Johannes Dürr im Interview: Betrug bis zuletzt

Johannes Dürr im Exklusiv-Interview mit der ARD-Dopingredaktion

Exklusivinterview

Johannes Dürr im Interview: Betrug bis zuletzt

Das komplette Interview der ARD-Dopingredaktion mit Johannes Dürr, geführt am 6. März in Sent in der Schweiz (für die Schriftform redaktionell bearbeitet).
Die Fragen stellten Hajo Seppelt, Jörg Winterfeldt und Jörg Mebus

ARD-Dopingredaktion: „Herr Dürr, Sie haben in dieser Woche eine Aussage vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt. Was war der Kern der Aussage?“

Johannes Dürr: „Der Kern war, dass ich weiter gedopt habe.“

„Können Sie etwas mehr ins Detail gehen?“

„2014 bin ich durch den positiven Dopingtest kurz vor meiner Blütezeit aus dem Leistungssport herausgerissen worden, damit konnte ich nicht umgehen. Nach meiner Sperre wollte ich noch mal zeigen, was in mir steckt, deshalb habe ich mir nach 2014 wieder Blut abnehmen lassen.“

„Haben sie damals geglaubt, dass es ohne Doping nicht geht?“

„Ich war überzeugt davon, dass es ohne Doping nicht gehen kann.“

„Was haben Sie damals konkret gemacht?“

„Ich habe mir weiterhin von Mark Schmidt Blut abnehmen lassen, als Vorrat für die Zeit nach der Dopingsperre. Das Blut lagerte in einem Kühlschrank in Erfurt. Das ging so weit, dass Mark Schmidt sich zurückziehen wollte und ich mit ihm diskutiert habe, es selbst weiterzumachen, den Kühlschrank zu besorgen, der dann aber in Erfurt gelandet ist.“

„Sie haben überlegt, das Geschäft selbst zu übernehmen?“

„Genau, weil ich davon überzeugt war, dass es ohne Doping nicht geht. Und wenn Mark es jetzt nicht an mich, sondern an jemand anderen übergibt, habe ich keinen Zugang mehr.“

„Und das passierte 2015?“

„Der Punkt, wo ich dann für mich gesagt habe, Aus, Schluss, der war, als Harald Wurm (Langlauf-Kollege von Dürr, der wegen Dopings eine Vierjahressperre erhielt, d. Red.) seinen positiven Dopingtest hatte. Da war die Angst zu groß, ich wollte mit dem Ganzen nichts mehr zu tun haben. Ich bin da bestimmt auch ein bisschen vom Leistungssport weggekommen, ich steckte nicht mehr bis zum Kopf im Sumpf, sondern nur noch bis zur Hüfte. Ich wollte mich dann weiter Stück für Stück herausziehen und den Leistungssport einfach bleiben lassen.“

„Der Fall Harald Wurm hat Sie zum Umdenken bewegt?“

„Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es so nicht weitergehen kann und weitergehen darf. Ich war ja in einer Phase, in der ich versucht habe, mein Leben neu aufzubauen. Und dann parallel dazu weiter dieses Lügenkonstrukt? Dieser Knall war da einfach zu groß, da habe ich gesagt, so kann es nicht weitergehen.“   

„Wenn Sie 2015 sagen, das war für Sie einen Knall, aber die Ermittlungsergebnisse der österreichischen Polizei besagen, dass Sie 2016 mit Max Hauke und Dominik Baldauf Kontakt hatten. Da ging es um die Aussage, so der Vorwurf, dass Sie ihre beiden Langlaufkollegen nach Erfurt vermittelt haben. Wie passt das zusammen?“

„Das war für mich nicht ‚Buch zu, Kapitel zu, fertig‘. Es war ein Prozess, denn ich in Angriff genommen habe. Ob in diesen Gesprächen der Name Mark Schmidt gefallen ist, weiß ich nicht mehr, ich glaube eher nicht. Es waren eher Gespräche, in denen ich meine ganz ehrliche Meinung zum Leistungssport dargelegt habe.“

„Baldauf und Hauke sagen, der Name Schmidt sei gefallen…“

„Ich kann mich an keine Situation erinnern, dass ich ihnen gegenüber einen Namen genannt habe, an eine Kontaktdatenweitergabe schon gar nicht.“

„Was war der Beweggrund dafür, dass Sie wieder zurück in den Sport wollten, wenn Sie eigentlich wissen, was da abläuft?“

