Zähes Ringen zwischen ÖSV und Dürr - Urteil in spätestens acht Wochen

Johannes Dürr

Operation Aderlass

Zähes Ringen zwischen ÖSV und Dürr - Urteil in spätestens acht Wochen

Von Hajo Seppelt, Jörg Winterfeldt, Wolfgang Bausch und Jörg Mebus

Zweieinhalb Stunden dauerte am Montag (29.04.2019) der Zivilprozess des Österreichischen Skiverbandes gegen Johannes Dürr. Ob der ehemalige Langläufer dem mächtigen Verband weiter vorwerfen darf, dass dieser Doping stillschweigend dulde und gezielt die Augen davor verschließe, ist völlig offen.

Das zähe Ringen um die Deutungshoheit dauerte zweieinhalb Stunden, dann begann für den Österreichischen Skiverband und Johannes Dürr in Innsbruck die Zeit des bangen Wartens. Vier bis acht Wochen will sich Dr. Werner Auer, der zuständige Richter am Innsbrucker Landesgericht, mit seinem Urteil im Zivilprozess Zeit lassen, in dem der mächtige ÖSV seinen tief gefallenen Ex-Langlaufstar, Dopingsünder und Kronzeugen Dürr auf Unterlassung und Widerruf verklagt hat. Muss sich der ÖSV auch künftig vorwerfen lassen, er habe stillschweigend Doping geduldet? Prozessbeobachter waren sich einig: Das Ergebnis ist offen.

Dürr und sein Rechtsbeistand Max Rammerstorfer wandten die erwartete Strategie an und konfrontierten die ÖSV-Seite mit den zahlreichen Dopingskandalen seit den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City. Aber sie hatten auch noch einen neuen Pfeil im Köcher: Rammerstorfer präsentierte als Beweismittel eine E-Mail-Korrespondenz aus dem Jahr 2014, aus der hervorgehen soll, dass ÖSV-Sportdirektor Markus Gandler ihm nach einem Verstoß gegen die Anti-Doping-Richtlinien sogar bei der Formulierung der angeforderten Erklärung an die Nationale Anti Doping Agentur geholfen hat. Dürr war bei einem Dopingtest vor den Winterspielen in Sotschi vom Kontrolleur nicht am angegebenen Ort auffindbar gewesen - ein sogenannter "Missed Test". Den Eindruck, dass Gandler in diesem Fall seinen Zuständigkeitsbereich verlassen hat, konnte die ÖSV-Seite nicht wirkungsvoll entkräften.

Generalsekretär Klaus Leistner, seit 1979 für den ÖSV in dieser Funktion tätig und damit einer der dienstältesten Funktionäre im Weltsport, gab sich als Zeuge in Innsbruck alle Mühe, seinen Verband als vorbildlich im Anti-Doping-Kampf darzustellen. Man wehre sich gegen Dürr "zu Recht", weil dessen Vorwürfe "schlicht und einfach nicht zutreffen, schlicht und einfach falsch sind". Man verfolge eine überzeugende Null-Toleranz-Politik und überweise der NADA sogar 50.000 Euro pro Saison für zusätzliche Doping-Tests in den Bereichen Langlauf, Biathlon und Nordische Kombination.

ÖSV bei Olympia "nicht zuständig"

Inhaltlich geriet Leistner allerdings ein ums andere Mal auch auf dünnes Eis. Konfrontiert mit den diversen Skandalen während der Olympischen Spiele 2002, 2006 und 2014 erklärte Leistner den ÖSV kurzerhand für nicht zuständig. "Der ÖSV ist nicht Teilnehmer an Olympischen Spielen, dort haben die Verbände eingeschränkte Sorgfaltspflichten", sagte Leistner: "Die Athleten gehören einer Olympiamannschaft an, nicht einem Einzelverband. Das lag nicht in unserem Einflussbereich." Darüber hinaus stellte er den ÖSV als Opfer dar. "Nationale und internationale Sportverbände sind gegen organisierte Kriminalität und Vorsatztäter hilflos und machtlos", sagte Leistner. Man könne beraten, warnen und Kontrollen anordnen, was die Athleten aber in ihrer Freizeit machten, "darauf haben wir keinen Einfluss".

Auch Dürr zeigte Schwächen. Der mehrfach überführte Dopingsünder, der im Erfurter Blutdopingskandal vom Kronzeugen zum Beschuldigten wurde, tat sich im Zeugenstand sehr schwer, dem Richter konkrete Beispiele darzulegen, die seine Vorwürfe gegen den ÖSV belegen. Das Thema Doping sei im Langlaufteam einfach "allgegenwärtig" gewesen. Ein vom ÖSV als Anti-Doping-Maßnahme gerühmtes E-Learning-Programm stellte er als eine von den Athleten belächelte Fingerübung dar: "Einer hat es ausgefüllt, Screenshots gemacht und an die anderen weitergereicht." Seine Antworten stammten von einem Alpin-Kollegen.

Richter lässt keine weiteren Zeugen zu

Seinem Ex-Coach, dem langjährigen Langlaufchef Heigl, warf Dürr im Prozessverlauf wie erwartet vor, als Dopingzuträger tätig gewesen zu sein. Er betonte aber auch, dass er sich vom ÖSV "nicht den Mund verbieten" lassen wolle: "Das ist die Wahrheit, so habe ich es erlebt und empfunden."

Am Ende hatte Richter Auer genug gehört. Weitere Zeugen, von deren Aussagen sich vor allem die Verteidigung viel versprach, ließ er nicht zu.

Stand: 29.04.2019, 18:49

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