Whistleblower Stepanow - "Offenbar müssen auch Betrüger Teil der olympischen Bewegung sein dürfen"

Witali Stepanow hat den Skandal zum russischen Staatsdoping mit ins Rollen gebracht.

CAS-Entscheidung zu Russland-Sperre

Whistleblower Stepanow - "Offenbar müssen auch Betrüger Teil der olympischen Bewegung sein dürfen"

Von Nick Butler

An diesem Donnerstag urteilt der Welt-Sportgerichtshof CAS, ob die Vierjahressperre Russlands bestehen bleiben kann. Im Gespräch mit sportschau.de berichtet der russische Whistleblower Witali Stepanow über persönliche Folgen und Erkenntnisse aus dem Skandal.

Seit seiner Gründung 1984 hat der internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne wohl nicht so im öffentlichen Interesse gestanden wie mit jenem Verfahren nun, in dem es darum geht, abschließend über die Ahndung des staatlich organisierten Dopings in Russland zu urteilen. Wird der beschlossene Vierjahresausschluss des Landes von der offiziellen Teilnahme an und der Veranstaltung von Großwettkämpfen von den drei Sportrichtern bestätigt?

Anfang November haben die Parteien vier Tage lang ihre Argumente vortragen dürfen. Seither hat es dem Gremium um den vorsitzenden Richter Mark Williams (Australien), Professor Luigi Fumagalli aus Italien und Dr. Hamid Gharavi (Frankreich/Iran) oblegen, eine Entscheidung zu treffen und zu begründen.

Im Interview äußert sich der Russe, der einst mit seiner Frau jene Lawine ins Rollen brachte, die der olympischen Bewegung einen ihrer größten Sportskandale bescherte: Witali Stepanow, früher Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur, und verheiratet mit der einstigen Weltklasseläuferin Julia Stepanowa, die erst dopte und dann half, die Praktiken offenzulegen. Das Paar wurde durch sein Enthüllungen zur Flucht ins Exil gezwungen und lebt derzeit in den USA.

Warum haben Sie und Ihre Frau Julia beschlossen, als Whistleblower die Doping-Vorgänge in Ihrer Heimat Russland anzuprangern?

Witali: Nun, für mich persönlich war es nie wirklich eine Frage, ob ich erzählen sollte, was wirklich vor sich geht oder nicht. Für mich war es mein Job, als Teil der russischen Anti-Doping-Agentur zu versuchen, Doping in Russland zu bekämpfen. Unglücklicherweise wurde ich gefeuert, als ich das tat. Aber eigentlich blieb meine Einstellung immer die gleiche: Wenn man versuchen kann, den Sport sauberer zu machen, werde ich es tun. Und irgendwann beschloss Julia als Profi-Sportlerin, die später zu meiner Ehefrau werden würde, sich mir anzuschließen. Es war einfacher zu versuchen, gemeinsam zu kämpfen.

Staatsdoping in Russland und die Whistleblower Mittagsmagazin 17.12.2020 02:10 Min. Verfügbar bis 17.12.2021 Das Erste

Was haben Sie aus dem Umgang mit dem russischen Doping über die Funktionsweise des Sports gelernt?

Witali: Ich denke, man kann im Großen und Ganzen sagen, dass die olympische Bewegung eine komplizierte Struktur aufweist. Es ist schwer, sie zusammenzuhalten. Und ich denke, manchmal, um sicherzustellen, dass sie zusammenhält, muss man offenbar eben auch Betrügern gestatten, Teil dieser olympischen Bewegung zu sein. Obwohl ich wünschte, dass das nicht der Fall wäre, scheint es, dass die Leute, die die olympische Bewegung leiten, so denken – wahrscheinlich basierend auf ihren eigenen Erfahrungen, die sie in der olympischen Bewegung über viele, viele Jahre oder Jahrzehnte gemacht haben.

War es schwierig für Sie, 2016 mit der Reaktion des Internationalen Olympischen Komitees umzugehen, Sie beide nicht zu unterstützen und lieber russische Athleten bei den Olympischen Spielen in Rio antreten zu lassen?

Witali: Es war verständlich. Ich habe von Anfang an verstanden, dass es viel einfacher ist, sich auf die Seite des größten Landes der Welt zu stellen, das medaillenmäßig eines der besten Länder in der olympischen Bewegung ist, als sich auf die Seite von ein paar Whistleblowern zu stellen. So ist das IOC vorgegangen. Anfangs zumindest.

Aber später hat das IOC Sie, auch finanziell, unterstützt, nachdem es viel Kritik hatte einstecken müssen, das nicht gleich getan zu haben.

Witali: Ja, das war interessant. Sobald die persönliche Kommunikation begann, konnte ich spüren, dass sie sich wieder um den sauberen Sport kümmern. Und dass alles kompliziert ist, alles so zu steuern, dass die olympische Bewegung nicht auseinanderbricht. Aber ich habe auch beim IOC-Präsidenten gespürt, dass er wirklich versucht, dass alles funktioniert, dass der Sport so fair und so sauber wie möglich ist. Aber er muss auch immer im Hinterkopf behalten, dass sie Geld brauchen, um die olympische Bewegung zu organisieren. Also geht es nicht nur um Ethik und Fairness, es geht auch um die Existenz und für die Existenz braucht man Geld.

Warum, glauben Sie, hat es so lange gedauert, bis dieser ganze Skandal ein Ende findet?

Witali: Wenn man es vom Standpunkt der Athleten aus betrachtet, die vor 10 Jahren, vor acht Jahren oder sogar jetzt an Wettkämpfen teilgenommen haben, ist es nicht akzeptabel, einfach weil es keine fairen Wettkämpfe gibt. Aber wenn man an das Sprichwort ‚besser spät als nie‘ denkt und sieht, dass die Dinge langsam in Ordnung gebracht werden, dann scheint es zumindest im Fall von Russland so zu sein, dass die großen Probleme aufgedeckt werden und man sich mit ihnen beschäftigt. Und ich denke, es braucht einfach Zeit, um wirkliche Veränderungen vorzunehmen, die großen Betrüger loszuwerden und den Sport sauberer, besser, fairer zu machen.

Es scheint die Gefahr zu bestehen, dass es eine Art unendliche Geschichte wird.

Witali: Ich glaube, dass es eine unendliche Geschichte ist, zu kämpfen, zu versuchen, Doping im Sport zu bekämpfen. Gerade ist es Russland. Später wird es ein anderer berühmter Athlet sein, der glaubt, das System betrügen zu können, oder es wird ein anderer Regierungsbeamter aus einem anderen Land sein, oder vielleicht – es würde mich nicht überraschen, wenn es erneut Russland wäre, das Medaillen und Boni über die olympischen Werte und fairen Wettbewerb stellt. Ich hoffe einfach, dass, wenn es passiert, die olympischen Strukturen mit den Anti-Doping-Strukturen besser auf den nächsten Betrüger vorbereitet sind, und dass sie mit diesen Betrügern schneller fertig werden können. Doch die Wirklichkeit ist nun mal so. Die Leute wollen gern olympische Medaillen gewinnen, und einige von ihnen sind nicht fair.

Basierend auf Ihren Erfahrungen mit der olympischen Bewegung und der Anti-Doping-Welt, sind Sie zuversichtlich, dass man nun für die nächste Affäre besser gewappnet ist?

Witali: Zumindest haben sie jetzt Whistleblower-Vorkehrungen im Welt-Anti-Doping-Kodex. Und sie haben mehr Ermittler, die bei möglichen Verstößen gegen Anti-Doping-Regeln fahnden. Ich denke, selbst innerhalb der WADA und der olympischen Bewegung gibt es weniger korrupte Leute. Ja, also ich denke, man ist nun besser auf Betrüger vorbereitet.

Bringen Gedanken an den Skandal Sie in Rage?

Witali: Ich würde nicht sagen, dass ich wütend war, als die Dinge losgingen. Der erste große Schritt damals war das Treffen mit Hajo Seppelt vor dem Film "Wie Russland seine Sieger macht". Und es war eigentlich überraschend für mich, dass, nachdem ich erkannt hatte, dass es keine Fairness im Sport gibt, tatsächlich jemand sagte, na ja, lasst uns versuchen, dafür zu kämpfen. Lasst uns das nicht einfach verstecken und versuchen, etwas dagegen zu tun. Und die Dinge wurden aufgedeckt. Weil sich einige hochrangige Funktionäre nicht damit befassen wollten, wurden sie dazu gezwungen. Also ich war nicht wütend. Ich war froh, dass die Dinge aufgedeckt wurden, weil ich es irgendwann fast hingenommen hätte zu sagen: Okay, das ist die Realität hinter der olympischen Bewegung. Es gibt absolut keine Fairness in den Wettbewerben. Letztendlich war es also überraschend, dass es Leute gibt, die für diese Fairness kämpfen.

Sind Sie stolz, froh und glücklich, dass Sie die Entscheidung getroffen haben, Whistleblower zu werden, obwohl Sie Ihr ganzes Leben ändern und aus Russland wegziehen mussten?

Witali: Ja, im Großen und Ganzen ja. Wir denken immer noch, dass wir das Richtige getan haben, und dass wir gesagt haben, was wir wissen, dass wir ehrlich waren. Wir haben uns mit unserem eigenen Fehlverhalten auseinandergesetzt. Julia hat ihre Sperre für ihr Doping verbüßt. Und wir haben versucht, zu helfen, den Sport besser zu machen – hoffentlich, auch wenn sich die Dinge wirklich langsam bewegen. Leider kommt die jetzige Generation von Sportlern noch nicht wirklich in den Genuss dieser Fairness, aber möglicherweise die nächste, unsere Kinder.

Können Sie kurz beschreiben, wie Sie jetzt leben?

Witali: Nun, wir haben immer noch keinen Status in den Vereinigten Staaten. Das ist unsere größte Unsicherheit. Wir wissen nicht, ob wir hierbleiben dürfen. Wir hoffen, dass wir das hier eines Tages unser Zuhause nennen können. Aber wir müssen einfach geduldig bleiben, abwarten, was die US-Behörden entscheiden, ob wir hier einen dauerhaften Aufenthaltstitel bekommen können oder nicht.

Haben Sie Angst vor Vergeltung durch Russland und das Putin-Regime – insbesondere nach den Enthüllungen über die Angriffe auf Sergej Skripal und, wie diese Woche von Bellingcat aufgedeckt, Alexej Nawalny?

Witali: Nein, wir leben nicht in Angst, weil wir nicht in Russland sind. Und wir haben nicht vor, jemals wieder nach Russland zurückzukehren.

Stand: 17.12.2020, 07:08

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