„Ich wollte nicht zurück an die Weltspitze, wie es noch 2014 mein Ziel war. Ich wollte einen Startplatz in der österreichischen Staffel ergattern. Das war meiner Meinung nach auch ohne Doping möglich. Das wollte ich in meinem Projekt auch zeigen. Ich habe aber auch eine Stimme in mir gehört, der ich zu wenig vertraut habe, die mir schon gesagt hat, dass möglicherweise die Gefahr besteht, in alte Muster zurückzufallen.“

„2018 gab es das Projekt ‚zurück in den Sport‘, es gab das angesprochene Buchprojekt mit Ihrem Co-Autor Martin Prinz – hat Herr Prinz eigentlich gewusst, dass Sie später wieder gedopt haben?“

„Der Martin hat nichts gewusst, niemand hat etwas gewusst. Nachdem die Vernehmung (bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck am Dienstag, 5. März, d. Red.) beendet war, war für mich der erste Weg nach Hause zu meiner Freundin, und ich habe ihr sagen müssen, was ich gemacht habe.“

„Sie wusste auch nichts?“

„Sie wusste genauso nichts wie irgendjemand sonst. Jetzt sind natürlich viele Trümmer da, andererseits ist da aber auch eine große Erleichterung. Ich bin froh, dass ich raus bin. Ich war schon eigentlich froh, dass ich es gar nicht bis zur WM geschafft habe. Aber das war ja nur der halbe Schlussstrich, weil die Lüge nach wie vor da war. Als ich den Haftbefehl auf dem Tisch liegen sah, war ich tatsächlich froh. “

„Was ist im Jahr 2018 ganz konkret passiert?“

„Das Projekt mit dem Ziel WM-Teilnahme in Seefeld ist entstanden. Für mich war ganz klar, dass ich den Weg nur sauber machen möchte. Wir haben das Crowdfunding ins Leben gerufen, bei uns im Team ist eine große Euphorie ausgebrochen. Diese Welle ist weitergegangen. Ich war aber auch skeptisch, weil ich die Gefahr immer gespürt habe.“

„Wie ein Alkoholiker, der Angst hat, rückfällig zu werden?“

„Ja, es ist ja eine Art - ich weiß nicht, wie man es beschreiben soll: Krankheit? Sucht? Ich habe im Spitzensport die Wahrheit gesehen. Ich habe die Gefahr unterschätzt.“

„Wieviel Geld haben Sie in dem Crowdfundig-Projekt gesammelt?“

„Etwa 39.000 Euro.“

„Haben diese Leute nicht geglaubt, dass sie ein Projekt unterstützen, in dem es um sauberen Sport geht?“

„Ich weiß nicht, welche Intention die Leute hatten. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Leute mich unterstützten, weil sie einfach Leistung sehen wollten. Meine Intention war zu diesem Zeitpunkt ganz klar, dass das Projekt sauber und ohne Doping abläuft.“

„Das war dann nicht der Fall. Was ist in Bezug auf Mark Schmidt in dieser Zeit dann passiert?“

„Mark Schmidt war 2015 nicht mehr in meinem Leben, keine Handynummern, keine Kontaktdaten, nichts mehr. Plötzlich, Mitte Juni, kommt ein Anruf, deutsche Nummer, da war es der Mark. Er sagte, ‚Geld kann ich dir keines geben, aber ich unterstütze Dich bei deinem Projekt auf meine Art und Weise.‘“

„Das heißt, Sie haben von ihm wieder Blutbehandlungen angeboten bekommen?“

„Es war eine Art Erinnerung, dass das Depot von mir noch vorhanden ist. Ich habe dafür nichts bezahlen müssen. Trotzdem habe ich im ersten Moment nicht ja sagen können. Ich hatte geglaubt, ich bin schon fast draußen aus dem Sumpf. Aber ich steckte noch bis zu den Knöcheln drin. Bei seinem nächsten Anruf, als er mich noch mal daran erinnert hat, da bin ich schwach geworden.“

„Das war auch die Zeit, in der wir zuerst Kontakt hatten. Da ging es um das Filmprojekt ‚Die Gier nach Gold‘, eine Dokumentation, die die Zeit abbilden sollte von Johannes Dürr als Kind bis zu dem Dopingfall 2014, wie man in diese Dopingfalle gerät. Sie sprechen mit uns über dieses Projekt, um auch vor den Gefahren des Dopings zu warnen, zeitgleich gibt es diesen Anruf von Herrn Schmidt, und sie tappen erneut in die Dopingfalle…“

