Ex-Teamkollege Schumacher - Zweifel an Hondos Geständnis

Stefan Schumacher äußert sich zum Fall Hondo

Doping

Ex-Teamkollege Schumacher - Zweifel an Hondos Geständnis

Von Hajo Seppelt, Jörg Mebus, Josef Opfermann und Jörg Winterfeldt

Wenige Tage nach der Dopingbeichte des früheren Radprofis Danilo Hondo kursieren in Fachkreisen Zweifel am Wahrheitsgehalt. Der frühere Doper Stefan Schumacher spricht sogar von "Blödsinn".

Das mit den Doping-Geständnissen ist so eine Sache. Im Januar hatte der Skilangläufer Johannes Dürr aus Österreich im ARD-Film „Die Gier nach Gold“ über seine Betrugstaten ausgepackt. Vermeintlich. Denn später kam heraus, dass er einige Passagen der Wahrheit kurzerhand unterschlagen hatte.

Am vorigen Wochenende dann zeigte der frühere Berufsradfahrer Danilo Hondo Bereitschaft, offenherzig in der ARD über seine Dopingpraktiken zu berichten. Mehr oder minder freiwillig, nachdem ihm eröffnet worden war, dass der Erfurter Arzt Mark Schmidt in polizeilichen Vernehmungen zu Protokoll gegeben haben soll, auch ihn in dieser verbotenen Weise behandelt zu haben. Jener Doktor, der auch schon dem Wintersportler Dürr mit Blutdoping zu Höchstleistungen verhelfen wollte. „Es ging um 2011“, sagte Hondo über seine illegalen Blutbehandlungen, „es gab drei bis vier Entnahmen und drei bis vier Zurückgaben.“

Darüber hinaus allerdings will der zuletzt in der Schweiz als Nationaltrainer tätige Hondo in seiner knapp zwei Jahrzehnte umspannenden Karriere kein Doping angewendet haben, obwohl er in den schlecht beleumundeten Teams Telekom und Gerolsteiner in einer schwer dopingverseuchten Ära des Radsports tätig gewesen ist. Hondo beteuerte sogar trotz einer Zweijahresstrafe wegen Dopings 2005, in seiner Karriere bis auf die Blutdoping-Zeit nie vorsätzlich gedopt zu haben. Er hatte etwa zu seinen Erfahrungen beim Team Telekom beteuert: „Es ist wirklich so gewesen, dass nicht alle Sportler involviert gewesen sind. Das war mein persönlicher Eindruck. Ich war nie direkt mit Doping in Verbindung.“

Ex-Teamkollege Schumacher über Hondos Geständnis - das ganze Interview Sportschau 16.05.2019 21:57:00 Std. Verfügbar bis 16.05.2099 ARD

„Ich weiß, was da los war“

Unter Fachleuten herrschen große Zweifel, ob das Geständnis insofern den Tatsachen entspricht. „Dass er den Schritt gewagt hat, dafür gebührt ihm Respekt. Mir hat es sich überstürzt dargestellt“, sagte etwa der frühere Profi Stefan Schumacher der ARD-Doping-Redaktion (Sport Inside, WDR, 15. Mai 2019, 22.55 Uhr). „Die Geschichte mit Mark Schmidt wird im Großen und Ganzen so stattgefunden haben. Was natürlich seine Vergangenheit im Team Telekom, im Team Gerolsteiner angeht – ich weiß nicht, wie ich mich da jetzt politisch korrekt ausdrücken soll, aber das war einfach Blödsinn. Das war vollkommen unglaubwürdig aus meiner Sicht. Ich bin selber in beiden Teams gefahren. Ich weiß, was da los war.“

Und 2003 etwa, in Hondos letztem Jahr dort, beschäftigte das Team Telekom 25 Fahrer. 14 von ihnen hatten im Laufe ihrer Karriere irgendwie mit Doping zu tun. Die meisten von ihnen überführt, einige unter dringendem Verdacht. Und der gedopte Superstar Jan Ullrich war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal Teammitglied. In einem vor zehn Jahren gefertigten Untersuchungsbericht hielten Experten zu den Telekom-Teamärzten Andreas Schmid und Lothar Heinrich fest, sie hätten von 1995 bis 2006 systematisches Doping betrieben.

Schumacher, heute Triathlet, sagt, Doping komme für ihn nicht mehr in Frage. Als Radprofi betrog er mit dem einschlägigen Arsenal: Epo, Cera, Kortikosteroide und Wachtumshormon. Den Arzt Schmidt kennt er persönlich aus drei gemeinsamen Jahren beim Team Gerolsteiner. „Er hat mir schon früh und auch anderen Fahrern signalisiert, dass er für einiges offen ist“, sagte Schumacher, „ich persönlich habe auch in meiner Dopingvergangenheit nie mit ihm gearbeitet. Ich hatte meine Gründe dafür, mich ihm in der Hinsicht nicht zu offenbaren. Er war für mich keine vertrauenserweckende Person.“

Hondo und Schumacher fuhren jahrelang zusammen im Peloton

Jahrelang zusammen im Peloton, teils als Teamkollegen: Stefan Schumacher (r.) und der zuletzt geständige Danilo Hondo (2.v.l.)

