Russischer Cheftrainer aus Doping-Ära noch immer im Nationalteam

Leichtathletik

Russischer Cheftrainer aus Doping-Ära noch immer im Nationalteam

Von Von Nick Butler und Hajo Seppelt

Der in den Skandaljahren der Doping-Ära aktive Cheftrainer des russischen Leichtathletik-Teams, Valentin Maslakov, ist noch immer an führender Stelle tätig. Recherchen der ARD zufolge ist er nun Cheftrainer der Sprinter. Das weckt Zweifel daran, ob sich die Einstellung der Verantwortlichen im russischen Sport tatsächlich verändert hat.

Es ist inzwischen gut drei Jahre her – da wurde Russland nach einem vernichtenden Bericht über staatlich unterstütztes Doping vom Welt-Leichtathletikverband (IAAF) suspendiert. Der Ausschluss folgte auf den Skandal, der 2014 zuvor durch Recherchen der ARD-Dopingredaktion aufgedeckt worden war.

Valentin Maslakow war der Erste, der nach den Enthüllungen in der ARD-Doku „Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht“ Anfang 2015 seinen Posten räumen musste. Seit den 1970iger Jahren war der ehemalige Olympionike als Trainer der Sowjetunion und Russlands tätig, leitete das Team schließlich von 2007 bis 2015. Damit fällt seine Tätigkeit in die wohl berüchtigtste Doping-Ära, deren Höhepunkt schließlich hunderte positive Dopingtests waren. Eingefrorene Proben von den Olympischen Spielen in Beijing und London waren in diesem Zusammenhang erneut analysiert worden. Nun stellt sich heraus: Der ehemalige Sprinter Maslakow verfügt noch immer über großen Einfluss im russischen Sport.

Der 74-jährige war im Januar 2015 als Cheftrainer der Leichtathletik-Mannschaft zurückgetreten. Damals hatten sich die Forderungen gehäuft, dass jemand aus dem Führungskader die Verantwortung übernehmen soll. Maslakow behauptete, vom systematischen Doping nichts gewusst zu haben. Im selben Jahr wurde er im Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) erwähnt, der zur Suspendierung Russlands führte. Maslakow gehörte jedoch nicht zum Kreis der Trainer, gegen die Sanktionen empfohlen wurden.

„Unglaubwürdig“, dass der Chefcoach nichts gewusst haben soll                                                                                                    

Damit ist Maslakow aber keineswegs vom Verdacht einer Beteiligung freigesprochen, stellt Richard Pound klar. Der kanadische Jurist und Gründungspräsident der WADA hatte die Untersuchung zum Doping in der russischen Leichtathletik im Jahr 2015 geleitet. „Es war unglaubwürdig, dass er von dem, was vor sich ging, nichts gewusst haben soll“, sagt Pound. „Und sollte er selbst Sportler trainiert haben, wäre es nicht zu glauben, dass ausgerechnet seine Athleten nicht auch Teil dieses Systems gewesen sind.“

In seinem 2015 veröffentlichten WADA-Report schrieb Pound von "eindeutigen Beweisen" für eine "systematische Dopingkultur im russischen Sport". Allerdings wurden Trainer nur dann bestraft, wenn eindeutige Beweise vorlagen, erklärt der kanadische Jurist. Etwa, weil sie in den geheimen Filmaufnahmen auftauchten, die die Whistleblower Julia and Vitali Stepanow für die 2014 veröffentlichte ARD-Doku gemacht hatten. Maslakow war allerdings auf diesen Bildern nicht zu sehen. Die Stepanovs mussten nach den Enthüllungen ihre Heimat Russland verlassen, leben nun im Exil.

Wie Richard Pound glaubt auch Whistleblower Vitali Stepanow, dass Maslakow in der Vergangenheit eine tragende Rolle gespielt hat: „Er war der Cheftrainer, er hatte die Kontrolle über alles“, sagt Stepanow. „Er wusste genau, was vor sich ging. Und er hat die Doping-Praktiken vertuscht.“ Bewiesen ist das allerdings nicht. Maslakow hat dies stets bestritten.

