Mitangeklagter des Dopingarztes hatte einen Menschen zu Tode geprügelt

Dopingprozess: Komplize vor Gericht Morgenmagazin 29.10.2020 01:45 Min. Verfügbar bis 29.10.2021 Das Erste

Operation Aderlass

Mitangeklagter des Dopingarztes hatte einen Menschen zu Tode geprügelt

Von Peter Wozny

Im Münchener Prozess zum Doping-Netzwerk des Erfurter Arztes Mark Schmidt richtet sich der Fokus heute auf Dirk Q. Der einzige Mitangeklagte, der wie Schmidt immer noch in Untersuchungshaft sitzt, hat eine rechtsextreme Vergangenheit und musste sich in früheren Verfahren bereits mehrfach als Angeklagter vor Gericht verantworten, zuletzt 2008 in Erfurt.

Der Termin an diesem Donnerstag (29.10.2020) wurde vergleichsweise kurzfristig angesetzt im Münchner Landgericht. Und er soll auch nur von kurzer Dauer werden, während für gewöhnlich im Strafprozess gegen den Erfurter Mediziner Mark Schmidt und dessen vier mutmaßlichen Helfer im internationalen Doping-Netzwerk gleich ganze Tage für die Verhandlungen veranschlagt werden.

An diesem Donnerstag rückt nun erstmals der Mitangeklagte Dirk Q., 39, in einen größeren Fokus. Der Mann, für den als Beruf selbstständiger Inhaber einer Baufirma angegeben wird, hat bisher vor Gericht geschwiegen, als einziger der fünf Angeklagten jeglichen Aufklärungsbeitrag verweigert. Q. ist der einzige der Angeklagten, der außer Schmidt immer noch in Untersuchungshaft sitzt, seit er am 18. März vergangenen Jahres in Erfurt verhaftet worden war. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm in ihrer Anklage 38 Verstöße, auch bandenmäßige, gegen das Antidopinggesetz vor. Sie erwartet für Q. eine mehrjährige Freiheitsstrafe.

"Dirk Q. soll zur rechten Szene in Erfurt gehört haben"

Sollte das Gericht im Urteil zu derselben Überzeugung kommen, könnte bei der Berechnung des Strafmaßes einer Vorstrafe Q.s Bedeutung zukommen. Das ihr zugrundeliegende Urteil gegen Q. wird an diesem Donnerstag verlesen. Es zeigt, was für ein Charakter da dem Mediziner Schmidt behilflich gewesen sein soll beim Dopen.

"Dirk Q. stand damals 2008 vor Gericht in Erfurt. Ihm wurde vorgeworfen, ein Tötungsdelikt zu Lasten des Vaters eines meiner Mandanten und eine gefährliche Körperverletzung, die er durch Fußtritte gegen einen anderen begangen hat", sagt der Berliner Rechtsanwalt Sebastian Scharmer, der als Nebenklägervertreter am damaligen Prozess beteiligt war. "Dirk Q. soll damals zur rechten Szene in Erfurt gehört haben. Beide Opfer waren Punks. Und es war aus meiner Sicht relativ klar, dass die Tat einen politischen Hintergrund hatte. Einer der beiden ist durch die Schläge des Angeklagten verstorben."

Die Tat und der tödliche Ausgang sorgten 2003 für Aufsehen. Wegen eines vermuteten politischen Motivs wurden in Erfurt in der Folge ein Tattoo-Studio, das der rechten Szene zugerechnet wurde, und die Landesgeschäftsstelle des Bundes der Vertriebenen (BdV) angegriffen und schwer beschädigt. Erfurter Polizei und Justiz lieferten in der Folge nicht gerade ein ruhmreiches Bild ab. Obwohl einschlägig vorbestraft und auf Bewährung zum Zeitpunkt der Tat, blieb Q. seinerzeit als Tatverdächtiger stets auf freiem Fuß. Eine Hausdurchsuchung bei ihm erfolgte erst nach mehreren Tagen. Die Anklage der Staatsanwaltschaft wurde erst nach einer Beschwerde beim Oberlandesgericht vollumfänglich zugelassen, der Prozess dadurch nach fünf Jahren geführt.