„Ich habe das in diesem Moment ausgeblendet. Da waren zwei Persönlichkeiten in mir. Nicht schizophren, aber da war der Leistungssportler Johannes und der Mensch Johannes. Und der Johannes als Mensch hat ganz klar gesagt, das ist ein Blödsinn, ein Scheiß, das darf man nicht machen, davor muss man andere warnen. Ich hab es am eigenen Leib erfahren, wie es an einem nagt, diese zweite Welt, die parallel im Dunklen verläuft, die sich mit der anderen nicht berühren darf. Auf der anderen Seite ist der Leistungssportler Johannes Dürr, der sagt: ‚Das gehört dazu. Wenn du Leistungen bringen willst, dann musst du es machen.‘“

„Wir haben mit Ihnen stundenlang Interviews geführt und Sie gefragt: ‚Sind Sie ein ehrlicher Mensch?‘ Sie haben sinngemäß gesagt, Sie seien ein ehrlicher Mensch. Was ist da in Ihnen vorgegangen, die erste Behandlung mit einem Blutbeutel aus dem Depot hat bereits stattgefunden…“

„Sie haben die Frage richtig formuliert: ‚der Mensch‘… Als Mensch versuche ich jeden Tag so ehrlich zu sein, wie ich nur sein kann. Auf der anderen Seite steht aber dieser Leistungssportler Johannes, der das einfach ausblendet.“

„Können Sie verstehen, dass es Menschen gibt, die sich, um es deutlich zu sagen, von Ihnen verarscht fühlen?“

„Natürlich verstehe ich’s. Ich kann jeden verstehen. Da waren so viele Leute, die an mich geglaubt haben, und ich spreche da nicht nur von Familie und Freunden. Auch wildfremde Leute waren begeistert von einer guten Idee. Ich verstehe mich ja selbst nicht. Da kämpft der Mensch Johannes gegen den Leistungssportler, die kämpfen die ganze Zeit. Der eine sagt, das ist nicht richtig, der andere sagt, das muss aber so sein. Es ist ein ständiges Reißen und Kämpfen darum, das Richtige zu tun. Leider habe ich den Kampf verloren.“

„Sportbetrug ist strafrechtlich relevant in Österreich, es gibt ein Gesetz in Österreich. Wie sind die Fakten? Was ist konkret wo passiert 2018?“

„ Es gab nur noch Blutrückführungen aus dem alten Depot von 2014, 2015. Die erste Rückführung gab es, ich weiß den Zeitpunkt nicht mehr genau, irgendwann im August in Irschenberg.“

„An der Autobahnraststätte?“

„Genau, an demselben Rasthof wie immer.“

„Wer war dabei?“

„Bei dieser Behandlung war Mark Schmidt anwesend.“

„Der kam dann mit dem Auto, oder wie lief das?“

„Genau. Er ist mit dem Auto gekommen, ich bin mit dem Auto gekommen. Dann war ein Hotelzimmer von ihm vorbereitet, da ist die Behandlung abgewickelt worden, und unsere Wege haben sich wieder getrennt. Die Idee dahinter war einfach, härter trainieren zu können.“

„Hat das geholfen?“

„Das kann ich nicht beurteilen. Was die Leistungen so gezeigt haben, das war ziemlich schlecht. Ich weiß nicht, ob es geholfen hat oder nicht, das spielt auch keine Rolle. Ich habe es gemacht, und das ist der Punkt.“

„Und danach?“

„Mitte Oktober gab es mit einer Kollegin von Mark eine Blutrückführung.“

„War das eine Krankenschwester?“

„Das weiß ich nicht genau, was sie für einen Beruf hat.“

„War das dieselbe Person, die Max Hauke in Seefeld das Blut reinfundiert hat?“

„Das weiß ich nicht. Aber sie war jedenfalls auf den Beweisfotos drauf, und auf diesen Fotos habe ich sie erkannt. Den Namen habe ich nicht gewusst.“

„Das heißt, sie trafen diese Frau, wussten aber ihren Namen nicht?“

„Ja, genau. Mir wurde gesagt, sie sei eine Kollegin.“

„Und das war wie und wo?“

„Das war im Trainingslager in der Ramsau, auf einem Parkplatz in Pichl bei Schladming haben wir uns getroffen und im Auto das Blut zurückgeführt.“

