"Operation Aderlass" - Weiteren Doping-Klienten drohen Gerichtsverfahren

Der lange Atem der Operation Aderlass

Nach Urteil gegen Erfurter Dopingarzt

"Operation Aderlass" - Weiteren Doping-Klienten drohen Gerichtsverfahren

Von Hajo Seppelt, Sebastian Krause und Jörg Winterfeldt

Nach den Münchner Urteilen zur Operation Aderlass laufen international die Ermittlungen weiter. Und neue Prozesse stehen an. Unter den Verdächtigen findet sich auch ein früherer deutscher Radprofi mit großem Namen.

Die Ruhe nach dem Sturm ist trügerisch. Vor gut einer Woche erst endete in München der Prozess gegen den Erfurter Dopingarzt Mark Schmidt und dessen vier Helfer mit Schuldsprüchen. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis im bisher größten Verfahren auf der Grundlage des erst 2015 eingeführten Antidoping-Gesetzes. "Ich finde schon, dass man von einem Meilenstein im Anti-Doping-Kampf sprechen kann", sagte Oberstaatsanwalt Kai Gräber.

Von der großen Aufmerksamkeit überlagert wird, dass Ermittlungen und Verfahren in Deutschland, aber auch im europäischen Ausland zur Operation Aderlass weiterlaufen. In Innsbruck liegen bei der Staatsanwaltschaft gleich mehrere wichtige Anklagen bereits vor.

Verhängnisvolle Verwechslung

In Innsbruck wird sich demnächst der kroatische Trainer Dario Nemec verantworten müssen. Er hat sich umfänglich geständig gezeigt, sagte auch im Münchner Prozess als einer der wenigen Auslandszeugen aus, die bereitwillig anreisten. "Dem kroatischen Trainer wird vorgeworfen, dass er zu einem großen Teil diesen deutschen Sportmediziner beliefert hat, aber zu einem noch größeren Teil direkt verschiedene Sportler mit diesen Medikamenten versorgt hat“, zitiert der Innsbrucker Staatsanwalt Hansjörg Mayr aus der Anklage.

Nemec soll etwa seinem deutschen Geschäftspartner Schmidt auch jenes Präparat geliefert haben, dessen Anwendung sich bei der Verurteilung strafschärfend auswirkte: Humanhämoglobin. Schmidt hielt es irrtümlich für einen Hämoglobin-basierten Sauerstoffträger, kurz HBOC (Hemoglobin-based oxygen carrier) und verabreichte es der österreichischen Mountainbikerin Christina Kollmann-Forstner in der Hoffnung, damit künftig Blutabnahmen überflüssig machen zu können und trotzdem den gewünschten Effekt der Sauerstoffanreicherung des Blutes zur Leistungssteigerung zu erzielen.

Christina Kollmann-Forstner holte 2018 den Vize-Weltmeistertitel im Mountainbike Marathon.

Christina Kollmann-Forstner holte 2018 den Vize-Weltmeistertitel im Mountainbike Marathon.

Die Sportlerin sagte in München vor Gericht aus, dabei nicht auf den experimentellen Charakter des Versuchs hingewiesen worden zu sein. Die Gerichtssachverständigen bezeugten, dass das Humanhämoglobin in der verabreichten Form zur Leistungssteigerung ungeeignet sei. Auf der Packung hatte sich sogar der Hinweis befunden, die Substanz sei ausschließlich in Forschung und Entwicklung zu verwenden ("R & D-use only“). Die Sportlerin beklagte kurzfristig schockähnliche Symptome. "Schockierend“, fand der Münchner Oberstaatsanwalt Gräber, "tatsächlich diese Geschichte mit Frau Kollmann-Forstner. Da hat ein Arzt ein Vertrauen zu einer Sportlerin aufgebaut und hat sie dann so richtig ausgenutzt für seine gewerbsmäßigen Ziele.“

Aufschlussreiche Akten

In Österreich können die Ermittler aufzeigen, wie einfach der Zulieferer Nemec an diese, aber auch andere Substanzen gekommen ist: Er bestellte sie im Internet und ließ sie an die kroatische Adresse seiner Mutter liefern. Sie werfen in der Anklage Nemec vor, insgesamt einen Betrugsschaden in Höhe von 350.000 Euro angerichtet zu haben, errechnet aus den Profiten, die jene Sportler erzielt haben, die Nemec mit Substanzen beliefert hatte.

