Daniel Taschler ist erster Biathlet im Visier der Ermittler

Biathlet Daniel Taschler

Operation Aderlass

Daniel Taschler ist erster Biathlet im Visier der Ermittler

Von Hajo Seppelt, Jörg Mebus, Josef Opfermann und Jörg Winterfeldt

Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion haben die Ermittler den ersten Biathleten im Zuge der Blutdopingermittlungen um den deutschen Arzt Mark Schmidt im Visier: Es soll der Italiener Daniel Taschler sein, der frühere Schwager des österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr.

Das Schicksal schien es zuletzt gut zu meinen mit Daniel Taschler. Vergeblich hatte der Südtiroler in diesem Jahrzehnt verstärkt versucht, seinem Vater Gottlieb nachzueifern. Die Familie stammt aus der Biathlon-Hochburg Antholz, der Papa galt einst als einer der besten Skijäger Italiens. Er gewann eine Bronzemedaille bei Olympia 1988 in Calgary und holte gar Gold und Bronze bei Weltmeisterschaften.

Dafür, dass sich beim Sohn alles glücklich zu fügen schien, brauchte es weit weniger. Erst Anfang dieses Monats endete ein strafrechtliches Dopingverfahren gegen ihn vor dem Oberlandesgericht in Trient mit einem überraschenden rechtskräftigen Freispruch. Sein letztes Rennen auf höchster Ebene hatte Daniel Taschler, 32, ohnehin schon am Ende der Saison 2013/14 daheim in Antholz gelaufen. Danach stellte er die Skijagd ein und übernahm einen Sportladen. Taschler junior brachte es nur auf sechs Weltcupstarts in seiner Karriere, wer ihm im Ziel zujubeln wollte, brauchte vor allem eines: Geduld. Unter die ersten 50 brachte der junge Taschler es in der ersten Liga des Biathlonsports nie.

Doch nun weist einiges darauf hin, dass der zweitklassige Biathlet Taschler sich doch zu früh gefreut hat. Manchmal hat die Justiz einen noch längeren Atem als ein Skijäger. Ende Mai hatte die ARD-Dopingredaktion erstmals erfahren, dass die Spuren in Sachen Biathlon nach Italien führen. Nun konkretisieren sich die Informationen: Offenbar ist Daniel Taschler der erste namentlich bekannte Biathlet, der als Kunde des Erfurter Arztes Mark Schmidt Blutdoping betrieben haben soll. Ermittelt wird offenkundig auch noch, ob Daniel Taschler nur Kunde war oder auch andere Athleten zum Arzt vermittelt hat.

Die Staatsanwaltschaft München sowie österreichische Ermittler wollten die ARD-Informationen auf Nachfrage nicht kommentieren. Taschler selbst erklärte gegenüber der ARD-Dopingredaktion, man könne ihn so zitieren, dass er zu den Anschuldigungen nichts sagen wolle.

21 Athleten, acht Nationen, fünf Sportarten

Langläufer Johannes Dürr macht reinen Tisch

Ex-Schwager von Daniel Taschler: Der in der ARD geständige Dopingsünder Johannes Dürr.

Allerdings käme für Insider seine mögliche Verstrickung in Blutdopingpraktiken nicht wirklich überraschend: Taschler ist der frühere Schwager des österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr, 32, der mit seinem Geständnis in der ARD-Dokumentation „Die Gier nach Gold“ und seinen Aussagen bei der Polizei die Ermittlungen und spektakulären Razzien während der nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld/Österreich Ende Februar erst losgetreten hatte. Seither sind 21 Athleten aus acht Nationen und fünf Sportarten aufgeflogen.

Dürr hatte gestanden, von Mark Schmidt über Jahre beim Blutdoping unterstützt worden zu sein. Dürr war zunächst während der Olympischen Spiele in Sotschi 2014 wegen des Missbrauchs von EPO aufgeflogen. Erst vier Jahre später berichtete er erstmals vor den Kameras der ARD, auch Blutdoping betrieben zu haben. Die parallele Anwendung von Blutdoping und EPO gilt als gängige Methode. Eigenblutdoping ist nur schwer nachweisbar, und wenn überhaupt, dann durch eine ungewöhnliche Ratio vermehrter älterer roter Blutkörperchen zu jungen. Genau hier aber kann EPO in erster Linie zur Tarnung helfen: Es kurbelt die Produktion frischer roter Blutkörperchen an.

Womöglich hofft Taschler junior nun noch einmal auf ein juristisches Wunder. Denn in dem gerade nach Jahren der Prozesse erledigten Verfahren ist er so glimpflich davon gekommen wie er es wohl selbst kaum hätte erwarten dürfen. Da Taschlers Vater Gottlieb, 56, als damaliger Vizepräsident der skandalumwitterten Internationalen Biathlon-Union den Kontakt zum lebenslang vom italienischen  Olympischen Komitee CONI als Trainer und Sportarzt gesperrten Michele Ferrari, 66, hergestellt haben soll, stand auch er im Verfahren vor Gericht.