„Sie sagen so etwa Mitte Oktober 2018.“

„Ja, genau.“

„Und dann gab es noch weitere Behandlungen?“

„Es gab noch eine weitere Behandlung bei einem Wettkampf in Campra in der Schweiz. Da ging das so, wie man es jetzt in Seefeld gesehen hat: Kurz vor dem Wettkampf das Blut rein und unmittelbar nach dem Wettkampf das Blut wieder raus.“

„Und wo war das?“

„Das war bei uns im Apartment im Hotel. Der Servicemann war bereits an der Strecke, hat die Ski getestet und gewachst, zu der Zeit waren wir im Apartment.“

„Und wer war da die Person, die das gemacht hat?“

„Die Person ist auch nur als ‚Kollege‘ bekannt. Ich kannte sie nicht.“

„Ist Ihnen von der Person bei der polizeilichen Vernehmung auch ein Foto vorgelegt worden?“

„Bei den Fotos war ich mir nicht ganz sicher, ich habe nur drei Personen ausschließen können.“

„Waren die Behandlungen der am Anfang von Schmidt angedeutete Freundschaftsdienst, oder haben sie im Endeffekt dann doch Geld gekostet?“

„Nein, ich habe für alle Behandlungen und die ganze Organisation keinen Cent bezahlt, gar nichts.“

„In dieser Zeit liefen das Buchprojekt und die Dreharbeiten für die ARD. Sie erinnern sich, dass es da Zweifel unsererseits gab, ob Sie uns ganz die Wahrheit gesagt haben, das war im Oktober. Sie hatten zudem eine einstweilige Verfügung erhalten vom Österreichischen Skiverband, weil Sie öffentlich gesagt hatten, dass der ÖSV beim Dopen wegschauen würde und eigentlich Bescheid wissen müsste. Dann haben Sie in dieser Situation, in der Sie offenkundig unter Druck standen, irgendwann eingeräumt, dass Sie Blutdoping auch in Deutschland betrieben haben, in Irschenberg. Können Sie uns das erklären: Wir fahren nach Irschenberg und drehen dort mit Ihnen an der Autobahnraststätte, Sie zeigen uns alles – und haben es ein paar Wochen zuvor dort selbst noch gemacht. Wäre da nicht der Zeitpunkt gewesen zu sagen: ‚Stopp, ich kann nicht mehr, ich kann das einfach nicht mehr mit mir vereinbaren?‘“

„Dieser Zeitpunkt wäre schon vor der ersten Behandlung gewesen, aber ich gebe Ihnen völlig recht: Das hätte ich in meinem Kopf realisieren müssen, dass der Leistungssportler Johannes diesen Kampf aufgibt und endgültig verliert. Und dieser Prozess, das alles steckte so tief in mir drin, da ging nichts von heute auf morgen. Ich habe diesen Prozess schon 2015 in Angriff genommen, aber ich hatte es noch nicht ganz geschafft.“

„Mark Schmidt war in diesem Prozess eine entscheidende Person. Wie würden Sie ihn charakterisieren?“

„Er ist ein umgänglicher, entspannter Kerl. Er war offen, vertrauenserweckend. Das war ein Punkt, der noch dazu gekommen ist: Ich hatte nie das Gefühl, der will mir was Böses.“

„Wenn man das mit dem Fall Fuentes vor zwölf Jahren vergleicht, gibt es Parallelen. Beispielsweise trugen alle Blutbeutel Tarnnamen. Wie lautete Ihrer?“

„Mein Tarnname war Lucky Luke.“

„Warum?“

„Das war das Erstbeste, was mir eingefallen ist. Das hat keinen bestimmten Grund gehabt.“

„Als Sie 2015 die Diskussion hatten, das Geschäft von Mark Schmidt zu übernehmen – wie ist das damals abgelaufen? Was hat dazu geführt, dass Sie es nicht übernommen haben? Was hat dazu geführt, dass er letztlich doch weitergemacht hat? Und warum wollte er das Geschäft überhaupt abgeben?“

„Er hat gesagt, er ist müde und hat es lange genug gemacht. Er will sich quasi zurückziehen. Bei mir war das einfach ein letzter Strohhalm, um eine Chance auf Topleistungen im Hochleistungssport zu wahren. Denn wenn das ganze Depot weg ist – das wollte ich halt vermeiden.“

