Johannes Dürr: "Da waren zwei Persönlichkeiten in mir"

Hat bis zuletzt Blutdoping betrieben: Johannes Dürr.

Das zweite Doping-Geständnis

Johannes Dürr: "Da waren zwei Persönlichkeiten in mir"

Von Hajo Seppelt, Jörg Mebus, Josef Opfermann und Jörg Winterfeldt

Der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr schildert in einem Interview mit der ARD-Dopingredaktion detailliert die Fakten zu seinen Dopingvergehen. Er geht außerdem ausführlich auf Gründe und Begleitumstände seines Tuns ein. Es ist das Protokoll eines Erklärungsversuchs.

Der Skilangläufer Johannes Dürr hat sich in einem zweiten Doping-Geständnis gegenüber der ARD-Dopingredaktion als zwiegespaltene Persönlichkeit dargestellt.

"Da kämpft der Mensch Johannes gegen den Leistungssportler, die kämpfen die ganze Zeit. Der eine sagt, das ist nicht richtig, der andere sagt, das muss aber so sein. Es ist ein ständiges Reißen und Kämpfen darum, das Richtige zu tun. Leider habe ich den Kampf verloren", sagte Dürr.

"Nochmal zeigen, was in mir steckt"

In Sent, dem Schweizer Urlaubsdomizil seines deutschen Rechtsanwalts Michael Lehner, berichtete der Österreicher am Mittwochabend, wie es zu seiner Verhaftung am Vortag gekommen war und wie er alle Welt ein zweites Mal nach seiner positiven Probe auf EPO bei den Olympischen Spielen 2014 betrogen hat. "2014 bin ich durch den positiven Dopingtest kurz vor meiner Blütezeit aus dem Leistungssport herausgerissen worden, damit konnte ich nicht umgehen", sagte Dürr der ARD-Dopingredaktion: "Nach meiner Sperre wollte ich noch mal zeigen, was in mir steckt, deshalb habe ich mir nach 2014 wieder Blut abnehmen lassen."

Johannes Dürr über seine neuerlichen Dopinglügen Sportschau 07.03.2019 51:33 Min. Verfügbar bis 07.03.2020 Das Erste

Ein sichtlich mitgenommener Dürr müht sich, das Unerklärliche zu erklären: wie er ein Betrüger-Netzwerk um den vorige Woche in Erfurt festgenommenen Mediziner Mark Schmidt auffliegen lassen konnte, obwohl er ihm selbst weiterhin angehörte. Und wie er vollumfänglich über die Hintermänner bei der Polizei auspacken konnte, um dennoch später von deren Razzien und seiner Verhaftung völlig überrascht zu sein.

"Ich dachte, das kann einfach nicht wahr sein. Ich konnte es nicht glauben. Ich habe versucht, es einzuordnen, aber ich habe es nicht einordnen können", sagte Dürr. Alles sei einfach "viel zu groß" gewesen. "Ich habe das nicht verarbeiten können, bis heute nicht. Dann ist noch dazugekommen, dass ich ja noch eine Leiche im Keller habe, und ich wusste nicht: Kommt es jetzt, oder kommt es nicht?"

Neue Blutkonserven deponiert

Dürr räumt in dem Interview ein, sich schon während seiner 2014 verhängten Sperre sehr speziell auf sein Comeback vorbereitet zu haben: Bereits 2015 deponierte er neue Blutkonserven in Erfurt. Das ging problemlos, weil er nach seiner Überführung den Fahndern nichts von Blutdoping berichtet hatte. Und nicht nur das: Als der blutdopende Mediziner Schmidt ihm damals angekündigt habe, aussteigen zu wollen, erwog Dürr ernsthaft, die Geschäfte selbst zu übernehmen. "Ich war davon überzeugt, dass es ohne Doping nicht geht. Und wenn Mark es jetzt nicht an mich, sondern an jemand anderen übergibt, habe ich keinen Zugang mehr."

Die Überlegungen waren sehr konkret. "Das ging so weit, dass Mark Schmidt sich zurückziehen wollte und ich mit ihm diskutiert habe, es selbst weiterzumachen, den Kühlschrank zu besorgen, der dann aber in Erfurt gelandet ist." Es war in erster Linie der Umstand, dass Dürrs Freund Harald Wurm dann wegen Dopings aufflog, der die Umsetzung des Vorhabens verhinderte. "Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es so nicht weitergehen kann und weitergehen darf. Ich war ja in einer Phase, in der ich versucht habe, mein Leben neu aufzubauen", sagte Dürr, "und dann parallel dazu weiter dieses Lügenkonstrukt? Dieser Knall war da einfach zu groß, da habe ich gesagt, so kann es nicht weitergehen." Und trotzdem begann er drei Jahre später wieder damit.

Hajo Seppelt: "Wir wollten ein weiteres Interview" Sportschau 07.03.2019 01:06 Min. Verfügbar bis 07.03.2020 Das Erste

Anruf im Sommer 2018

Dürr erklärte, sein Entschluss zu dopen sei erst durch Schmidt wieder in ihm geweckt worden. Der Erfurter habe ihn nach drei Jahren im Sommer 2018 erstmals wieder angerufen und ihm statt finanzieller Unterstützung angeboten, das bei ihm lagernde Blut von Dürr kostenlos wieder zurückzuführen. Da sei er schwach geworden. "Plötzlich, Mitte Juni, kommt ein Anruf, deutsche Nummer, da war es der Mark. Er sagte, ‚Geld kann ich dir keines geben, aber ich unterstütze dich bei deinem Projekt auf meine Art und Weise‘", berichtete Dürr, "es war eine Art Erinnerung, dass das Depot von mir noch vorhanden ist. Ich habe dafür nichts bezahlen müssen. Trotzdem habe ich im ersten Moment nicht ja sagen können. Ich hatte geglaubt, ich bin schon fast draußen aus dem Sumpf. Aber ich steckte noch bis zu den Knöcheln drin. Bei seinem nächsten Anruf, wo er mich noch mal daran erinnert hat, da bin ich schwach geworden."

Am Ende wurde Dürr von der Helferin Schmidts enttarnt, die er selbst hatte auffliegen lassen. Sie war vorige Woche bei einer Razzia in Seefeld festgenommen worden, als sie Athleten Eigenblut reinfundierte. Sie hatte auch Dürr im vergangenen Oktober mit Eigenblut versorgt.

Stand: 07.03.2019, 14:44

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