Wie Ferrari bestritt er alle Vorwürfe, räumte ein, den Arzt länger zu kennen, sich aber nur an ihn gewendet zu haben, um Hilfe für die gesundheitlichen Probleme des Sohnes zu bekommen, angeblich eine Immunschwäche. Und er, Taschler senior, behauptete, das Italienisch seines Sohnes, eines deutschsprachigen Südtirolers, sei nicht gut genug gewesen, so dass der Senior selbst Absprachen mit Ferrari für den Sohn habe treffen müssen. „Ich bin geschockt über die Medienberichte, dass ich in Doping verwickelt sein soll“, wurde er vor dem Verfahren zitiert, „das ist einfach nicht wahr.“

Allerdings war das Trio von der Polizei abgehört worden. Die Gazzetta dello Sport, Italiens Fachblatt für Leibesübungen, hatte Ende 2014 die Abhörprotokolle der Staatsanwaltschaft Padua von Gesprächen des Trios in die Hände bekommen und veröffentlicht.

Branchenname Dottore EPO

Wer liest, was das Blatt als Kommunikation zwischen Daniel Taschler und Ferrari, dem früheren Leibarzt Lance Armstrongs, publiziert hat, durfte keine Zweifel mehr an der Schuld und Verurteilung Taschlers haben. Da gibt es etwa ein Gespräch über EPO-Anwendungen, die in Packungsgrößen von 2000 internationalen Einheiten oder der Hälfte im Angebot sind. Auch reichte Daniel Taschlers Italienisch offenbar für die Absprachen aus, die die Gazzetta veröffentlichte.

Die entlarvende Unterhaltung liest sich laut Gazzetta so: „Bist Du zuhause?“, wird Ferrari zitiert. „Ja, ich bin zu Hause.“ „Bis wann?“ „Den ganzen Monat.“ „Ah, du bist die ganze Zeit zu Hause, nimm es, wenn du zu Hause bist, nimm es zu Hause!“ „Ja.“ „Ja, einen Tag ja, den nächsten nicht, wie wir es besprochen hatten.“ „In die Vene?“ „In die Vene!“ „1000 immer?“ „Immer 1000.“ „Also.“ „Die Hälfte.“ Daniel: „Die Hälfte.“ „Die Hälfte von 2000.“ „Halb.“ „Die andere Hälfte kannst du hier lassen.“ „Ah!“ „Du kannst es in der Spritze belassen... und es weglegen.“

Auch die konspirativen Aspekte hat der affärengestählte Mediziner dem Klienten offenbar vermittelt. Ferrari: „Dieses Mal machen wir es aber so, dass wir nach Ferrara Süd fahren. Ich hinterlasse Dir auch noch eine andere Telefonnummer, aber du darfst mich nicht mit deiner Nummer anrufen. Du musst ein anderes Telefon haben, das nicht registriert ist und das du nur dafür verwendest! Du besorgst dir ein anderes Telefon, über eine andere Person, die weder du noch Gottlieb ist, die ein Telefon und eine Karte kauft. Du kannst deins nicht verwenden, denn wenn du dein Telefon verwendest, können sie mit dieser Karte auch das Telefon aufspüren. Also gebe ich dir jetzt die andere Nummer, die eine Schweizer Nummer ist, die du nur dafür verwendest. Wenn du nicht anrufst, ist es aber besser!“

Sportartz und Doping-Mastermind Ferrari

Soll auch Taschler Junior beraten haben: Doping-Arzt Michele Ferrari.

Das Landgericht Bozen nutzte die Beweislage, um im April 2017 Daniel Taschler wegen Verstoßes gegen das Dopinggesetz zu einer Haftstrafe von neun Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe von 3600 Euro zu verurteilen. Vater Gottlieb bekam wegen Beihilfe zum Doping eine Haftstrafe von einem Jahr auf Bewährung und eine Geldstrafe von 4000 Euro. Ferrari, Branchenname Dottore EPO, erhielt eine Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung und eine Geldstrafe von 4500 Euro.

Es könnte eng werden

Die Wende bahnte sich im vergangenen November an. Da entschied das Kassationsgericht in Rom, als höchste Instanz, dass die Abhörmaßnahmen nicht zertifiziert waren und die daraus resultierenden Protokolle nicht hätten verwendet werden dürfen. „Damit gibt es keine Beweise mehr für ein mögliches Dopingvergehen“, wurde Taschlers Anwalt Flavio Moccia zitiert. Offenbar war der Generalstaatsanwalt daher zum Prozessauftakt in Trient gar bereit, den Prozess wegen Verjährung einzustellen. Doch laut der Rechtsanwältin Annalisa Esposito drangen die Taschlers und Ferrari auf die Durchführung, da ein Freispruch winkte.

Sollten die Vernehmungen des in Untersuchungshaft sitzenden Arztes Schmidt die Beweislage gegen Taschler erhärten, könnte es wieder eng werden. Für die Verjährungsfristen spielt dabei auch eine Rolle, ob nur der Verdacht des Eigendopings besteht oder gar darüber hinaus der Beihilfe. Das wäre etwa der Fall, wenn ein Athlet Kollegen Doping vermittelt. Denkbar wäre, dass das Delikt strafrechtlich verjährt wäre (Frist: fünf Jahre), sportrechtlich allerdings noch zu ahnden wäre (Frist: zehn Jahre). Auf jeden Fall droht dem Skijäger im Ruhestand nun doch noch eine weitere Verfolgung.

Stand: 21.06.2019, 23:35

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