Nach ARD-Doku: Dopingverfahren gegen Thailands Star-Heberin Gulnoi

Thailands Olympia-Dritte Gulnoi berichtet in ARD-Doku über Doping

Drohender Verlust von WM-Titel und Olympia-Bronze

Nach ARD-Doku: Dopingverfahren gegen Thailands Star-Heberin Gulnoi

Von Nick Butler und Jörg Mebus

Vor einem Jahr redete sich die Olympiadritte Rattikan Gulnoi vor versteckten Kameras der ARD-Dopingredaktion um Kopf und Kragen. Nach ihrem unfreiwilligen Dopinggeständnis kommt nun wieder Bewegung in die Sache.

Ihr unfreiwilliges Dopinggeständnis vor versteckten ARD-Kameras schockierte sogar die abgebrühte Gewichtheber-Szene. Rattikan Gulnoi, thailändische Star-Heberin und Olympiadritte 2012 in London, plauderte über Kinderdoping in ihrem Heimatland, skrupellose Funktionäre und krasse Nebenwirkungen der unerlaubten Mittel – und sorgte für eine der erschütterndsten Passagen der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping – Der Herr der Heber". Der Film führte letztlich zum Sturz von Tamás Aján, dem Präsidenten des Gewichtheber-Weltverbandes IWF.

Zehn Monate nach der Ausstrahlung der Doku wird nach Informationen der ARD-Dopingredaktion nun Gulnoi der Prozess gemacht, die 27-Jährige muss sich einem Doping-Verfahren stellen. Vorausgegangen waren Ermittlungen der International Testing Agency (ITA), die vom Weltverband IWF beauftragte, unabhängige Anti-Doping-Institution.

Geheimsache Doping - der Herr der Heber Sportschau 18.04.2020 45:00 Min. Verfügbar bis 18.04.2021 Das Erste

Verdeckte Aufnahmen spielten entscheidende Rolle

Maßgeblich durch Arbeit von Journalisten ausgelöste Doping-Verfahren haben im Weltsport Seltenheitswert. Im November 2015 wurde die russische 800-m-Läuferin Marija Sawinowa, Olympiasiegerin von London 2012, lebenslang gesperrt, nachdem in der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht" knapp ein Jahr zuvor ein Handy-Video gezeigt worden war, in dem Sawinowa über Dopingpraktiken in Russland und ihren eigenen Missbrauch des anabolen Steroids Oxandrolon berichtet hatte. Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion spielten bei den Ermittlungen der ITA im Fall Gulnoi die versteckten Aufnahmen der ARD eine entscheidende Rolle. Auch ihr Blutpass soll Auffälligkeiten gezeigt haben.

Sollte sie schuldig gesprochen werden, verlöre Gulnoi unter anderem ihren WM-Titel von 2014 und ihre Bronzemedaille von London 2012. Dort hatte sie in der 58-kg-Klasse im Alter von nur 19 Jahren ursprünglich den vierten Platz belegt, erst nach der Disqualifikation der gedopten Ukrainerin Julija Kalina rückte sie auf den Bronzerang vor. Von einer möglichen Disqualifikation Gulnois würde die momentan viert- und ursprünglich sechstplatzierte Nordkoreanerin Jong Chun-Mi profitieren und auf den Bronzerang vorrücken.

"Ein Kiefer wie ein Mann"

"Ich war 18. Im Jahr 2011", hatte Gulnoi im vergangenen Jahr auf die Frage der Undercover-Reporter der ARD geantwortet, wann sie mit dem Dopen begonnen habe. Die versteckte Kamera nahm Aussagen auf, wie sie von einer olympischen Medaillengewinnerin noch nie öffentlich geworden sind. Sie habe Anabolika genommen, "damit mein Körper länger durchhält. Darum konnte ich so lange im Nationalteam starten." Der Thailänderin war vollkommen klar, was für einen Einfluss die Dopingmittel auf ihren Körper hatten – und sie nahm es in Kauf. Es habe Nebenwirkungen gegeben, "tiefere Stimme, Haarwuchs". Als sie die Dopingmittel nahm, habe sie "einen Kiefer wie ein Mann und einen Schnurrbart" gehabt.

Die Verantwortlichen im Verband hätten sich weder um ihre Gesundheit geschert, noch um die anderer Athletinnen und Athleten. "Die Sportler sollen nur Medaillen holen, schon die Jugendlichen." Die Jüngsten hätten bereits "mit 13, in nationalen Wettbewerben" angefangen zu dopen – Gulnoi berichtet damit über Kinderdoping in Thailand. Entscheidend beim Dopen, um nicht erwischt zu werden, sei laut Gulnoi das richtige Timing: "Der Boss und der Trainer haben alles genau geplant. Spritzen, pausieren, spritzen, pausieren – so läuft das."

Betreut wurde Gulnoi bei Olympia in London von Intarat Yodbangtoey. Heute ist er Vizepräsident der IWF.

Stand: 02.10.2020, 15:29

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