Österreichs Skiverband muss wieder zittern

Johannes Dürr

Operation Aderlass

Österreichs Skiverband muss wieder zittern

Von Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

Der frühere Skilangläufer Johannes Dürr hat Erfolg im Berufungsverfahren. Innsbrucks Landesgericht muss im Februar erneut und weniger nachlässig den Vorwurf prüfen, der ÖSV habe Doping nicht ernsthaft bekämpft.

Sie wähnten sich schon in Sicherheit. Zumal auch der Winter bevorsteht, und mit dem neuen Schnee endgültig ein Schleier über die alten Skandale gelegt werden sollte. Doch nun wird es noch einmal eng für den Österreichischen Skiverband.

Das Oberlandesgericht Innsbruck hat im Rechtsstreit des Verbandes mit dem früheren Skilangläufer Johannes Dürr dessen Berufung stattgegeben. Dürr hatte über den affärengestählten Verband behauptet, dass der ÖSV Doping stillschweigend dulden, gezielt die Augen vor Doping verschließen und Doping hinnehmen würde, solange der Dopende sich nicht erwischen lasse. Der ÖSV hatte vor dem Landesgericht gegen ihn geklagt und Ende Juni Recht bekommen (AZ 6 Cg 107/18y-22).

Nun allerdings bestätigte eine mit drei Richtern besetzte Berufungskammer den Eindruck vieler Zuhörer der im vergangenen April durchgeführten mündlichen Verhandlung: Eile ging in der Erstinstanz vor Sorgfalt. Der dort bemühte Einzelrichter hat es sich zu leicht gemacht und nicht ausreichend ausgeleuchtet, ob Dürr womöglich doch berechtigt zu seinem Eindruck gelangen konnte. Er hatte geurteilt, Dürrs Kritik überschreite die Grenze zulässiger Kritik, es liege ein "Wertungsexzess" vor.

Neue Chance im Februar 2020

Nun musste sich der Mann von den übergeordneten Kollegen eine Art Nachlässigkeitsexzess bescheinigen lassen: "Das Erstgericht hat sich aufgrund eines Rechtsirrtums mit einem Großteil der Behauptungen des Beklagten nicht auseinandergesetzt", heißt es in dem nun ergangenen Beschluss des Oberlandesgerichts (AZ 2 R 115/19g), "zu diesen Behauptungen keine Beweise aufgenommen und dementsprechend auch keine Feststellungen getroffen." 

Der nun mit dem Fall höchstpersönlich befasste Senatspräsident des Oberlandesgerichts hat mit seinen zwei Kollegen den Fall daher zur erneuten Verhandlung an die Erstinstanz zurückverwiesen. Dem ÖSV bleiben Rechtsmittel gegen den Beschluss. Vorerst jedenfalls bekommt Johannes Dürr am 24. Februar 2020 im Verhandlungssaal N-214 des Landesgerichts Innsbruck erneut eine Chance, die Berechtigung seiner Meinung darzulegen. Es geht um nichts weniger als die Frage: Trägt der ÖSV an der Vielzahl von Dopingfällen, die zumindest in seiner Langlaufsparte aufgedeckt worden sind, eine irgendwie gelagerte institutionelle Mitschuld, oder handelt es sich, wie er behauptet, tatsächlich nur um lauter Einzeltäter?

"Der Optimismus und das Vertrauen in den Rechtsstaat sind groß. Nach dem Ersturteil war ich natürlich sehr enttäuscht", sagt Dürr nun, "ich finde mich in einem ganz neuen Lebensabschnitt wieder, ganz ohne Spitzensport und ohne ÖSV. Zusätzlich bin ich davon überzeugt, dass unter anderem mit der jetzigen Einbeziehung der von uns im Prozess aufgerufenen Zeugen die Geschehnisse ehrlich aufgearbeitet werden können. Ich wünsche mir, als ehemaliger Doper, restlose Aufklärung."

Ausbildung in der väterlichen Schmiede

Der Streit war entbrannt um eine Äußerung Johannes Dürrs 2018 auf einer sorgenannten "Fuck-Up-Night" in Österreich, einer Veranstaltung, bei der Gescheiterte mit der Schilderung ihrer Erfahrungen anderen Menschen helfen sollen. Dürr war zuvor bei den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 wegen Dopings mit dem ausdauerfördernden Mittel Epo aufgeflogen und zwei Jahre gesperrt worden.

Er hatte anschließend in der ARD-Dokumentation "Die Gier nach Gold“ umfassend ausgesagt – wie sich später herausstellte allerdings nur Teile der Wahrheit. Anschließende Ermittlungen führten zu der Polizei-"Operation Aderlass“ mit den Razzien in Seefeld und Erfurt, der Dopingring um den Mediziner Mark Schmidt flog auf. Und es kam heraus, dass Dürr während der Dreharbeiten mit der ARD weiter gedopt hatte. Seinen Job beim Zoll verlor Dürr. Er macht nun eine Ausbildung in der väterlichen Schmiede.

