Menschenversuche im DDR-Sport - Keine Aufklärung durch Sport und Politik

Die heimlichen Experimente im DDR-Sport

Nach ARD-Doku "Menschenversuche"

Menschenversuche im DDR-Sport - Keine Aufklärung durch Sport und Politik

Von Hajo Seppelt und Jörg Mebus

Nach dem Deutschen Olympischen Sportbund hat sich nun auch das für den Spitzensport verantwortliche Bundesinnenministerium für nicht zuständig erklärt, das Ausmaß von Menschenversuchen an FreizeitsportlerInnen in der DDR zu untersuchen - trotz zahlreicher Forderungen.

Sport und Politik werden sich nicht an Aufklärungsmaßnahmen zu Menschenversuchen an FreizeitsportlerInnen in der DDR beteiligen. Nach dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) erklärte sich nun auch das Bundesinnenministerium auf Anfrage der ARD-Dopingredaktion für nicht zuständig. Vorausgegangen war die Ausstrahlung der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping: Menschenversuche", in der erstmals ausführlich über sogenannte Volkssportprobanden berichtet worden war. An ihnen wurden Experimente durchgeführt, die Spitzensportlern nicht zugemutet wurden, jenen aber letztlich zugutekommen sollten.

"Eine Erforschung möglicher Experimente im Breitensport der DDR liegt nicht im Aufgabenbereich des BMI, das für die Förderung des Spitzensports in der Bundesrepublik Deutschland und die damit zusammenhängenden Fragestellungen zuständig ist", teilte das BMI mit. Unter anderem hatten die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die Landesbeauftragte in Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Doping-Opfer-Hilfe-Verein Aufarbeitungs- und Entschädigungsmaßnahmen gefordert.

"Mögliche Aufklärung" durch "Einrichtung mit Expertise"

Auch dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) erteilte das BMI damit eine Absage. DOSB-Präsident Alfons Hörmann hatte die Zuständigkeit für eine "dringend gebotene Aufklärung" bei der Politik gesehen. "Nachdem die Ursache dieser inakzeptablen Vorgehensweise wohl im Staatsplan 14.25 der ehemaligen SED-Diktatur zu suchen ist, sehen wir das als staatliche Aufgabe", sagte Hörmann.

Nach Ansicht des BMI könne "eine mögliche Aufklärung der Geschehnisse" durch eine "Einrichtung mit Expertise in der Aufarbeitung von DDR-Unrecht" erfolgen. Über Fragen zu weiteren finanziellen Hilfsleistungen für Betroffene sei zu entscheiden, "wenn die Ergebnisse der Aufarbeitung vorliegen".

In zwei Doping-Opfer-Hilfe-Gesetzen hatten 1.643 Betroffene jeweils eine Einmalzahlung in Höhe von 10.500 Euro erhalten, das zweite Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz lief Ende 2019 aus. Die Steuermittel stammten aus dem Budget des BMI. Sportler und Sportlerinnen, die in der DDR keinem Leistungskader angehört hatten, waren nicht bezugsberechtigt.

Betroffene ohne gesetzliche Hilfsleistungen

Somit scheint klar, dass es für Betroffene des DDR-Staatsdopings keine direkt für sie vorgesehenen gesetzlichen Hilfsleistungen mehr geben wird. Theoretisch können Dopingopfer ihre Ansprüche noch "aufgrund hoheitlichen Handelns in der DDR, das zu einer gesundheitlichen Schädigung geführt hat", über das Verwaltungsrechtliche Rehabilitierungsgesetz geltend machen.

"Dem BMI wurde vom Deutschen Bundestag im Rahmen der Dopingopferhilfegesetze 1 und 2 ein auf die genannten Hilfeleistungen beschränkter Etat zugewiesen. Weitere Zuständigkeitsbegründungen des BMI gingen mit diesen parlamentarischen Entscheidungen nicht einher", teilte das BMI mit.

Opposition übt Kritik

Bei der Opposition sorgte die Reaktion des BMI für Unverständnis. Monika Lazar, Obfrau von Bündnis 90/Die Grünen im Sportausschuss des Bundestages, forderte schnellstmöglich "wissenschaftliche Untersuchungen über das Ausmaß der Menschenversuche im DDR-Freizeitsport". Sie sehe "selbstverständlich" die Bundesregierung in der Pflicht, sagte Lazar, die zum Thema Menschenversuche selbst eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt hatte. Dass diese keine Maßnahmen plane, sei beschämend. "Darüber hinaus muss sich aber auch der DOSB an der Aufarbeitung beteiligen. Dass sich Präsident Hörmann hier vorschnell aus der Verantwortung ziehen will, ist nicht zu akzeptieren", sagte Lazar. Eine finanzielle Entschädigung von Betroffenen, ergänzte Lazar, "sollte das Mindeste sein".

Stand: 18.03.2021, 14:29

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