Blutige Geschäfte - die aktuellen Hintergründe der Doping-Razzia

Die Polizei im Einsatz während der Ski WM in Seefeld

Seefeld-Skandal

Blutige Geschäfte - die aktuellen Hintergründe der Doping-Razzia

Von Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

Nach den spektakulären Doping-Razzien in Erfurt und Seefeld stoßen die Ermittler reihenweise auf pikante Hintergründe. Die Gerätschaft hatte die Justiz womöglich schon mal konfisziert.

In den vergangenen Tagen musste der Münchner Oberstaatsanwalt Kai Gräber zahlreiche Interviews geben. Er leitet die Doping-Schwerpunktstaatsanwaltschaft. Und er reitet gerade von Tag zu Tag zu Erfolgen. Schon jetzt, in dieser frühen Phase der Ermittlungen nach den Razzien in Erfurt und in Seefeld/Österreich in der vergangenen Woche, ist klar, dass es Gräber mit seinen österreichischen Kollegen gelungen ist, den größten Dopingskandal aufzudecken, der seiner Behörde bisher untergekommen ist.

Der Jurist macht sich kaum Mühe seine Triumphgefühle zu verbergen. Er schwärmt von einer „Hülle und Fülle von Beweisen“, von „erdrückender Beweislast“. Und er prophezeit, dass noch längst nicht alle Beteiligten ermittelt sind. Doch allein schon, was seit dem vergangenen Mittwoch an neuen Erkenntnissen gesammelt wurde, scheint vielversprechend. „Wir gehen davon aus, dass dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein war“, sagte der Wiener Brigadier Dieter Csefan, der Leiter des Büros Organisierte Kriminalität des Bundeskriminalamts Österreich der ARD-Dopingredaktion, „wir rechnen damit, dass hier auch noch mehrere Athletinnen und Athleten ausgeforscht werden können, auch aus anderen Sportarten.“

Blutige Geschäfte – Seefeld und die Folgen Sportschau 03.03.2019 10:30 Min. Verfügbar bis 03.03.2020 Das Erste

Der Münchner Gräber erhofft sich aus etwa 40 sichergestellten Blutbeuteln Aufschlüsse auf weitere Beteiligte. Der Anwalt des bisher als Haupttäter eingestuften Erfurter Sportarztes Mark Schmidt, der in München in Untersuchungshaft sitzt, hatte angekündigt, dass sein Mandant vollumfänglich kooperationsbereit sei. Auf Anfrage der ARD-Dopingredaktion teilte die Verteidigung mit, sie gebe darüber hinaus zu den Vorwürfen keine weitere Stellungnahme ab.

Dem bereits vor zehn Jahren in Dopingprozessen um das Profiradteam Gerolsteiner belasteten Schmidt droht eine lange Haftstrafe. In Österreich war sogar als sein Helfer sein Vater Ansgard Schmidt verhaftet worden, ein pensionierter Jurist mit offenkundig besten Beziehungen in hohe politische Thüringer Kreise.

Trainer belastet

Erfüllt Schmidt Gräbers Erwartungen, dann liefert er die Klarnamen der von ihm betreuten Athleten, von denen sich auf den Blutbeuteln nur Kürzel oder Codenamen finden – so wie einst beim Skandal um die Dopinggeschäfte des spanischen Gynäkologen Eufemiano Fuentes. Gräber will sich dann bei den belasteten Athleten, die mutmaßlich zwischen 8000 und 15000 Euro pro Saison für die „All-inclusive-Behandlung“ bezahlt hätten, mit richterlichem Beschluss DNA zum Abgleich besorgen.

Csefans Leute vom Bundeskriminalamt haben wichtige neue Erkenntnisse aus den Vernehmungen der fünf festgenommenen Skilangläufer gewonnen. Kaum auf freiem Fuß hat sich etwa der erwischte Este Karel Tammjärv in der Heimat in einer Pressekonferenz den Medien gestellt. Sein Geständnis lieferte Anhaltspunkte über neue Ermittlungsansätze der Fahnder: „Es gibt da einen Kontakt, sagte mir der Trainer Mati Alaver. In Deutschland. Das sagte er mir im Spätsommer 2016 bei einem Gespräch. Er sagte, es gibt einen Arzt, der solche Sachen organisiert, wenn du schneller skilaufen willst. Und ich habe dann die Entscheidung getroffen. Ja, ich will diese unterstützende Maßnahme. Blutdoping.“

Er hat auch beschrieben wie bei dem ohnehin fast nicht nachweisbaren Blutdoping weiter verschleiert wurde: „Jeweils am Morgen vor dem Rennen wurde mir Blut gegeben und gleich nach dem Rennen wurde das Blut wieder entnommen. So gäbe es keine Spur für die Dopingkontrolleure, sagte man mir.“

Mark Schmidt und sein Umfeld Sportschau 03.03.2019 05:10 Min. Verfügbar bis 03.03.2020 Das Erste

Der beschuldigte Trainer räumte in einem vorgefertigten Statement den Vorwurf ein. „Hiermit bestätige ich, Karel den Kontakt zum deutschen Sportarzt Schmidtt im Jahre 2016 vermittelt zu haben“, ließ er mitteilen, „das ist einer der größten Fehler meines Lebens.” Finanziert habe er den Betrug mit Sponsorengeldern, sagte Tammjärv weiter, „die Treffen zu den Bluttransfusionen fanden auch statt in Frankfurt und in Berlin.”