Die österreichischen Ankläger weisen vehement in München von der Verteidigung geäußerte Vermutungen zurück, dem Kroaten Nemec seien womöglich im Gegenzug für belastende Aussagen Zugeständnisse gemacht worden. "Der kroatische Trainer hat sich sehr kooperativ gezeigt. Er wurde ausgeliefert aufgrund des europäischen Haftbefehls, war hier in Haft und hat eigentlich von Anfang an die Karten auf den Tisch gelegt, das eingeräumt, was man ihm vorgeworfen hat, dazu Angaben gemacht, die sich mit den Ermittlungsergebnissen gedeckt haben. Und darüber hinaus weitere Angaben getätigt“, sagt der Staatsanwalt Mayr, "die Staatsanwaltschaft kann im Vorfeld keine Zugeständnisse machen zu irgendeinem Strafausmaß. Das ist auch keine Methode, die wir unerlaubterweise anwenden würden. Tatsächlich ist das Verfahren gegen den kroatischen Trainer sehr rasch und konsequent geführt worden.“

Insgesamt hat die Staatsanwaltschaft Innsbruck 35 Ermittlungsverfahren geführt, die mit dem Aderlass-Komplex in Zusammenhang stehen. Zu den noch anstehenden Prozessen zählt das Verfahren gegen den mehrfachen kasachischen Weltcupsieger Alexei Poltoranin. Er war bei der Razzia am Rande der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld 2019 vorübergehend festgenommen worden und zunächst geständig, widerrief aber, sobald er auf freiem Fuß war.

Poltoranin galt als großer Hoffnungsträger seines estnischen Trainers Mati Alaver. Jener hielt in der Heimat einen Legenden-Status – bis seine Verstrickung bekannt wurde. Der geständige Alaver wurde in Estland bereits 2019 zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Bei ihm stellten die Ermittler zahlreiches belastendes Material sicher, darunter seine Tagebücher und Korrespondenz mit Schmidt. Dem estnischen Fernsehsender ERR gelang es, auf dem Klageweg Einblick in einen Teil der Unterlagen zu erhalten.

Aus ihnen geht unter anderem der Dopingplan für eine Saison hervor, den Schmidt Alaver für dessen Schützlinge wie Poltoranin anbot: "Wir machen 5 Beutel pro Sportler, im Sommer zu den Grundlagentrainingseinheiten das Pulver und wenn Ihr Kraft und Intensiv macht Wachstumshormon, 4 Wochen vor Höhepunkt dann IGF“, schrieb er. Der Gesamtkostenrahmen: 8000 Euro.

Vorwurf: Gendoping

Was in Estland für einen Schock sorgte, war insbesondere der skrupellose Ehrgeiz des Poltoranin-Trainers Alaver, stets neueste Betrugs-Mittel und -Methoden für seine Athleten auszuloten. So fragte er in einer Mail kritisch beim Arzt nach – sogar unter Bezug auf einen renommierten deutschen Dopingjäger: "Warum nehmen wir so wenig IGF1? Werner Franke schreibt, diese Substanz sei das populärste Dopingmittel unter Top- Athleten! Wie sieht es aus mit Stammzellen und Gentechnologie?"

Tatsächlich werfen die Österreicher Poltoranin so eine verbotene Methode in der Anklage vor: "Nach der Festnahme und Hausdurchsuchung in Seefeld haben dann die weiteren Ermittlungen auch den Verdacht ergeben, dass dieser Sportler das Medikament Repoxygen verwendet haben dürfte. Die Anwendung von Repoxygen kann als Gendoping qualifiziert werden. Es führt dazu, dass es zu einer vermehrten körpereigenen Produktion von EPO kommt." Repoxygen wurde vor 20 Jahren entwickelt, aber nie zugelassen.

