollegen ja auch, dass die Athletin daran teilnimmt, dann muss das Ganze stärker zusammengreifen und vorher eine klare Entscheidung vorliegen“, sagte der Vorstand der Nationalen Anti-Doping-Agentur Deutschland, Lars Mortsiefer, der ARD-Dopingredaktion.

Nichtsdestotrotz wähnt NADA-Vorstand Mortsiefer die schwedischen Kollegen auf einem seriösen Kurs. „Grundsätzlich macht man in Skandinavien – auch bei den Schweden – eine gute Anti-Doping-Arbeit“, sagt Mortsiefer, „aber wenn große Events anstehen, muss man natürlich zügiger arbeiten, als wenn Off-Season ist und keine Wettbewerbe anstehen“.

Zwei verpasste Tests, ein Meldepflichtverstoß

Die 10.000-Meter-Läuferin Meraf Bahta aus Schweden

Die 10.000-Meter-Läuferin Meraf Bahta aus Schweden

Bahtas Fall schlug schon bei der EM hohe Wellen. Nur durch eine Indiskretion wurde bekannt, dass sie unter Vorbehalt antrat. Am 26. Juli, elf Tage vor der EM, meldete die schwedische Zeitung Aftonbladet, dass der 10.000-Meter-Läuferin ein Dopingverfahren droht. „Zwei verpasste Tests, einen Meldepflichtverstoß“ habe sich Bahta binnen zwölf Monaten zuschulden kommen lassen, bestätigte Tommy Forsgren, der Chef der schwedischen Anti-Doping-Agentur der ARD-Dopingredaktion, „der letzte davon stammt aus dem späten Frühling, irgendwann Anfang Mai“.

Sportrechtlich ist die Lage klar: Die Schweden hätten Bahta nach den Regeln sperren können, mussten es aber nicht. „Bei meldepflichtigen Kontrollversäumnissen ist diese Suspendierung nicht zwingend, da kann sie ausgesprochen werden“, sagt der deutsche NADA-Mann Mortsiefer, „das zuständige Disziplinarorgan oder die Anti-Doping-Organisation muss dann eben abwägen, was im Vordergrund steht: der Schutzbedarf des Wettbewerbs oder der des Athleten“.

Vertraulichkeit gebrochen

Schwedens Leichtathletik-Verband Svenska Friidrottsförbundet verweist darauf, dass er sich im Fall Bahta mit den internationalen Dachverbänden abgestimmt habe. Der Veranstalter der Europameisterschaften, der Europäische Leichtathletikverband EAA, sei ebenso konsultiert worden wie der Weltverband IAAF, dazu Experten wie der frühere Chef der Medizinischen Kommission des IOC, der Schwede Arne Ljungqvist. Dies sei geschehen, „da die Situation bei Meraf Bahta einzigartig war in dem Sinne, dass die Vertraulichkeit gebrochen wurde, als das nicht hätte passieren sollen“, sagte Stefan Olsson, Generalsekretär von Svenska Friidrottsförbundet, der ARD-Dopingredaktion: ”Es gab weder Regeln noch Empfehlungen, die uns auferlegt hätten, Bahtas Start zu unterbinden, angesichts des frühen Stadiums des Verfahrens – im Gegenteil.”

Olsson führt zur Entlastung die Kontrollhistorie Bahtas an. Die gebürtig aus Eritrea stammende und Ende 2008 zur Vermeidung des Militärdienstes nach Schweden emigrierte Athletin war Anfang 2014 eingebürgert worden. Seit Januar 2017, teilt Olsson mit, sei Bahta 19-mal getestet worden, davon zehnmal im Training. Die Schweden verweisen zudem auf einen aus ihrer Sicht energischen Anti-Doping-Kampf. Obwohl der Weltverband ihnen nur drei Athleten für das Testprogramm vorschreibe, habe Svenska Friidrottsförbundet insgesamt 47 getestet, sagt Olsson.

„Wir sind nicht so rücksichtslos“

Die zunehmende Kritik und die fortdauernden Diskussionen führten dazu, dass Bahta auf ihren avisierten Start über die 5.000 Meter freiwillig verzichtete. Seither hat sich die Situation nicht beruhigt. Auch Experten kritisieren, dass Schwedens Leichtathletik-Verband mit dem Verzicht auf eine vorläufige Suspendierung sehenden Auges den Wettbewerb kompromittiert habe. "Wir sind nicht so rücksichtslos, dass wir unsere eigenen Regeln erfinden", sagte der Direktor des finnischen Verbandes Jorma Kemppainen der Zeitung Helsingin Sanomat. „Wäre uns das Gleiche passiert, hätten wir das unterbunden."

Die deutsche Athletin Alina Reh wird sich noch eine Weile in Geduld üben müssen, um zu erfahren, ob sie mit Verspätung doch noch eine Bronzemedaille bekommt. Das Verfahren in Schweden kann sich noch Wochen hinziehen. Nach der Beweisaufnahme der ermittelnden Kammer, inklusive der Stellungnahme von Meraf Bahta, findet eine Würdigung des gesammelten Materials durch eine sportrechtsprechende Kammer in Schweden statt - mit einem abschließenden Urteil. Wie lange dieses Procedere dauert, hängt unter anderem davon ab, wie umfangreich das entlastende Material der Athletin ist und als wie langwierig sich dessen Prüfung erweist.

Stand: 21.08.2018, 16:15

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