Der Fall Schwazer: Infight in der Anti-Doping-Welt

Geher Alex Schwazer

Dopingurteil

Der Fall Schwazer: Infight in der Anti-Doping-Welt

Von Tom Mustroph

Ein Bozener Gericht hat Geher-Olympiasieger Alex Schwazer vom Dopingvorwurf freigesprochen. Seine Urinprobe soll manipuliert worden sein. Eine Kontrollfirma aus Stuttgart und das Anti-Doping-Labor in Köln sehen sich Manipulationsvorwürfen ausgesetzt.

Die Anti-Doping-Welt ist in heller Aufregung. Der Bozener Strafrichter Walter Pelino sprach vergangene Woche den Geher-Olympiasieger von Peking 2008, Alex Schwazer, vom Vorwurf des Dopings frei. Er attestierte seinem Landsmann sogar, Opfer der Manipulation einer Dopingprobe geworden zu sein. Die Gegenseite, die im Rahmen der Sportjustiz schon für eine achtjährige Sperre des Italieners gesorgt hatte, reagierte hochemotional.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, Nebenklägerin gegen Schwazer im Strafprozess, nahm das Urteil mit "schweren Bedenken" auf, wie es in einem Statement hieß. Sie kritisierte weiter die "unverantwortlichen und haltlosen Anschuldigungen des Richters" gegen sie und verwies auf "überwältigende Beweise" der eigenen Sachverständigen. Man halte sich nach einer Prüfung des Urteils "alle nur möglichen rechtlichen Optionen" offen.

"Freispruch wichtiger als Olympiasieg"

Schwazer hingegen jubelt, er hält seinen vertrackten Fall für gelöst. "Wir haben die Wahrheit ans Licht gebracht. Das ist viel bedeutsamer als mein Olympiasieg in Peking", sagte er. Wie es weitergeht, ist vorerst unklar. "Wir werden mit unseren Anwälten prüfen, welche Art von Schadensersatz wir verlangen können. Am italienischen Leichtathletik-Verband und am Nationalen Olympischen Komitee liegt es nun, eine Möglichkeit zu finden, wie Alex wieder an Wettkämpfen teilnehmen kann", teilte Sandro Donati, Trainer von Schwazer, sportschau.de am Telefon mit.

Einen Start seines Schützlings bei den Olympischen Spielen in Tokio hält Donati zumindest sportlich für realistisch. "Er ist ein Ausnahmetalent, und wenn er sich die nächsten Monate konzentriert vorbereitet, kann er in Tokio unter die besten zehn kommen", sagt Donati. Vorher müsste allerdings das nächste juristische Wunder geschehen: Die vom internationalen Sportgerichtshof CAS kurz vor Olympiabeginn in Rio 2016 verhängte achtjährige Sperre müsste aufgehoben werden. Grundsätzlich kann nur das Schweizer Bundesgericht CAS-Urteile beanstanden, und auch nur, falls schwere Verfahrensfehler vorliegen.

"Stark gegenüber Schwachen, schwach gegenüber Starken"

Donati ist eine Größe in der Anti-Doping-Szene. Er deckte die Doping-Praktiken seines Landsmanns Francesco Conconi auf. Conconi war Lehrmeister von Michele Ferrari, der später in der Szene den Spitznamen "Dottore Epo" trug. Ferrari führte Lance Armstrong zu sieben Tour-de-France-Siegen, die allesamt wegen Dopings aberkannt wurden. Donati geriet später mit der WADA und dem Leichtathletik-Weltverband IAAF in Konflikt. Er wirft den Organisationen Inkonsequenz im Anti-Doping-Kampf vor.

"Sie sind stark gegenüber den Schwachen und schwach gegenüber den Starken", sagt er. 2013 nahm er Schwazer unter seine Fittiche. Sein Landsmann war kurz vor Olympia 2012 in London der Einnahme von EPO überführt worden. Er gestand, nannte im Prozess Hintermänner und wollte fortan beweisen, dass sich auch auf saubere Art Siege im Gehen erringen lassen. Die positive Testosteronprobe von 2016 ließ dann sowohl den Sportler Schwazer als auch den Doping-Bekämpfer Donati denkbar schlecht aussehen.

Schwere Manipulationsvorwürfe

Alex Schwazer während einer Pressekonferenz

Nach Einstellung des Strafverfahrens liebäugelt Schwazer mit einem Start in Tokio 2021.

Beide vermuteten eine Manipulation der Dopingprobe, nun folgte der Bozener Richter dieser Argumentation. "Der Betrug muss in zwei Phasen vonstattengegangen sein", sagt Donati. "Erst wurde das Urin Schwazers mit Fremdurin, in dem sich Testosteron befand, vermischt. Dann wurde die Fremd-DNA mit UV-Strahlen beseitigt. In einer zweiten Phase wurde DNA von Schwazer hinzugefügt."

Donati geht davon aus, dass die ermittelte DNA-Konzentration aus einer Blutprobe von Schwazer stamme. Die WADA-Sachverständigen räumten zwar ein, dass die Konzentration ungewöhnlich hoch gewesen sei, doch steht und fällt Donatis Manipulationsthese mit Erkenntnissen darüber, wie sehr solche Werte in jahrelang gelagerten Urinproben schwanken können. Die WADA wies die Interpretationen des Schwazer-Lagers entschieden zurück. Der Bozener Richter habe "überwältigende Beweise, die von unabhängigen Experten bestätigt wurden, zugunsten unbegründeter Theorien zurückgewiesen".

Kölner Labor hält Manipulation für "ausgeschlossen"

Ob überhaupt - und wenn ja, durch wen - mögliche Manipulationen an Schwazers Proben vorgenommen worden sind, ist unklar. Der Bozener Richter forderte die Staatsanwälte zu weiteren Ermittlungen auf - die Donatis Meinung zufolge in Richtung Deutschland gehen sollten. Donati mutmaßt, die erste Phase der Manipulation könnte in Stuttgart, bei der Firma GQS, durchgeführt worden seien. "Phase zwei" verortet er dorthin, "wo die Proben lagerten" - im Kölner Dopíng-Kontrolllabor.

Dessen Leiter Mario Thevis bestritt diesen Vorwurf nüchtern, aber entschieden. "Die angebliche Manipulation im Anti-Doping-Labor halte ich aufgrund der vorherrschenden und geprüften WADA-akkreditierten Standards und Analyseprozeduren für ausgeschlossen", teilte er der ARD-Dopingredaktion mit. Darüber hinaus verwies Thevis auf die laufende juristische Auseinandersetzung. Zudem sei kein Vertreter aus dem Labor in Bozener Prozess befragt worden.

Die Firma GQS reagierte auf eine Anfrage bisher nicht.

Stand: 21.02.2021, 16:19

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