Pole Witold Banka soll neuer WADA-Boss werden

Witold Banka soll neuer WADA-Chef werden

Anti-Doping

Pole Witold Banka soll neuer WADA-Boss werden

Von Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

Die im Stiftungsrat der Welt-Anti-Doping-Agentur vertretenen Regierungen einigen sich auf den polnischen Sportminister. Er soll Anfang November turnusmäßig den Schotten Craig Reedie ablösen.

Der Dienstagvormittag endete ohne eine große Überraschung. Die 18 Regierungsvertreter, etwa aus Ecuador oder Honduras, Saudi-Arabien oder der Türkei, die im Stiftungsrat der Welt-Anti-Doping-Agentur vertreten sind, einigten sich auf den Favoriten des Sports: Witold Banka, 34, aus Polen soll im November neuer Chef der Agentur werden. Er setzte sich damit gegen die weiteren beiden Anwärter, Marcos Diaz aus der Dominikanischen Republik, und Linda Helleland aus Norwegen, bisher schon Vizepräsidentin der WADA, durch. 

Dieses Mal soll schließlich alles glatt laufen, wenn sich der Stiftungsrat der Welt-Anti-Doping-Agentur am 7. November in Kattowitz/Polen zusammensetzt, um einen Nachfolger für den Präsidenten Craig Reedie auszuwählen. Der Schotte scheidet turnusmäßig aus, nachdem er die Agentur im Verlauf des russischen Staatsdoping-Skandals in die größte Glaubwürdigkeitskrise ihrer erst 20 Jahre währenden Geschichte geführt hat. „Der Sport durchlebt schwere Zeiten“, sagte Reedie der ARD-Dopingredaktion im vorigen November, „die WADA ist in vielfältiger Weise betroffen. Mein Leben hat sich dramatisch geändert.“

Drei Jahre währt die Amtszeit des Bosses der weltweiten Wächter über Fairness im Sport, einmal darf sie verlängert werden. Sechs Jahre hat Reedie also als Abgesandter des Internationalen Olympischen Komitees geherrscht, und den Kredit der Agentur so ziemlich verspielt. Jeweils abwechselnd stellen alle sechs Jahre der Sport und die öffentlichen Institutionen als Finanziers der WADA den Anführer.

Verschlungene Wegen der Sportdiplomatie

Die Art, in der der selbst der interessierten Öffentlichkeit nie aufgefallene Pole Banka in den vergangenen Monaten hervorgezaubert wurde, um schließlich das Rennen gegen profiliertere Mitbewerber zu machen, zeugt ein weiteres Mal von den verschlungenen Wegen der Sportdiplomatie. Offenbar hatten die Regierungen zuvorderst das Chaos im Hinterkopf, das sie vor zwölf Jahren angerichtet hatten, als sie das erste und bisher letzte Mal den Präsidenten stellen durften.

Da hatten sie eigentlich den früheren Fechter Jean-Francois Lamour auserkoren, das Präsidentenamt zu übernehmen. Doch der ehemalige Sportminister Frankreichs kniff kurzfristig, so dass plötzlich der australische Politiker John Fahey ziemlich unverhofft als erste Wahl auftauchte. In aller Eile versuchten die europäischen Regierungen noch in letzter Sekunde Alternativen hervorzuzaubern oder gar eine Verschiebung der Entscheidung zu erreichen.

In brüchigem Englisch setzte sich der deutsche Staatssekretär im Innenministerium, Christoph Bergener unbeholfen an die Spitze der Panikreaktionen – bis in dem Durcheinander schließlich doch Fahey, der später auf Reisen schon mal die Enkel dabei hatte, zu der Ehre kam. Und in sechs Jahren keinen nachhaltigen Eindruck hinterließ.

Offenkundig hat der derzeitige Findungsprozess strukturelle Schwächen in der Konstruktion der jungen WADA offengelegt. In ihrem Kriterienpapier haben die Regierungsvertreter darauf hingewiesen, es läge „keine formale Satzung“ vor, die überhaupt einmal „Rolle und Befugnisse des Präsidenten“ definiere. Zudem wählen zwar 38 Stiftungsratmitglieder den neuen Präsidenten, aber Fachleute aus Nationalen Anti-Doping-Agenturen oder Laboren finden sich nicht darunter und nur vier Athleten, die alle der für ihren Konformismus berüchtigten IOC-Athletenkommission entstammen. Bekanntlich ist es ohnehin schon so, dass die Vorsitzende der Athletenkommission im Exekutivkomitee der WADA, dem Vorstand also, kein Stimmrecht besitzt.

