Wie die Operation Aderlass Dopingjägern in Zukunft hilft

Umhänger mit der Aufschrift "Nada Doping Control"

Doping | "Operation Aderlass"

Wie die Operation Aderlass Dopingjägern in Zukunft hilft

Von Hajo Seppelt, Peter Wozny und Jörg Winterfeldt

Selten hat eine Strafermittlung so detailliert Erkenntnisse zum konspirativen Ablauf des Dopings und der Reduzierung des Entdeckungsrisikos geliefert. Die Arbeit der Fahnder hat sich verändert.

Nach dem Abschluss des Münchner Prozesses gegen den Erfurter Arzt Mark Schmidt und seine Helfer erwarten Experten in Deutschland gespannt die weitere Aufarbeitung des Aderlass-Komplexes durch die Nationale Anti-Doping-Agentur. Für die Strafverfolger um den Münchner Oberstaatsanwalt Kai Gräber bestand schließlich ein Problem bei der umfassenden Aufklärung und Ahndung aller Verdachtsmomente in der schwierigen Gesetzeslage: In Deutschland konnte erst 2015 der Widerstand des organisierten Sports überwunden werden, der ein eigenes Anti-Doping-Gesetz, mit einer Strafbarkeit des dopenden Athleten selbst, lange Zeit tunlichst verhindern wollte.

Sportrechtlich aber reichen die Möglichkeiten der Dopingjäger weiter zurück: "Wir haben eine längere Verjährungsfrist, die Möglichkeit, bis zu zehn Jahre in die Vergangenheit zu blicken", sagt der NADA-Vorstand Lars Mortsiefer der ARD-Dopingredaktion, "sodass wir uns jetzt nochmal sukzessive die Zeiträume angucken, die gerade in den Anfängen von Mark Schmidts Dopingpraktiken 2011, 2012 und 2013 erfasst sein können." Zudem betreibt die NADA derzeit das Berufungsverfahren gegen den in der ersten Instanz von einem Deutschen Schiedsgericht freigesprochenen, früheren Eisschnellläufer Robert Lehmann-Dolle. Den Schiedsrichtern reichte nicht aus, dass der frühere Wintersportler vom Haupttäter Schmidt selbst in einer Aussage schwer belastet worden war. Nun muss der Internationale Sportgerichtshof CAS die Beweislage neu würdigen.

Bei manchem Promi-Doper war der Arm des Gesetzes nicht lang genug

Wie interessant der Zeitraum vor Einführung des Anti-Doping-Gesetzes sein kann, dämmert auch den Strafverfolgern durchaus. Schon die Erkenntniss, dass Schmidt gleich in den frühen Jahren prominenten Radprofis wie Alessandro Petacchi und Danilo Hondo mit Betrugsmethoden unter die Arme gegriffen haben soll, zeigt ihnen, dass gerade im strafrechtlich nicht relevanten Zeitraum bekannte Klienten behandelt worden sind. Den Strafermittlern sind auch weitere Profis bekannt, die verdächtig sind, bei denen sie allerdings mangels Strafbarkeit nicht weiter ermittelt haben.

Doping-Prozess: Arzt Mark Schmidt zu Haftstrafe verurteilt Sportschau 27.01.2021 07:30 Min. Verfügbar bis 27.01.2022 Das Erste

Darunter könnte etwa Björn Thurau fallen. Der Sohn des früheren Tour-de-France-Stars Dietrich Thurau soll in einem Chat mit einem früheren Schweizer Profi die Lieferung von Dopingmitteln diskutiert haben. Die NADA erhofft sich weitere Aufschlüsse durch den Arzt. "Wir haben vor Weihnachten zur Kenntnis genommen, dass Mark Schmidt bereit ist, den Anti-Doping-Kampf zu unterstützen und möglicherweise Informationen zu liefern", sagt Mortsiefer, "wenn er tatsächlich in die eine oder andere Richtung aufklärt, würde ein klares Wort: 'Nein, den habe ich nicht gedopt' oder ein klares Wort, 'den hab‘ ich gedopt‘ die gesamte Situation wesentlich glaubwürdiger machen für uns und helfen, Verfahren zu betreiben. Wir haben Kontakt zu seinen Anwälten aufgenommen, aber bislang noch keine Rückmeldung erhalten."

Allein schon Vernehmungen und Hauptverhandlung haben den Dopingjägern wichtige Erkenntnisse geliefert. "Die im Prozess genannten Methoden des Dopings und Substanzen, die zu Dopingzwecken mutmaßlich eingesetzt wurden, haben gezeigt, dass zum einen überwiegend auf ausdauer-, leistungssteigernde Strategien gesetzt wurde, dass auf die Blutbildung Wert gelegt wurde, dass die Ausdauer-Leistungsfähigkeit der Athleten positiv beeinflusst werden sollte und auch die Regenerationsfähigkeit der Athleten. Wobei zu bemerken ist, dass in erster Linie Substanzen eingesetzt wurden, die auch körpereigen vorkommen können und somit der Nachweis besonders erschwert wird", sagt der Chef des Kölner Anti-Doping-Labors, Mario Thevis. "Es gibt Strategien, diese zu erfassen, insbesondere den biologischen Pass der Athleten. Aber wenn Parameter modifiziert werden, und bevor der Dopingtest durchgeführt wird, auch wieder zurückkorrigiert werden, dann ist die Möglichkeit, diese Manipulation nachzuweisen, vergleichsweise gering. Hier ist offensichtlich mit einer Strategie vorgegangen worden, die genaue Kenntnisse über den Ablauf von Dopingkontrollen und die Zeitfenster der Dopingkontrollen und die Möglichkeiten der Nachweisverfahren [voraussetzt, Anm. d. Red.]. Dass das System nicht vollumfänglich sicher ist, ist kein Geheimnis."

Die Schattenseiten der übertriebenen Rücksichtnahme

Die NADA hat mit den Erkenntnissen ihre Praktiken umgestellt. "Es ist z.B. wichtig, dass wir eingefrorene Proben, die wir noch haben von Athleten, nochmal genau screenen", sagt NADA-Mann Mortsiefer, "und wir konnten uns in der Tat nicht vorstellen, dass jemand unheimlich kurz vor einem Wettkampf – eine halbe Stunde, eine Stunde, vielleicht zwei Stunden vor dem Wettkampf – sich nicht fokussiert auf sein Rennen oder auf seinen Wettkampf, sondern in ein anderes Hotelzimmer gegangen ist und sich dort Blut rückführen lässt. Wenn Sie da ansetzen mit einer Dopingkontrolle, laufen Sie natürlich Gefahr, den Wettbewerb zu verzerren, indem Sie Leute aus der Konzentration reißen. Aber nichtsdestotrotz haben wir diese Zeiträume auch in Angriff genommen und 2020 und 2019 Tests unmittelbar vor dem Wettkampf gemacht, um einfach diese Test-Lücken zu schließen."

Die Beachtung eines weiteren einfachen ersten Hinweises auf einen dringenderen Tatverdacht mahnten sogar die Münchner Strafrichter an: Sie fragten jeden Zeugen aus Athletenkreisen, ob jemals Dopingfahnder ihre Arme auf Einstiche kontrolliert hätten. Alle mussten verneinen. "Das haben wir jetzt in der Tat angepasst", sagt Mortsiefer, "da hat man stark drauf geachtet, zu sagen, man macht keine medizinische Untersuchung sondern eine Dopingprobe. Dementsprechend war es eigentlich nicht angebracht, zu sagen: So, machen Sie mal einen Arm frei. Also haben wir gesagt, da müssen wir stärker proaktiv werden, dass man zumindest sagt: Machen Sie mal den Oberkörper frei oder zeigen Sie uns zumindest beide Arme. Relativ schwierig war es trotzdem, weil das Regelwerk es früher nicht hergegeben hat. Aber jetzt ist es drin."

Stand: 27.01.2021, 17:58

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