Schwere Kindheit

Das alles spielte dem Täter in die Karten: Er wurde 2008 lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Strafe von zwei Jahren zur Bewährung verurteilt. Das Gericht hat seine schwere Kindheit festgehalten.

Beim Ablauf des Tatabends im Januar 2003 stand in Rede, dass Q. sich erst mit einem Kumpel Einlass in eine stadtbekannte Punker-WG zu einer Party verschaffen wollte. Die Feiernden sollen es als Provokation zweier Neonazis gewertet haben. Bei einem späteren Zusammentreffen soll Q. mit zwei gezielten Schlägen die schwer alkoholisierten Punks K. o. geschlagen haben. Ein Zeuge wollte gar beobachtet haben, wie er sich zuvor noch lässig die Schultern gelockert habe. Anschließend soll er zugetreten haben. Beim später Verstorbenen wurde im Krankenhaus ein Blutalkoholgehalt von über drei Promille festgestellt.

"Die Tat war äußerst brutal. Es war so, dass im Urteil zumindest steht, dass Dirk Q den einen der beiden Verletzten, der ersichtlich schwer betrunken und auch sonst körperlich sowieso schon etwas beeinträchtigt war, so wuchtig niedergeschlagen hat, dass er aufgrund dieses Schlages und des Sturzes verstorben ist", sagt der damalige Nebenklagevertreter Scharmer, "der zweite Verletzte, den ich vertreten habe, der hat multilaterale Verletzungen im Schädelbereich gehabt, eine Mittelgesichtsfraktur." Das Erfurter Gericht wertete die Tat aber nicht als politisch motiviert, weil Q.s Angabe, sich 2002 aus der rechtsradikalen Szene zurückgezogen zu haben, unwiderlegt sei.

"Das Urteil ist nach der Begründung des Gerichts deshalb sehr milde ausgefallen, weil zum einen die Verfahrensdauer sehr lang war, was immer zugunsten des Angeklagten gewertet wird", sagt der Anwalt Scharmer, "zum anderen war es so, dass Vorstrafen, die er hatte, einschlägige Vorstrafen, aufgrund der langen Verfahrensdauer nicht mehr berücksichtigt werden konnten."

Abgehörtes Telefonat 

Zum Arzt Schmidt soll Q. einen engen Kontakt gehabt haben. Unter anderem soll er vergleichsweise früh, etwa 2015, angefangen haben, dem Mediziner beim Dopen zu helfen. So soll er etwa einen besonderen Kühlschrank zur Lagerung des Blutes aus Österreich nach Erfurt geholt haben, aber auch Athleten Blut-Zugänge gelegt und Blut rückgeführt haben.  

Im Münchner Gericht war neulich in der Hauptverhandlung auch ein abgehörtes Telefonat zwischen Schmidt und Q. vorgespielt worden. Die beiden unterhalten sich darin darüber, dass Q. offensichtlich den ARD-Film "Die Gier nach Gold" angeschaut hatte, in dem der Skilangläufer Johannes Dürr sein Blutdoping thematisiert hatte. Schmidt beruhigte ihn, das sei "ja alles undramatisch", schließlich seien ja "keine Namen" genannt worden. Q. warnte Schmidt: "Ich will dir jetzt keine Panik machen oder so, aber das ist einer, der dann alles auspackt." Und sie redeten darüber, dass bei Schmidt keine Beweise mehr zu finden sein sollten.

"Am Ende dieses Verfahrens wird das Gericht klären müssen, wie die Schuld jedes einzelnen Angeklagten zu bemessen ist, wenn man denn zu der Überzeugung gelangt, dass die Tatvorwürfe so zutreffen", sagt Florian Gliwitzky, Sprecher des Münchner Landgerichts, "und in diesem Zusammenhang spielen natürlich Vorstrafen schon eine Rolle: Derjenige, der straffrei gelebt hat, steht dann etwas besser da, als derjenige, der bereits wegen einer Straftat verurteilt worden ist."

Stand: 29.10.2020, 06:00

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