„Stimmen Dürrs Aussagen, hat der Leistungssport ein Problem“

Doping im Langlauf

„Stimmen Dürrs Aussagen, hat der Leistungssport ein Problem“

Von Mathias Liebing

Prof. Dr. Oliver Stoll ist Teil des Leistungssportsystems. Als Sportpsychologe begleitete der 55-jährige die deutschen Wasserspringer zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking und betreut aktuell einen deutschen Wintersportler. Johannes Dürrs Aussagen über systematisches Doping lassen ihn grundlegend zweifeln.

sportschau.de: Prof. Dr. Oliver Stoll, was bedeutet es für den Sport, wenn die Aussagen von Johannes Dürr in dieser Form stimmen?

Oliver Stoll: Wenn die Aussagen von Johannes Dürr in dieser Form so stimmen, dann sieht es wirklich schlimm aus um das Leistungssportsystem. Klar, es gibt bestimmte Sportarten, die eher in Verdacht stehen, dass dort systematisch gedopt wird als es bei anderen der Fall ist. Keine Frage. Aber wenn das so gelaufen ist, wie in der ARD-Dokumentation beschrieben, dann haben wir wirklich ein Problem im Leistungssport. Es würde bedeuten, dass zumindest Teile des Leistungssports, also diejenigen, die besonders anfällig für Doping sind, sich in einer wirklich desaströsen Lage befinden würden.

Ist Doping im Hochleistungssport vermeidbar?

Oliver Stoll: Es wäre nur vermeidbar, wenn sich alle an die diesbezüglich aufgestellten Regeln halten würden, und dies auch kontrolliert und überprüft wird. Undzwar systematisch. Und es müsste übergesellschaftlichen und auch internationalen Konsens dazu geben. Ich zweifle ein wenig daran, dass das in dieser unserer Welt wirklich funktionieren kann. 

Was müsste sich im System Leistungssport ändern?

Oliver Stoll: Um Doping zu verhindern, brauchte es unbedingte, brutale Transparenz aller Verhaltensweisen, die mit Training und Wettkampf zu tun haben. Und dies wäre aber ein krasser Eingriff in die Menschenrechte. Konkret: Dass wäre verbunden mit einem tiefen Eingriff in die Menschenrechte, was wiederum mit Wertvorstellungen, die wir zum Beispiel in Deutschland haben, kollidiert. 

Anders gedacht oder anders herangegangen: Wie würde sich eine Legalisierung von Doping aus sportpsychologischer Sicht auswirken?

Oliver Stoll: Wir wären aus dem moralischen Dilemma heraus. Der Athlet wäre aus dem moralischen Dilemma heraus. Das System wäre aus dem moralischen Dilemma heraus, wenn jeder dopen würde. Vorausgesetzt es würde sich auf Erwachsene beschränken, die selbst entscheiden können. Es hätte aber eine krasse Vorbildwirkung für den sportlichen Nachwuchs, der in einem Leistungssportsystem aufwachsen wüde, was nur auf Leistungsoptimierung ausgerichtet ist. Ein System ohne flankierende Werte. Das wäre nicht in meinem Sinne. 

Zurück zu Johannes Dürr: Bleiben denn eigentlich Zweifel an dessen Aussagen?

Oliver Stoll: Letztendlich kann das nur Johannes Dürr selbst wissen, wie offen er da geantwortet hat. Auf mich wirken die Aussagen sehr authentisch. Er hat ja auch eigentlich nichts zu verlieren, mit diesem Outing oder der sehr detaillierten Beschreibung, was damals passiert ist. Wobei er natürlich bei der Weltmeisterschaft in diesem Winter in Seefeld noch einmal zurückkommen will. Mal schauen, ob das System mitspielt. Aber an und für sich hat er in den Interviews einen sehr authentischen Eindruck auf mich gemacht.

Zweifel bleiben natürlich auch ein Stück weit, wenn ich als Sportpsychologe spreche, was die Betrachtung des Leistungssportsystems an und für sich betrifft. Also wenn das alles stimmt, so wie es in der Dokumentation formuliert wurde, und ich bin Teil dieses Sportsystems als Sportpsychologe und ich kenne die Dilemmata sowieso, in denen ich mich auch bei nicht dopenden Sportlern bewege, würden wir noch ein weiteres großes Dilemma dazu bekommen. Und das ist kaum zu lösen. Zumindest nicht für einen Sportpsychologen. Dass könnte auch ein Grund sein, warum ich dann als Sportpsychologe entscheide, dass ich gar nicht mehr im Leistungssport arbeiten will. In solchen Systemen zumindest nicht. 

Der Autor Mathias Liebing ist seit 2014 als freier Journalist auf das Thema Sportpsychologie spezialisiert. In diesem Zusammenhang ist der Blog „Die Sportpsychologen“ entstanden, für den inzwischen 40 Sportpsychologen und Mentaltrainer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz schreiben - darunter auch Prof. Dr. Oliver Stoll.

Stand: 17.01.2019, 18:33

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