Russlands Doping - noch immer mehr Fragen als Antworten

Russland streitet Staatsdoping bis heute ab

Staatsdoping

Russlands Doping - noch immer mehr Fragen als Antworten

Von Nick Butler und Hajo Seppelt

Russland wird einer erneuten Suspendierung vermutlich entgehen, wenn das Exekutivkomitee der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) am Dienstag eine Entscheidung fällt. Wurden überhaupt irgendwelche Lehren aus dieser beschämenden Episode gezogen? Eine Analyse.

Sportpolitik und Realpolitik haben einige Gemeinsamkeiten und jedem, der sich näher mit dem russischen Dopingskandal befasst, fallen Ähnlichkeiten mit anderen Ereignissen, wie beispielsweise dem Brexit, auf. Keiner der Beteiligten hört dem anderen zu, es gibt jede Menge hysterisches Geschrei und Verfahren und Termine scheinen sich ständig zu verändern. Und wie der Brexit ein Symbol für eine allgemeine Unzufriedenheit ist, steht die Russland-Affäre als nur ein Beispiel für das umfassende Problem des Missbrauchs von Drogen im Sport im Scheinwerferlicht.

Angeblich hat Russland nun der WADA nach einer aufreibenden Inspektion die Datensätze des Moskauer Labors vollständig übergeben. Ja, die Daten wurden übergeben, allerdings 18 Tage nach Ablauf des Ultimatums, und sie wurden bislang noch nicht eingehend auf Echtheit und Vollständigkeit geprüft. Wenn man es jedoch mit einem Land zu tun hat, das sich derart entspannt über internationale Regeln hinwegsetzt wie Russland, verbucht man selbst dies als einen verhaltenen Erfolg.

Es scheint, dass wir wie immer noch einige Monate auf eine klare Antwort warten müssen. Schätzungen zufolge könnten letztendlich zwischen 300 und 600 Verfahren wegen Dopings eingeleitet werden. Die genauen Angaben variieren hier jedoch stark. Könnten einige der russischen Topathleten der Olympischen Spiele von Sotschi, die vom Internationalen Sportgerichtshof CAS für unschuldig erklärt wurden, doch wieder angeklagt werden? Könnten einige der aktiven russischen Spitzensportler beschuldigt werden? Oder stehen vor allem Athleten, die ihre aktive Laufbahn beendet haben, oder weniger bekannte Athleten, die sowieso nicht an großen Wettkämpfen teilnehmen, im Mittelpunkt?

Wenn sich herausstellt, dass Russland Daten manipuliert hat, ist die WADA dann, trotz des enormen Drucks des Olympischen Komitees, den Prozess zu beenden, bereit, etwas dagegen zu unternehmen?

Scheren sich Sportverbände überhaupt um die russischen Doping-Fälle?

Wenn jetzt die Fälle auf den Tisch kommen, werden dann die verantwortlichen Sportverbände tatsächlich etwas dagegen unternehmen? Einige Verbände, Leichtathletik und Biathlon, könnten das tatsächlich tun. Aber wie sieht es beispielsweise beim Eishockey aus? René Fasel, Präsident der Internationalen Eishockey-Föderation, war im vergangenen Jahr bei der Feier zur Amtseinführung von Wladimir Putin dabei. Es scheint nur wenig Interesse daran zu bestehen, Vorwürfe zu untersuchen, nicht einmal den Vorwurf, dass in Urinproben von Mitgliedern der Damenmannschaft in Sotschi männliche DNA gefunden wurde. Eigentlich doch ein guter Hinweis dafür, dass manipuliert wurde, oder?

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Die zweite wichtige Frage zielt auf die Lehren ab, die aus der Russland-Affäre insgesamt gezogen wurden. In WADA-Kreisen wird gern behauptet, dass sie ein Alarmsignal war, um das System zu verbessern. Ist das passiert? Es gibt jetzt bessere Systeme zum Schutz von Whistleblowern und zum Umgang mit Informationen von Whistleblowern. Ermittlungen im Biathlon und die Untersuchung der Korruption im Budapester Labor veranschaulichen dies. Außerdem wurde eine neue Rechtsnorm für die Sanktionierung aller beteiligten Stellen eingeführt, wenngleich der gesamte Prozess noch immer ein Spielfeld für politische Manöver ist.

Das Dopingkontrolllabor in Moskau

Mit 18 Tagen Verspätung hat die WADA Zugang zum Moskauer Kontrolllabor erhalten

Richard McLaren, der Leiter der Ermittlungen, die 2016 das staatlich geförderte Doping in Russland ans Licht brachten, erklärte gegenüber der ARD, dass deutlich bessere Kontrollen erforderlich seien, damit die WADA in der Lage sein wird, auch in Zukunft Manipulationen der Testverfahren in den Laboren aufzudecken.

Die Leaks der Hacker-Gruppe Fancy Bears, die Verbindungen zum russischen Geheimdienst hat, haben zahlreiche berechtigte Fragen zum Missbrauch von medizinischen Ausnahmegenehmigungen (TUE) aufgeworfen, bei denen Sportlern eine ärztliche Genehmigung erteilt wird, ansonsten verbotene Wirkstoffe einzunehmen. Der Bericht der ARD über das Geständnis des österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr wiederholt die Bedenken hinsichtlich des Missbrauchs von Asthmamedikamenten durch Sportler, die sich Vorteile verschaffen wollen. Daran hat sich also bisher nichts geändert.

Wie beim Brexit scheinen sich alle Beteiligten scheinheilig zu verhalten und einem Scheuklappendenken anzuhängen. Die WADA muss mit Russland angemessen und korrekt umgehen, aber es gibt auch sonst noch jede Menge Aufklärungsbedarf.

Stand: 22.01.2019, 12:37

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