Juri Borsakowski, der derzeitige Chefcoach des russischen Teams, berichtet auf Nachfrage, dass 80 Prozent des Teams ausgewechselt worden sind – Athleten wie auch Trainer. Er sagte der ARD im Rahmen der kürzlich ausgetragenen Hallen-EM der Leichtathletik in Glasgow, dass Maslakow lediglich als persönlicher Betreuer arbeiten würde und keine offizielle Aufgabe im russischen Nationalkader habe. 

Derzeit ist Maslakow an vierter Stelle im Trainerstab der russischen Leichtathletik gelistet.

Derzeit ist Maslakow an vierter Stelle im Trainerstab der russischen Leichtathletik gelistet.

Ein Dokument, das der ARD vorliegt und das auch auf der Website des russischen Sportministeriums veröffentlicht wurde, enthält allerdings eine offizielle Liste der russischen Trainer für 2019. Diese Liste wird von dem russischen Leichtathletikverband vorgeschlagen und enthält die Unterschriften wichtiger Persönlichkeiten wie Borsakowski, bevor sie vom Zentrum für Sportvorbereitung, einer Abteilung des Sportministeriums, abgesegnet wird.

Cheftrainer der Sprinter

Die Übersicht der Verantwortlichen im Trainer- und Betreuerstab von 2019 enthält 94 Namen - von diesen waren 63 bereits 2014 oder sogar noch vorher dabei. Auf der vierten Position ist Maslakow gelistet, als ein „leitender Trainer“ im Sprintbereich, insbesondere verantwortlich für die 400 Meter, 400 Meter Hürden sowie 4x400 Meter Staffel.

Eine seiner Sternstunden erlebte Maslakow als Cheftrainer des Teams, als Russland bei der Heim-WM in Moskau 2013 Gold in der 4x400m-Staffel gewann. Zwei Mitglieder der Mannschaft, Julia Guschina und Xenia Ryschowa, werden der Liste zufolge von Maslakow persönlich gecoacht. Im Nachgang wurden ihnen die Goldmedaille aberkannt. Alle vier Sportlerinnen der Staffel sind in Doping-Skandale verwickelt gewesen. 

Hunderte Athleten aus dieser Ära haben entweder Dopingtests nicht bestanden oder sich anderer Dopingvergehen schuldig gemacht.

Weltverband stellt Fragen zu Maslakow

Die IAAF hatte Russland angewiesen, „eine wirksame Anti-Doping-Kultur zu errichten“. Aber es scheinen bislang nur wenige Maßnahmen gegen Schlüsselfiguren aus der Vergangenheit ergriffen worden zu sein.

Trainer, die immer wieder mit Doping in Verbindung gebracht werden, entziehen sich bereits seit langem einer Bestrafung - nicht nur in Russland und nicht nur in der Leichtathletik. Whistleblower Stepanow weist darauf hin, dass im Fall Maslakow keine nachweisbare Verbindung ermittelt werden konnte, weil „seine Athleten ihn schützen und nicht bereit sind, die Wahrheit [darüber] zu sagen, wer ihnen den Zugang zum Doping ermöglicht hat.“ Pound glaubt, dass „Trainer jahrelang einen Freifahrtschein besessen haben“. Es sei naheliegend, dass es „keine Verhaltensänderung gegeben hat“.

Die IAAF gab an, man werde die neuen Erkenntnisse prüfen und den russischen Leichtathletikverband RusAF zu Maslakow befragen. Die Task Force des Weltverbandes werde „vor der nächsten Tagung außerdem diskutieren, wie Trainer und ihre Referenzen geprüft werden können“. Auf Anfragen der ARD äußerten sich bislang weder der russische Verband noch Maslakow.

Ab heute tagt die IAAF in Doha, Katar. Morgen soll die Entscheidung darüber fallen, ob Russlands Suspendierung aufgehoben werden soll.

Stand: 10.03.2019, 14:06

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