Außer ihm hatten die Fahnder noch seinen Landsmann Andreas Veerpalu, den Kasachen Alexey Poltoranin sowie die beiden Österreicher Dominik Baldauf und Max Hauke unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Nach den Vernehmungen wurden alle Fünf wieder auf freien Fuß gesetzt, weil eine Verdunkelungsgefahr nicht weiter gegeben sei. Das könnte bedeuten, dass die Ermittler mit den Angaben zufrieden sind.

Gegenüber Hauke ist die Beweislast besonders erdrückend. Ihn hatte das dem Innenministerium unterstellte Sondereinsatzkommando Cobra auf frischer Tat in der Seefelder Villa Edeltraud am See in der Dachgeschosswohnung bei der Reinfundierung seines Blutes aufgegriffen. Für kurze Zeit kursierte das geleakte Polizeivideo davon sogar in den Medien.

Hauke hatte an den Tagen nach der Ausstrahlung der ARD-Dokumentation „Die Gier nach Gold“ gegenüber der ARD-Dopingredaktion dazu Stellung genommen und die übliche Unschuld vorgespielt. Das in dem Film enthaltene ausführliche Blutdoping-Geständnis von Haukes Landsmann Johannes Dürr lieferte den Ermittlern die nötigen Ansätze für ihre erfolgreiche „Operation Aderlass“. Hauke hatte Mitte Januar noch dreist auf die Frage nach einer Dopingkultur behauptet: „Für mich ist das völlig fern, also ich kann da gar nichts dazu sagen. Also ich glaube nicht, dass es sowas gibt. Also da kann ich nicht irgendwas dazu sagen.” Auf die Nachfrage, ob Spitzensport ohne Doping nicht möglich sei, sagte Hauke: „Nein, das glaube ich nicht.”

Überraschende Volten

Am Sonntag überraschte ausgerechnet ein offizieller Partner des Österreichischen Skiverbandes mit einer neuen Volte: In einem Artikel behauptete das Boulevardblatt Krone, Johannes Dürr sei der „Drahtzieher hinter dem Sportbetrug der Österreicher gewesen“, er sei ein „dreister ‚Doping-Vermittler‘“.

Die ethisch fragwürdige Nähe des Mediums zum Verband lässt Raum für Spekulationen. Fakt ist jedenfalls, dass der Österreichische Skiverband ein Interview der ARD-Dopingredaktion mit dessen allmächtigem Boss Peter Schröcksnadel, in dem er seinen Zorn auf Dürr ausdrückte, gestern zurückgezogen hat. Fakt ist auch, dass die Staatsanwaltschaft am Sonntag auch nach den Aussagen von Baldauf und Hauke Dürr nicht als Beschuldigten führte.

Schröcksnadel ist auch der Mann, der sich bei Feiern schon mal kumpelig Arm in Arm mit überführten Dopern zeigt, ganz so, als könne das nicht so wirken, dass Top-Funktionäre Betrügern nicht unbedingt böse seien.

Dass es vorige Woche zur WM-Jubiläumsfeier in der Ramsau dann ausgerechnet Christian Hoffmann war, um den Schröcknadel den Arm gelegt hatte, entpuppte sich einige Tage darauf durch die Razzia als ein ganz besonderer Zynismus: Zwar stellte die Wiener Staatsanwaltschaft 2010 das Verfahren gegen Hoffmann ein, weil ihm keine Beitragshandlungen zum Blutdoping nachgewiesen wurden. Doch hielten die Ankläger für gesichert, dass Hoffmann mit zwei anderen Sportlern eine Blutzentrifuge finanziert hatte – jene, die Stefan Matschiner besorgt hat. Schröcksnadel hielt also den Mann im Arm, der mutmaßlich mal das Gerät in den Dunstkreis des Verbandes bringen geholfen hat, mit dem nun wohl der Erfurter Mediziner Schmidt das Blut von einigen seiner Athleten bearbeitet hat.

ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel

Steht derzeit wegen des Doping-Skandals unter Beschuss: ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel

Der notorisch von Dopingfällen in seiner Langlaufsparte heimgesuchte Verband wird demnächst wohl auf eine weitere pikante Personalie angesprochen. Er hat einen Trainer beschäftigt, der mittlerweile drei des Dopings überführte Langläufer - Johannes Dürr, Harald Wurm und Max Hauke betreut hat: Gerald Heigl. Auf der inzwischen abgeschalteten Facebook-Seite des Blutdopers Hauke fand sich ein Video von einer Rollskitrainingseinheit, die er gemeinsam mit dem Biathleten Dominik Landertinger absolvierte. Auf dem Mountainbike betreute auch sie - Gerald Heigl. Der hatte einst sein ÖSV-Amt ruhen lassen und war später offiziell ganz ausgeschieden aus dem Verband. Dopingbelege liegen gegen ihn Stand jetzt nicht vor. Trotzdem gilt er als höchst umstritten.

Nicht minder pikant dürfte sich für Österreichs Justiz eine Aussage des langjährigen Schmidt-Bekannten Stefan Matschiner gegenüber der ARD-Dopingredaktion sein. Belastet von zwei seiner Athleten war der Sportmanager 2010 zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden, weil er Blutdoping mit ihnen betrieb. Seine zwischenzeitlich konfiszierten Gerätschaften waren ihm offensichtlich später zurückgegeben worden. Er sei dann mal gefragt worden von Mark Schmidt, ob er „nicht diese Gerätschaft“ und seine „Kontakte so weitergeben könnte“. Das habe er getan. „Ich habe gesagt, mach damit, was du willst, und somit war das Thema für mich erledigt. Dass er sie zum Einsatz gebracht hat, ist – glaub‘ ich – mittlerweile amtlich, auch durch den Fall Dürr.“

Stand: 03.03.2019, 19:19

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