An dem Abend in Österreich hatte Dürr auf die Frage eines Zuschauers, wie der ÖSV zu seinem Doping gestanden habe, die vom Verband nun angegriffenen Sätze gesagt: "Das ist jetzt nicht eine aktive Unterstützung, aber es ist … mit dieser absolut totalitären Verneinung, mit dem Augen zuhalten vor dem … ich empfinde es eher so, dass man sagt: Okay, also, bitte mach's, lass dich aber nicht erwischen … so ungefähr ist das g‘rennt. Ich will davon nichts wissen, weil dann kann ich so machen [hält sich die Augen zu], aber uns wäre es schon lieber wenn du etwas machst."

Hilfe beim Missed Test

In der ersten Instanz hatte er sich schon bemüht, seinen Standpunkt zu erklären, etwa dass er Dopingmittel von jenem Mann bekommen habe, der für einen Athleten den Verband wahrscheinlich so repräsentiert wie sonst nur der Präsident: vom Nationaltrainer Gerald Heigl. Der war 2004 nach dem ersten großen Dopingskandal der Österreicher bei Olympia 2002 in Salt Lake City ins Langlauf-Team gerückt. Er gehörte dazu, als bei Olympia 2006 in Turin eine spektakuläre Doping-Razzia bei den Österreichern für Schlagzeilen sorgte oder als Olympiasieger Christian Hoffmann gesperrt wurde. Er durfte weitermachen, als Dürr aufflog und sogar ein Jahr später auch Dürrs Kollege Harald Wurm für vier Jahre gesperrt wurde. Und er durfte nach seinem Ausscheiden 2017 weiter einzelne ÖSV-Athleten betreuen wie etwa Max Hauke, der in Seefeld mit der Infusionsnadel im Arm erwischt wurde.  

Dürr hatte in der Verhandlung auch berichtet, wie andere hochrangige ÖSV-Spitzen ihm hilfreich zur Seite gestanden hätten: Rennsportdirektor Markus Gandler und ÖSV-Generalsekretär Klaus Leistner hätten ihm höchstselbst Formulierungshilfen gewährt, als Dürr kurz vor den Sotschi-Spielen der Anti-Doping-Agentur erklären musste, warum er seinen Aufenthaltsort entgegen der Regeln einmal nicht ordnungsgemäß angegeben hatte und es so zu einem erfolglosen Probennahmeversuch, einem sogenannten Missed Test, kam. Der Zeuge Leistner konnte sich vor Gericht nicht erinnern.

Womöglich spielt Dürr nun der Fortgang der Zeit und der Dinge in die Karten. So vermasselt der Senat des Oberlandesgerichts dem ÖSV eines der wichtigsten Argumente, das der Generalsekretär Leistner seinerzeit als Zeuge vorgetragen hat: die "Null-Toleranz-Policy". "Nach Ansicht des Berufungsgerichts kann diese auf der Aussage des Generalsekretärs der klagenden Partei fußende Feststellung nur so verstanden werden, dass sich die klagende Partei ‚nach außen hin‘ einer Null-Toleranz-Politik gegenüber Doping verschrieben hat", heißt es nun erstmals mit der gebotenen Skepsis. Es rügt: "Inwieweit die klagende Partei diese Null-Toleranz-Politik praktisch gehandhabt hat", sei gar nicht festgestellt worden.

Laufende Ermittlungen

Darüber hinaus haben die Ermittler zahlreiche weitere Erfolge, die womöglich Dürrs Einschätzung belegen. So wies der frühere Bundestrainer Heigl seinerzeit noch alle Vorwürfe zurück, kam aber später Wochen lang in Untersuchungshaft, und als er schließlich wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, war zu vernehmen, dass er schließlich kooperiert habe. Auch wurde in der Folge eine Hausdurchsuchung bei einem Verbandsarzt vorgenommen, der von Beteiligten belastet wurde, Dopingmittel beschafft zu haben. Er bestreitet allerdings alles.

Bis zum Februar jedenfalls wird der zuständige Richter auf weitere Erkenntnisse der Ermittler zurückgreifen können, die die Rolle des ÖSV beleuchten. "Die Öffentlichkeit", sagt Dürr, "hat sich endlich eine grundlegende Aufarbeitung und in diesem Sinne ein aufrichtiges und damit richtungsweisendes Signal für die Zukunft des Spitzensports verdient."

Stand: 06.11.2019, 15:24

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