Mit Interesse hatte der frühere Branchenkollege Schumacher Hondos Fernsehgeständnis verfolgt: „Ich habe Mitgefühl gehabt mit ihm. Ein beklemmendes Gefühl hat sich breit gemacht, Erinnerungen sind hochgekommen.“ Er hatte den Eindruck, als wiederhole sich da womöglich alles noch einmal. Denn in der Nachbetrachtung weiß der Schwabe Schumacher, dass er Fehler gemacht hat.

„Das Chrystal Meth unter den Dopingmethoden“

Als sein Betrug einst ruchbar wurde und er sich in die Enge getrieben fühlte, wählte auch er die Vorwärtsverteidigung in die Öffentlichkeit – allerdings anders als Hondo nun. „Ich bin damals ins Aktuelle Sportstudio gegangen, hab Dinge gesagt, die ich bis heute bereue.“ Auf die Frage der Moderatorin, antwortete Schumacher einst: „Nein, ich habe noch nie in meinem Leben gedopt. Ich habe mich nie unerlaubter Methoden bedient.“

Hondo hatte gegenüber der ARD-Doping-Redaktion vorigen Samstag am Telefon auch zunächst alle Vorwürfe wortreich abgestritten, hatte dann aber, nur Stunden später, aus eigenem Antrieb seine Version korrigiert. „Man sollte, wenn man diesen Schritt geht, auch ein bisschen Distanz aufbauen, das geht nicht innerhalb von 24 Stunden“, sagt Schumacher, „der größte Fehler ist, in der Öffentlichkeit zu lügen. Ich bereue, in der Öffentlichkeit gelogen zu haben, mich verteidigt zu haben auf eine Art und Weise, die einfach falsch war.“

Plausibel klingt für Schumacher schon nicht Hondos angebliche Wahl der Einstiegsdopingmethode. „Wenn er eine Karriere Mitte der Neunzigerjahre begonnen hat, in einer Zeit, in der wir in Sachen Doping noch irgendwo im Wilden Westen waren und dann schildert, dass er mit 37 Jahren, also 2011, zum ersten Mal mit Blutdoping gestartet hat, das ist dann schon wirklich ‘ne sehr abenteuerliche Geschichte, aus meiner Sicht“, sagte Schumacher, „Blutdoping ist definitiv nicht die Einstiegsdroge, wenn man von Doping spricht, ist es eher so das Chrystal Meth unter den Dopingmethoden.“

Er schlussfolgert das aus eigener Erfahrung: „Ich habe Blutdoping nie betrieben. Bei mir hätte sich spät in meiner Doping-Karriere, also 2008, eventuell die Möglichkeit ergeben, da bin ich zum ersten Mal mit Leuten in Kontakt gekommen, die das praktizieren.“

Armstrong als Mahnung

Womöglich ist vielen reuebereiten Radprofis allerdings das Schicksal von Lance Armstrong eine Lehre: Umfangreiche Lebensbeichten, erfuhr der, können sich zu kostspieligen Angelegenheiten auswachsen. Armstrong hatte unter großem Verfolgungsdruck 2013 seinen Jahre langen Betrug eingeräumt. Der einst als erfolgreichster Fahrer aller Zeiten geltende Amerikaner war anschließend mit Klagen überzogen worden. Sponsoren forderten Geld zurück, Gegner früherer Rechtsstreits Anwaltskosten. Allein dem Whistleblower Floyd Landis, einem früheren Kollegen, sagte er 2018 schließlich die Erstattung von 1,65 Millionen Dollar für dessen juristische Aufwendungen zu.

Ebenfalls erst im vergangenen Jahr einigte Armstrong sich mit dem Justizministerium der USA auf eine Zahlung von fünf Millionen Dollar, weil das staatliche Postunternehmen, das zwischen und 2000 und 2004 sein Team üppig finanziert hatte, sich von ihm reingelegt fühlte. Im Vergleich zur ursprünglich geforderten Summe ging der Betrag geradezu als Schnäppchen durch: Für alle durch seine Betrügereien entstanden Schäden, darunter immaterielle, den der Ruf der Marke durch ihn erlitten habe, hatte das Ministerium ursprünglich 100 Millionen Dollar gefordert.

Thema in: Sport Inside, WDR, 15.05., ab 22.55 Uhr

Stand: 15.05.2019, 17:07

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