Verdacht der Dopingvertuschung

Meraf Bahta während der Leichtathletik-EM in Berlin 2018

Leichtathletik

Verdacht der Dopingvertuschung

Von Shea Westhoff

Die schwedische Läuferin Meraf Bahta ist in Schweden in erster Instanz ohne Strafe davongekommen. Ihr Fall hatte bei der Leichtathletik-EM in Berlin für einen Skandal gesorgt. Leidtragende des eigenwilligen schwedischen Wegs ist eine Deutsche.

Die Geschichte war von Anfang an verkorkst, und es will einfach nicht besser werden. Am 4. Januar entschied das schwedische Doping-Komitee, die Leichtathletin Meraf Bahta nicht für ihre Verstöße gegen die Anti-Doping-Regeln zu sanktionieren. Eine offizielle Begründung verweigern die Schweden allerdings nach wie vor. Die ganzen Umstände der Affäre signalisieren einmal mehr: Es könnte etwas faul sein im Staate Schweden.                                                            

Für Bahta war es ein guter Tag, ebenso für viele Menschen in Schweden: Dort ist die Lang- und Mittelstreckenläuferin ein Star und überaus beliebt, wurde im vergangenen Jahr nominiert zur Sportlerin des Jahres. Andernorts wundert man sich über den Freispruch. Vor allem auch in Deutschland: Bahtas Fall wurde vor Beginn der Leichtathletik-Europameisterschaft 2018 in Berlin publik. Schon damals hatte nicht der Verband alles öffentlich gemacht, sondern die schwedische Zeitung "Aftonbladet". Bahta holte Bronze über 10.000 Meter, knapp vor der Deutschen Alina Reh, die auf dem vierten Platz einlief. Obwohl die Schwedin womöglich gar nicht hätte starten dürfen.

Der Vorwurf lautete, dass Bahta im Zeitraum von zwölf Monaten zwei Dopingkontrollen versäumt hatte, dazu einmal gegen die Meldepflicht verstieß. Im Klartext: Dreimal wurden Kontrolleure binnen eines Jahres daran gehindert, Bahta auf verbotene Substanzen zu testen. Der letzte Verstoß ereignete sich im Mai 2018: Schon bei der EM wunderten sich Experten, warum sich die Schweden trotz der Eilbedürftigkeit - schließlich galt es, die Integrität des Wettbewerbs zu schützen – so viel Zeit ließen. Auffällig ist: Die Beschlussfassungen sind im Fall Bahta langwierig, und Transparenz über die zugrundeliegenden Argumente für die Entscheidungen fehlt bisher.

Einjährige Suspendierung Bahtas gefordert 

Sportrechtlich war Bahtas EM-Start ein zulässiger Vorgang: Bei meldepflichtigen Kontrollversäumnissen sei eine Suspendierung nicht zwingend, erklärte der deutsche NADA-Mann Lars Mortsiefer gegenüber der ARD-Dopingredaktion. Das zuständige Disziplinarorgan oder die Anti-Doping-Organisation müsse dann eben abwägen, was im Vordergrund steht: der Schutzbedarf des Wettbewerbs oder der des Athleten.

Meraf Bahta gewinnt Bronze bei Leichtathletik-EM 2018

Schon im Sommer heftig umstritten: Meraf Bahta feiert Gewinn der Bronzemedaille bei den Europameisterschaften 2018 in Berlin

„Nicht schuldig“, lautete das abschließende Urteil des Doping-Komitees zu Jahresbeginn – nachdem es fast zwei Monate Beweismaterial gewürdigt hatte. Das sei aber gar keine lange Zeitspanne, rechtfertigt sich der Vorsitzende des Komitees, Ake Thimfors: „Wir haben den Fall vorgelegt bekommen, dann musste jeder das Material durchsehen, wir mussten ein Meeting für alle Mitglieder des Komitees ausmachen und ein Urteil erarbeiten“, sagt er. Die Athletin soll ohne Strafe davonkommen.

Die schwedische Anti-Doping-Agentur „Dopingkommissionen“ hatte eine einjährige Suspendierung Bahtas gefordert. Nun legte die Kommission Berufung beim schwedischen Sportrat ein, der letzten Beschwerdekammer. Deren Urteil wird in den kommenden drei Wochen erwartet. In dieser Zeit darf sich laut Statuten des Sportdachverbands – in seiner Funktion ähnlich dem DOSB – keiner der Beteiligten zum Fall äußern, um sicherzustellen, dass die Sportlerin nicht vor dem Urteilsspruch Schaden nimmt.

Man könne der Öffentlichkeit schlicht keine Begründung für den Freispruch liefern, meint auch Thimfors: „Ich darf nichts über den Fall Meraf Bahta sagen, sonst würde ich mich über die Regeln des Verbands hinwegsetzen.“ Eine Begründung für den Freispruch werde es nur in einem Fall geben: wenn Bahta vor dem Sportrat verliert. Sollte sie aber auch diesen Prozess gewinnen, habe sie das Recht, weiterhin den Mantel des Schweigens über ihre drei Vergehen zu legen. Beim schwedischen Sportdachverband scheint niemanden zu stören, dass stoisches Schweigen manchmal wie Vertuschung wirkt. Wollen Schwedens Medaillenzähler nur um keinen Preis eine Medaille herausrücken?

Zweifel an der Unabhängigkeit

Mindestens ebenso fragwürdig wie das Stillschweigen wirken die Verzweigungen der Verbandsstruktur: Jede der im Fall Bahta operierenden Kammern ist Bestandteil des schwedischen Sportdachverbands – jener Vereinigung also, deren Sportler es ja zu kontrollieren gilt. So sitzt etwa die schwedische Anti-Doping-Agentur im selben Haus wie der Sportdachverband. Das urteilverkündende Doping-Komitee wiederum wird von Vertretern des Verbands gewählt.

Ake Andrén-Sandberg ist Vorsitzender der Anti-Doping-Agentur. Gegenüber der ARD-Dopingredaktion betont er die Unabhängigkeit der Kammern: „Unsere Kommission geht Dopingfällen nach, die Entscheidungen trifft das Doping-Komitee. Niemals wir.“

Schon seit rund zehn Jahren werde in Schweden regelmäßig die Frage aufgeworfen, wie unabhängig die Dopingbehörde sei. Also besuchten deren Mitarbeiter, so erzählt es Andrén-Sandberg, ihre Kollegen in Finnland, in Norwegen, demnächst auch Kollegen in Dänemark. Seine Erkenntnisse dieser Bildungsreisen fasst Andrén-Sandberg pragmatisch zusammen: „Vielleicht sind deren Institutionen anders organisiert, aber in Wahrheit gibt es da keinen Unterschied zu uns.“ Er wolle jedoch auch nicht behaupten, dass es perfekt laufe in Schweden.

Auch Andrén-Sandberg muss zu den konkreten Gründen schweigen, warum er und seine Anti-Doping-Agentur eine Bestrafung Bahtas für angebracht halten. Doch so viel lässt er sich anmerken: Er ist hin- und hergerissen. „Am vorliegenden Fall soll gezeigt werden, dass jeder Sportler Regeln zu befolgen hat“, sagt er. Auf der anderen Seite, zum Wohle der Athletin Bahta, wünsche er sich ihren Freispruch.

Stand: 04.02.2019, 14:27

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