„All das, was Sie in der ARD-Dokumentation und später Staatsanwälten und Polizisten gesagt haben, hat ja zu dieser unglaublichen Welle der letzten Tage geführt: Ermittlungen, Razzien, Festnahmen von Leuten. All das basierte auf Ihren Aussagen, die ja offenkundig wahr gewesen sind. Aber einen Teil der Wahrheit haben sie halt nicht erzählt. Wie ist das Gefühl für Sie, dass Sie diese Welle ausgelöst haben?“

„2014 habe ich den Tisch nicht reingemacht. Das habe ich jetzt machen können. Jetzt bin ich einfach froh über den Schlussstrich und darüber, dass ich mich ab heute in ein neues Leben begeben kann. Das wird sicherlich noch ganz lange Zeit schwer. Ich bin so vielen Leuten so wahnsinnig dankbar, dass sie nach wie vor zu mir stehen.“

„Es gibt aber natürlich auch sehr viel Kritik. Es wird Menschen geben, die sich von Ihnen abwenden, weil sie von ihnen enttäuscht sind. Wie gehen Sie damit um?“

„Ich kann da jeden verstehen. Wenn meine Freundin gesagt hätte‚ mit Dir will ich nichts mehr zu tun haben‘, ganz ehrlich: Ich hätte es verstehen können. Ich kann jeden verstehen. Ich stehe ja selber da und will nichts mit mir zu tun haben in diesem Moment, aber ich habe es einfach gemacht. Jetzt bin ich einfach froh, dass es raus ist, dass endlich die Wahrheit raus ist. Dass ich den Leistungssport zurücklassen kann und mich in die Zukunft begeben kann, wie auch immer die ausschaut. Aber ich kann mich endlich dorthin begeben, ohne dass mich meine Vergangenheit geißelt und mich in irgendeiner Gefangenschaft hält.“

„Können Sie garantieren, dass das, was Sie jetzt gesagt haben, auch wirklich die vollständige Wahrheit ist? Sie werden verstehen, dass manchen Menschen jetzt sagen: ‚möglicherweise kommt demnächst doch noch was raus, und dann hat er wieder nicht alles erzählt.‘ Deshalb frage ich Sie jetzt noch mal: Ist das jetzt alles, was Ihre persönliche Beteiligung an strafrechlich relevanten Dingen betrifft, was Doping betrifft, was Vermittlung an Dritte betrifft, oder gibt es da noch was?“

„Das war jetzt wirklich alles. Ich habe gestern fünf Stunden in der Vernehmung gesessen, und ich habe versucht, mich so detailgenau wie möglich zu erinnern, was passiert ist. Die Ereignisse hatten sich ja doch überschlagen, und ich wollte nicht, dass da was durcheinanderkommt. Und jetzt bin ich einfach nur noch froh, dass alles raus ist.“

„Haben Sie jemals den Kontakt von Mark Schmidt an jemanden weitergegeben?“

„Nein, nie.“

„Der geständige Radprofi Georg Preidler hatte gesagt, er sei ausgesucht worden – haben Sie so etwas mal mitbekommen, dass Sportler aktiv von Mark Schmidt und seinem Netzwerk angesprochen worden sind?“

„So direkt eigentlich nicht. In dem Umfeld, in dem ich mich bewegt habe, war das zwar täglich Thema, aber es war nicht Aussuchen in dem Sinn. Die letzte Entscheidung kommt immer vom Athleten. Auch ich habe mich selbst entschieden, mich hat niemand gezwungen. Aber Gespräche hat es zu meiner Zeit vor Sotschi 2014 schon gegeben.“

„Haben Sie gewusst, dass Max Hauke dopt?“

„Ja, das habe ich gewusst.“

„Seit wann?“

„Das kann ich nicht genau sagen.“

„Und wenn Sie sagen, Sie haben ihm den Kontakt zu Schmidt nicht verschafft, wie, denken Sie, ist er an Mark Schmidt geraten?“

„Es hat ja noch andere gegeben, die im Team waren, die Kontakt zu ihm hatten.“

„Hätten Sie weitergemacht mit dem Doping, wenn es den ARD-Film nicht gegeben hätte?“

