Operation Aderlass - Erfurter Blutdopingdoktor gibt Komplizen preis

Mark Schmidt

Arzt Mark Schmidt

Operation Aderlass - Erfurter Blutdopingdoktor gibt Komplizen preis

Von Hajo Seppelt, Shea Westhoff, Peter Wozny und Jörg Winterfeldt

Teil 2/2 - Hilfe durch Corona

Operation Aderlass: Ex-Radprofi Denifl hat Blutdoping gestanden

Stefan Denifl: Die Blutbeutel des Ex-Radprofis beschriftete der Erfurter Doping-Arzt Schmidt mit dem Decknamen "No Name".

Seit November lief auf Betreiben der Staatsanwaltschaft Innsbruck eine europaweite Fahndung nach dem Kroaten. Im Januar wurde Nemec in seinem Heimatland verhaftet. Seither hätten die Österreicher keine neuen Informationen erhalten, heißt es aus Innsbruck. Aus Zagreb teilt die Staatsanwaltschaft nun auf ARD-Anfrage mit, man habe infolge der Corona-Pandemie Nemec zunächst auf freien Fuß gesetzt, das örtliche Landgericht habe aber einer Auslieferung nach Österreich zugestimmt. Nemec selbst war für die ARD-Dopingredaktion nicht zu erreichen.

Über seinen Blutdopingbetrieb berichtete der Erfurter Arzt Schmidt den Ermittlern: "Angefangen hat bei mir alles im Jahr 2012." Seine Kunden bekamen Tarnnamen. Der kasachische Skilangläufer Alexej Poltoranin zum Beispiel war "Einstein", der kroatische Radprofi Kristijan Durasek "Triple X", dessen österreichischer Branchenkollege Stefan Denifl "No Name". Schmidt gab preis, was jeder seiner bislang bekannten rund zwei Dutzend Kunden zu zahlen gehabt habe: 5.000 Euro sei der Grundbetrag für die Sportler gewesen, die Kosten der Abnahmen pro Saison pro Sportler hätten sich auf 3.000 bis 3.500 Euro belaufen. Zu besonderen Anlässen habe er besonders abkassiert: "Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften mussten gesondert abgerechnet werden.” Aber für seine Kunden habe er notfalls auch Flexibilität an den Tag gelegt und zu deren Vorteil "Rechnungen wegen der Steuer frisiert".

Seinen Athleten habe er gesagt, er übernehme nur Garantie dafür, dass sie unbeschadet jede Dopingkontrolle wegen der verbotenen Blutbehandlungen überstünden. Er war offenbar auch auf Nachfrage bereit, bestimmte Medikamente zu liefern, allerdings ohne dafür auch Gewährleistung zu übernehmen, dass die Athleten unentdeckt bleiben. Bei der Bestellung von Wachstumshormon-Dosen sei er einfach mit seinem "Arztausweis in die Apotheke gegangen und habe diese gekauft".

Grundrechtsverstoß gerügt

Im Verlaufe seiner mittlerweile mehr als ein Jahr andauernden Untersuchungshaft hat Schmidt den Anwalt gewechselt, die Strategie auch. Zunächst sagte er in den Vernehmungen aus, später nicht mehr. Es habe sich nicht gelohnt. "Man hat im Laufe des Verfahrens mitbekommen, dass sämtliche konstruktive Kooperation unseres Mandanten mit der Staatsanwaltschaft München zu keinem Ergebnis geführt hat. Vielmehr zu einer Fortdauer der Untersuchungshaft, weil die Staatsanwaltschaft auf diese Aussagen durchaus die Anklageschrift gestützt hat, sodass aus unserer Sicht derzeit eine weitere Kooperation keine Auswirkung auf die U-Haft haben würde." Der Beschuldigte schweigt also vorerst.

Immer wieder hat Schmidt prüfen lassen, ob tatsächlich Gründe für die Haftfortdauer vorliegen oder ob er nicht erst einmal freigelassen werden müsste. Offenbar am Ende der Geduld, bemüht Schmidt nun Deutschlands höchstes Gericht, sagt sein Erfurter Anwalt Juri Goldstein. "Wir haben nach der Verkündung des neuen Haftbefehls und der Haftfortdauerentscheidung durch das Oberlandesgericht München nunmehr aktuell eine Verfassungsbeschwerde eingereicht. Die Haftdauer von 13 Monaten verstößt nach unserer Auffassung ganz klar nicht nur gegen das Strafprozessrecht sondern auch gegen das Grundgesetz.”

Flucht- und Verdunkelungsgefahr werden angeführt, sagt der Anwalt. Schmidt dürfte kein armer Mann sein. Er soll vor der Verhaftung ordentlich verdient und sein monatliches Einkommen selbst auf mindestens 12.000 Euro taxiert haben. Womöglich könnte auch das Risiko einer langen Haft einem Beschuldigten Beine machen, würde er auf freien Fuß gesetzt. Ein Sportrechtsexperte wie der Heidelberger Anwalt Michael Lehner weist darauf hin, dass der Arzt nun "in die harten Paragraphen" falle: "Von Mark Schmidt bleibt übrig: ein Krimineller, der ganz banal runtergebrochen, Gesetz und Ordnung und jede ärztliche Ethikregel bricht, um wirtschaftlich gut dazustehen." Lehner vermutet, den Arzt Schmidt könne eine harte Strafe erwarten: Er tippt auf viereinhalb Jahre Gefängnis.

Stand: 02.05.2020, 15:00

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