Spektakulär fiel Repoxygen vor 15 Jahren in der Öffentlichkeit auf: Im Magdeburger Strafprozess gegen Thomas Springstein. Der experimentierfreudige Leichtathletik-Trainer, bekannt geworden an der Seite von Sprintstar Kathrin Krabbe, hatte sich über Repoxygen erkundigt. Dass nun erneute Hinweise auf Repoxygen aufgetaucht sind, alarmiert die Fachleute: "Die Weiterentwicklung des Präparates ist 2003 nicht fortgeführt worden“, sagt Mario Thevis, der Chef des Antidoping-Labors in Köln, "sodass wir 2020, 2021 mit einer Wiederbelebung dieser Idee nicht gerechnet haben.“

Ermittlungen in der Schweiz haben weitere mögliche Quellen für Dopingmaterial und -mittel hervorgebracht. Wie aus der Hauptverhandlung in München hervorging, hatte der Mediziner Schmidt selbst die Fährte gelegt: Er nannte in Vernehmungen den früheren Schweizer Radprofi Pirmin Lang. Im vergangenen August wurde Lang verurteilt: Er erhielt für den versuchten Handel mit Mitteln einen Strafbefehl mit einer bedingten Geldstrafe von 500 Franken und einer Buße von 100 Franken und gilt seither als erster rechtskräftig verurteilter Schweizer Profisportler seit Einführung von Antidoping-Bestimmungen im Sportfördergesetz 2012. Teilweise sollen Taten allerdings verjährt gewesen sein, zudem ist in der Schweiz Eigenkonsum von Dopingmitteln und die Anwendung von verbotenen Methoden für den Athleten derzeit nicht strafbar.

Spur in die Schweiz

Die öffentliche Hauptverhandlung in München zeigte auch, dass ein Berner Doktor Blutbeutelsets, vermutlich auch Dopingmittel an den deutschen Arzt Mark Schmidt geliefert haben soll. Es handelt sich dabei um einen Schweizer Mediziner, der bereits vor drei Jahren öffentlich auffällig wurde. In der ARD-Dokumentation: "Geheimsache Doping – Das Olympia-Komplott (Teil zwei)“ wird gezeigt, wie der Arzt offenbar einen Vertrag mit einem russischen Dopingtrainer über die testweise Anwendung von Dopingmitteln geschlossen hatte. Außerdem bot er vor versteckter Kamera die tatkräftige Unterstützung bei Testosteron-Doping an. Ein Strafverfahren in der Schweiz gegen den Mann läuft – schon länger. Bisher allerdings ohne Ergebnis.

Geheimsache Doping - Das Olympiakomplott (Teil zwei) Sportschau 29.01.2018 26:54 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste

Absolut unverständlich finden Schweizer Doping-Fahnder das. "Da ist ein unschönes Ping-Pong-Spiel entstanden zwischen Staatsanwaltschaft und Zwangsmassnahmengericht. Das hat dann dazu geführt, dass sehr lange Zeit in diesem Fall eigentlich nicht weiter ermittelt wurde“, schimpft der Chef der Schweizer Anti-Doping-Agentur, Antidoping Schweiz, "und jetzt ist tatsächlich Bewegung in die Sache gekommen. Aber das ist einfach zu lange. Also da ist die Möglichkeit, um Beweise vernichten zu können, und auch die Verjährung ist ein Problem.“

Außerdem wurden im Münchner Aderlass-Prozess in öffentlicher Verhandlung interessante Ergebnisse aus den Ermittlungen gegen Lang verlesen. Aus ihnen ergibt sich, dass nun auch ein früherer deutscher Radprofi womöglich Ärger befürchten muss: Björn Thurau. Er ist der Sohn des dopinggeständigen Tour-de-France-Stars der 70er Jahre, Dietrich Thurau. Björn Thurau soll in einem Chat mit Pirmin Lang die Lieferung von Dopingmitteln besprochen haben.

"Wir haben uns da mit unseren Kollegen von der NADA Deutschland sehr eng ausgetauscht“, sagt der Schweizer Doping-Fahnder König, "wir haben die Informationen an die NADA Deutschland weitergereicht, alles, was wir haben.“ Auf Nachfrage dazu gibt es kein Dementi von der deutschen Nationalen Antidoping-Agentur. Björn Thurau war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. 

Stand: 24.01.2021, 15:13

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