„Ich kann die Frage nicht beantworten. Ich weiß es nicht. Es war sicher ein großer Teil, der mir in dem Prozess unterstützend zur Seite stand, weil mir auch klar war: Das geht in die richtige Richtung. Und deswegen war bei mir auch Mitte Dezember die Entscheidung da: Jetzt ist Schluss! Jetzt ist Schluss! Ich schaff das nicht mehr, ich schaff das nicht mehr! Die zwei Welten nebeneinander, das geht sich nicht mehr aus. Das hat sicher einen großen Einfluss gehabt, die ganze Auseinandersetzung in dem Projekt, das hat mir alles viel klarer vor Augen geführt. Es hat sich immer mehr in dem Vordergrund gedrängt, bis ich es endlich akzeptiert habe.“    

„Glauben Sie, dass dieser Fall Seefeld/Erfurt das Potenzial hat, diesen Sumpf trocken zu legen?“

„Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Dazu ist der Bedarf viel zu hoch. Ich glaube nicht, dass wir die einzigen waren, die das auf der Welt gemacht haben. So etwas wird es immer geben. Das war auch meine große Intention, mein großer Wunsch, mit dem Film auch Präventionsarbeit zu machen. Natürlich ist es ein Schritt, dass man da was aufdeckt und was stilllegt. Aber dem wirklich beikommen, das geht nur, wenn es sich im Hirn der Athleten einpflanzt.“

„Was muss man denn machen, dass es sich da einpflanzt?“

„Reden, reden, reden. Ganz klar drüber reden. Bei mir hat das viel zu lange gedauert, viel zu lange.“

„Es gibt ja Leute, die behaupten, Sie seien ein Einzeltäter, ein schwarzes Schaf. Da gibt es den Begriff Täter und den Begriff Opfer. Wo würden Sie sich einordnen?“

„Ich bin ganz sicher nicht Opfer. Ich bin definitiv einfach Täter, von dem System, das mich nicht losgelassen hat. In dem ich noch ein Teil dringesteckt bin. Und ich konnte mich nicht rausziehen, noch nicht mal rausziehen lassen. Es waren ja so viele Leute, die mich darauf angesprochen haben. Ich habe mich aber einfach nicht rausziehen lassen, ich weiß nicht warum. Ich kann’s nicht sagen. Ich habe das so von mir weggedrängt, dass, wenn ich diese Gedanken zugelassen hätte, dann wäre es viel früher zusammengebrochen, und ich hätte es bleiben lassen. Aber irgendwie war da immer der Leistungssportler, der Ergebnisse bringen wollte, der es allen zeigen wollte, dass er doch ein gar nicht so schlechter Langläufer ist, und der hat fürs Erste gesiegt.“

„Sie haben gesagt, Sie hängen an dem Sport. Was machen Sie jetzt?“

„Zwischen Langlauf und Hochleistungssport ist ein riesiger Unterschied. Sport ist was ganz Tolles, ich würde das am liebsten täglich machen. Ich kann das nur jedem empfehlen. Ich bin jetzt nur noch ehrlich froh, dass es für mich mit dem Hochleistungssport zu Ende ist und ich ein normales Leben ohne die ganzen Doppelbödigkeiten, falschen Wahrheiten und Verstricktheiten führen kann. Ich bin einfach nur froh.“

„Das heißt, Ihre Karriere ist beendet?“

„Sportlich habe ich meinen Schlussstrich schon nach dem letzten Europacup zwei Wochen vor der WM gezogen, als feststand, dass die Leistungen nicht für eine WM-Teilnahme reichen. Da war ich froh, das war ein sportlicher Schlussstrich. Aber zu meinem früheren Leben hat leider auch das Doping dazugehört, und das hat mich nach wie vor begleitet. Und als das dann aufgeploppt ist (mit der Razzia in Seefeld, d. Red.), war da einfach nur noch Angst, Angst, Angst. Zu dem Zeitpunkt ist Paranoia entstanden, Verfolgungswahn. Aber insgesamt habe ich nur darauf gewartet.“

„Was haben Sie noch gedacht?“

„Ich dachte, das kann einfach nicht wahr sein. Ich konnte es nicht glauben. Ich habe versucht, es einzuordnen, aber ich habe es nicht einordnen können. Es war dann so groß, es ist ständig irgendwas Neues rausgekommen. Das war einfach viel zu groß. Ich habe das nicht verarbeiten können, bis heute nicht. Dann ist noch dazugekommen, dass ja noch eine Leiche im Keller habe, und ich wusste nicht: Kommt es jetzt, oder kommt es nicht?“

„Wann haben Sie gemerkt, dass die Welle, die Sie selbst losgetreten haben, Sie wegspült?“

„Gemerkt habe ich es gar nicht. Ich habe den Gedanken gar nicht zugelassen. Ich habe versucht, ihn fernzuhalten. Ich habe aber schon gehofft, dass die Welle mich wegspült, denn ich habe es nicht mehr ausgehalten, einfach nicht mehr ausgehalten: nicht zu wissen, was jetzt passiert.“

„Was haben Sie gedacht, als Sie das Internetvideo gesehen haben von dem Zeitpunkt, als Max Hauke mit der Blutkanüle im Arm erwischt wurde?“

„Ich habe gedacht: Wie kann man einen Menschen nur so diskreditieren? Wie kann man einen Menschen in so einer Situation zeigen? Was er, was wir alle gemacht haben, ist schon schlimm genug. Dass man das dann noch so zur Schau stellt… Er (der Ermittler, der das Video ins Netz gestellt hat, d. Red.) hat es weitergegeben. Ich hoffe, dass er, der quasi Gute, der Vertreter des Rechtsstaates Österreich… Dass der so einen Gesetzesbruch begeht und einen Menschen ewig damit in Verbindung bringen wird. Das haben Hunderttausende Leute gesehen!“

„Kann das nicht auch eine positive Auswirkung auf andere Sportler haben?“

„Ich weiß nicht. Das Bild mit den Schläuchen, das kenne ich. Was mich betroffen gemacht hat, war seine Leere im Gesicht und seine absolute Verzweiflung. Die waren wahrscheinlich genau wie ich im Tunnel und haben alles andere ausgeblendet.“

„Max Hauke hat unmittelbar nach dem ARD-Film „Die Gier nach Gold“ gesagt, das alles sei ganz weit von ihm weg - er hat eiskalt in die Kamera gelogen. Ist das das Ausblenden, was Sie meinen?“

„Das ist ein Teil vom Ausblenden. Denken Sie einfach an unser gemeinsames Projekt, was ich da alles gesagt habe. Das sind zwei Persönlichkeiten in einer. Und wenn ich da sitze, und das sage, dann kommt das aus tiefstem Herzen. Aber da gibt es halt auch noch einen anderen, der da sitzt.“

„Sie sind beim Zoll angestellt. Hat der Arbeitgeber schon Konsequenzen gezogen?“

„Ich bin erst mal freigestellt. Ich muss jetzt erst mal schauen. Es gibt viele Dinge, die bereinigt werden müssen. Aber das werde ich nicht alles an einem Tag schaffen. Ich muss Schritt für Schritt schauen, es geht nach vorne! Das Leben geht weiter und hat hoffentlich noch viele schöne Dinge zu bieten, aber jetzt muss ich mich erst mal mit den schlechten Dingen auseinandersetzen und sie vollständig abarbeiten.“

„Rechnen Sie damit, dass Ihr Arbeitgeber Sie entlassen wird?“

„Ich kann es nicht einschätzen. Ich habe noch mit niemandem gesprochen. Man muss schauen, ob wir eine Lösung finden können oder ob es keine gibt. In beiden Fällen geht das Leben weiter, und ich muss irgendwie in die Zukunft schauen.“

„Was machen Sie, wenn es keine Zukunft beim Zoll gibt? Haben Sie schon darüber nachgedacht?“

„Nicht wirklich konkret. Ich würde schon gerne bleiben, es gefällt mir gut. Aber das muss man im Privaten klären, das ist jetzt nicht der Rahmen. Gestern um Mitternacht bin ich nach Hause gekommen, es ist nicht mal ein Tag vergangen. Ich habe erst mal so viele Menschen angerufen, wie ich konnte, von denen ich die Telefonnummer hatte (Dürrs Handy war zum Zeitpunkt des Interviews noch konfisziert, d. Red.), damit sie das alles nicht aus der Zeitung erfahren. Ich wollte mich bei allen entschuldigen, aus tiefstem Herzen, so fest ich nur kann. Das betrifft nicht nur Familie und Freunde, sondern alle, die so viel investiert haben an Energie, die sich eingebracht haben in Diskussionen, die für mich eingestanden sind, die sich gegen Vorwürfe gewehrt haben, oder die einfach da waren.“

„Was haben Ihre Eltern gesagt?“

„Meine Mutter hat das wohl irgendwie gespürt, sie war recht gefasst. Meinen Papa habe ich jetzt noch nicht erreicht.“

Stand: 07.03.2019, 15:23

Darstellung: