Gewichtheben: Thailands Olympia-Dritte gibt Einblicke in Doping

Geheimsache Doping - Rattikan Gulnoi überführt sich selbst Sportschau 05.01.2020 04:23 Min. Verfügbar bis 05.01.2021 Das Erste

“Geheimsache Doping – Der Herr der Heber”

Gewichtheben: Thailands Olympia-Dritte gibt Einblicke in Doping

Von Nick Butler, Grit Hartmann, Hajo Seppelt und Jörg Mebus

Die thailändische Gewichtheberin Rattikan Gulnoi, Olympia-Dritte von London 2012 und Weltmeisterin von 2014, redet sich in einem Gespräch mit einem Undercover-Team der ARD-Dopingredaktion förmlich um Kopf und Kragen. Sie gewährt, als sie sich sicher vor Entdeckungen wähnt, erschütternde Einblicke in eine olympische Sportart am Abgrund.

Der 8. November 2018 war für Rattikan Gulnoi kein Tag wie jeder andere. Die Gewichtheberin aus Thailand bekam von Tamás Aján, dem Präsidenten des Weltverbandes IWF, in einer nachträglichen Zeremonie die Bronzemedaille der Olympischen Spiele 2012 in London umgehängt. Gulnoi, ursprünglich Vierte in London, erhielt das Edelmetall, weil die vor ihr platzierte Ukrainerin Julija Kalina bei Nachtests eingefrorener Proben des Dopings überführt worden war. “Es ist etwas spät”, sagte Gulnoi damals, “aber nun gehört die Medaille endlich mir”. Nach den jüngsten Recherchen der ARD-Dopingredaktion darf die Frage gestellt werden: wie lange noch?

“Ich war 18. Im Jahr 2011”, sagte sie auf die Frage von Undercover-Reportern der ARD, wann sie mit dem Dopen begonnen habe. Die versteckte Kamera nahm Aussagen auf, wie sie von einer olympischen Medaillengewinnerin noch nie öffentlich geworden sind. Sie habe Anabolika genommen, “damit mein Körper länger durchhält. Darum konnte ich so lange im Nationalteam starten". 2014 wurde sie Weltmeisterin.

Gulnoi berichtet über Kinderdoping

Der Thailänderin war vollkommen klar, was für einen Einfluss die Dopingmittel auf ihren Körper hatten – und sie nahm es in Kauf. Es habe Nebenwirkungen gegeben, “tiefere Stimme, Haarwuchs”. Als sie die Dopingmittel nahm, habe sie “einen Kiefer wie ein Mann und einen Schnurrbart” gehabt. Die Verantwortlichen im Verband hätten sich weder um ihre Gesundheit geschert, noch um die anderer Athletinnen und Athleten. “Die Sportler sollen nur Medaillen holen, schon die Jugendlichen.” Die Jüngsten hätten bereits “mit 13, in nationalen Wettbewerben” angefangen zu dopen – Gulnoi berichtet damit über Kinderdoping in Thailand.

Das Team der ARD-Dopingredaktion war im Rahmen seiner Recherchen zu der Dokumentation “Geheimsache Doping – Der Herr der Heber” auf Gulnoi aufmerksam geworden. Die 26-Jährige gehört zu den wenigen Stars des thailändischen Gewichtheber-Verbandes, die bislang nie gedopt erwischt wurden. “Ich frage mich selbst, wie ich das gemacht habe”, sagte sie.

Thailand ist eines der Länder, das in der dopingverseuchten Sportart besonders viele Betrüger hervorgebracht hat. Momentan stehen zwölf Athleten gleichzeitig unter Dopingverdacht. Wegen dieser Affäre unter Druck geraten, zog Thailand seine Mannschaft von der WM 2019 zurück. Die Veranstaltung fand dennoch im heimischen Pattaya statt.

“Streng vertraulich”

In der WM-Stadt arbeitet Gulnoi als Trainerin in einem Fitnesscenter. Die ARD-Reporter gingen dem Verdacht nach, dass auch sie gedopt haben könnte. Sie besuchten Gulnoi kurz vor den Titelkämpfen in Pattaya unter dem Vorwand, Manager europäischer Gewichtheber zu sein und sich für ein dopingunterstütztes Trainingslager unter Gulnois Anleitung zu interessieren. Die Athletin sagte bereitwillig ihre Kooperation zu und begann zu erzählen – während die versteckten Kameras liefen. Thailändische Dopingpräparate seien nicht gut, sagte sie, man besorge sie zumeist aus anderen Ländern: “Aber ich kann dazu nicht viel sagen, ist streng vertraulich, ich will ja keine nationalen Geheimnisse verraten.”

Durch ARD-Recherchen des Dopings überführt: Thailands Olympiasiegerin Rattikan Gulnoi

Durch ARD-Recherchen des Dopings überführt: Thailands Olympiasiegerin Rattikan Gulnoi, hier neben Intarat Yodbangtoey, damals ihr Coach heute IWF-Vize.

Dennoch fuhr sie fort und gab an, dass “wir Zeug nehmen”, das innerhalb von 24 Stunden nicht mehr nachweisbar sei. “Ein anderes Mittel ist effektiver, aber leider drei Tage lang nachweisbar”, sagte sie. Warum Gulnoi, die sich mittlerweile den Vornamen Siripuch gegeben hat, nie erwischt wurde? “Wir haben die Mittel früh genug vor dem Wettkampf abgesetzt. Der Boss und der Trainer haben alles genau geplant. Spritzen, pausieren, spritzen pausieren – so läuft das.”

Was wissen die Funktionäre?

Boss und Trainer? Wen sie damit explizit meinte, ist unklar, Trainer hatte sie während ihrer Karriere mehrere. Fakt ist: Der nationale Gewichtheber-Verband Thailands wird seit Jahren von einem einflussreichen Ehepaar geführt. Boossaba Yodbangtoey ist Verbandspräsidentin und wurde 2013 mit der prestigeträchtigen Auszeichnung des Internationalen Olympischen Komitees IOC für besonders verdiente Frauen im Sport geehrt. Ihr Mann Intarat Yodbangtoey ist erster Vizepräsident und Stellvertreter des ungarischen IWF-Bosses Aján. Bei Olympia 2012 in London betreute er Gulnoi bei ihrem Wettkampf als Coach. Thailändische Medien bezeichneten ihn damals als “Chefcoach” und “Boss”.

Weder er noch seine Frau oder der Verband reagierten auf Anfragen der ARD-Dopingredaktion zum Fall Gulnoi. Die Gewichtheberin reagierte zwar auf eine E-Mail-Anfrage, äußerte sich aber inhaltlich nicht mehr zu ihren prekären Aussagen.

Sollte Gulnoi ihre Bronzemedaille von London verlieren, würde die ursprünglich sechstplatzierte Nordkoreanerin Jong Chun-mi auf den dritten Rang vorrücken. Infolge von Nachtests wurden bislang 30 Teilnehmer der olympischen Gewichtheber-Wettbewerbe von 2012 wegen Dopings disqualifiziert, darunter vier Olympiasieger.

Stand: 05.01.2020, 10:00

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