Linda Helleland bleibt WADA-Spitze verwehrt

Ihr bleibt das WADA-Spitzenamt verwehrt: Linda Helleland aus Norwegen

Auch in diesem Jahr befürchteten die Vertreter der Regierungen ähnliche Wirrungen, weil die norwegische Rebellin Helleland schwer einzufangen war. Die konservative Politikerin, bis zum Jahresbeginn Ministerin für Kinder und Gleichberechtigung daheim, erlaubte sich regelmäßig abweichende Meinungen. „Wir wollen mehr Transparenz, Unabhängigkeit, Gleichberechtigung der Geschlechter, mehr Demokratie im Weltsport“, sagte Helleland der ARD-Doping-Redaktion, „und ich glaube, einige internationale Sportführer irritiert das.“

Rüder Umgang

Vor allem, als die WADA in ihrem strengen Sanktionskurs gegen Russland wegen des Staatsdopings einknickte, gestattete Helleland sich eine wohl artikulierte Kritik. „Ich habe, mit den Vorstandsmitgliedern in Kopie, in einer Mail um Einsicht in die Korrespondenz der WADA mit Russland gebeten“, berichtete Helleland, die WADA-Vizepräsidentin, etwa der ARD-Doping-Redaktion über die internen Umgangsformen, „sie sagten: Lies die Pressemitteilungen. Da steht alles drin.“

In Deutschland gewann sie mit ihrer Art schnell Vertrauen und Unterstützung. Nach drei angelsächsisch geprägten Bossen schien zudem die Zeit reif für eine Anführerin, die es wagt, sich zur Not auch mit dem mächtigen Internationalen Olympischen Komitee anzulegen, das im Hintergrund dem Amtsinhaber Reedie regelmäßig den Kurs souffliert zu haben schien. „Ich weiß, dass die Bundesregierung sich bei der Vorabstimmung auf europäischer Ebene für Frau Helleland ausgesprochen hat“, sagte Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, „sie wäre ein Hoffnungsschimmer gewesen, dass sich die WADA endlich mal etwas vom IOC lösen könnte.” Helleland wäre auch ihre persönliche Favoritin gewesen.

Doch früh zeichnete sich ab, dass die Norwegerin energisch ausgebremst werden sollte. Erst beschlossen die beteiligten Regierungen, dass Kandidaten der Unterstützung eines Kontinents bedurften. Dann legte sich der Europarat auf Banka fest. Bevor es zur Wahl nach Montreal ging, wurde offiziell herausgegeben, dass „die beiden Kandidaten“ sich präsentieren dürften. Helleland zog schließlich freiwillig ihre Kandidatur in Montreal zurück. „Kritische Stimmen scheinen bei der WADA nach wie vor nicht erwünscht zu sein”, schlussfolgert Freitag, „allein die Tatsache, dass man über den Favoriten Europas wenig bis nichts weiß, spricht eine deutliche Sprache. Da sind keine großartigen Veränderungen zu erwarten.”

„Schlupflöcher schließen“

Bankas Programm bestand im Wesentlichen darin, über Geld von Sponsoren oder Fernsehstationen dafür zu sorgen, dass die Zahl der zugelassenen Anti-Doping-Labore drastisch erhöht und besser geographisch verteilt wird, so dass der Kampf gegen Doping in der ganzen Welt ausgeglichen gestaltet wird und nicht einige Athleten womöglich weniger getestet werden. Banka versprach, „Schlupflöcher zu schließen“. In einem Anflug von Kritik gar sagte auch er: „Manchmal verstehe ich nicht die Heimlichtuerei um die WADA.“ Er sagte aber nichts, was dem organisierten Sport, allen voran dem IOC, Angst machen musste, dass die Dopingjäger plötzlich aufmüpfig werden könnten unter seiner Führung. Auch das dürfte ihm vermutlich den Weg ins Amt geebnet haben.

Stand: 15.05.2019, 12:18

Darstellung: