Wie das Umfeld des Nike Oregon Projects offenbar Doping-Ermittlungen verhindern wollte

Nike Oregon Project

Harte Bandagen

Wie das Umfeld des Nike Oregon Projects offenbar Doping-Ermittlungen verhindern wollte

Von Shea Westhoff, Jörg Winterfeldt und Hajo Seppelt

Die Untersuchungen gegen das Nike Oregon Project sollten offenbar verhindert werden. Nach der Sperre des ehemaligen Cheftrainers Alberto Salazar belasten Indizien auch seinen ehemaligen Assistenten Pete Julian, Trainer von Konstanze Klosterhalfen.

Im vergangenen Jahr wirkte es noch wie der perfekte Coup für Konstanze Klosterhalfen: Die langjährige Athletin von Bayer Leverkusen wechselte in den US-amerikanischen Westen zu dem von Trainer Alberto Salazar angeführten Nike Oregon Project (NOP), um von nun an beim besten Laufteam der Welt zu trainieren. Auch beim Konzern dürfte man sich die Hände gerieben haben. Der Sportartikelhersteller konnte eines der weltweit vielversprechendsten Lauftalente noch näher an sich binden. 

Im Oktober 2019 dann der Knall: Die US-amerikanische Antidoping-Agentur USADA sperrt NOP-Chefcoach Salazar sowie seinen Vertrauten, den Mediziner Jeffrey Brown für vier Jahre. Ein US-Schiedsgericht sah es für erwiesen an, dass beide in den Jahren 2010 bis 2014 gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen hatten – etwa wegen der Nutzung von Testosteron. 

Oregon Project: Anwalt mit Versuch der Doping-Vertuschung Sportschau 11.11.2019 02:08 Min. Verfügbar bis 11.11.2020 Das Erste

Mittlerweile berichten immer mehr Zeugen von offenbar ungeheuerlichen Methoden im NOP. In einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Video der "New York Times" erzählt etwa die Läuferin Mary Cain, wie unerbittlich Salazar mit ihr umgegangen sei: "Alberto hat ständig versucht, mich zum Abnehmen zu bewegen", berichtet sie von ihrer Zeit beim NOP. "Üblicherweise wog er mich vor meinen Teamkollegen und machte mich öffentlich herunter, wenn ich nicht aufs richtige Gewicht kam. Er wollte mir Antibabypillen und Diuretika zum Abnehmen geben, von denen viele in der Leichtathletik verboten sind." Salazar bestreitet diese Vorwürfe. Nike will nun prüfen.

Nun kommt heraus: Ein Rechtsanwalt aus dem Umfeld des Nike Oregon Projects versuchte offenbar schon 2015, Ermittlungen gegen die Elite-Trainingsgruppe zu sabotieren. Das belegt ein interner Mailaustausch, welcher der ARD-Dopingredaktion exklusiv vorliegt. Die Ermittlungsakten der USADA legen außerdem nahe, dass Pete Julian stärker in umstrittene Praktiken Salazars involviert sein könnte als bislang angenommen. Julian arbeitete als Assistenztrainer im NOP unter Salazar, trainiert heute Klosterhalfen. 

Die Experimentierfreude Salazars war lange bekannt

Für das kompromisslose Ausloten der Grenzen war Cheftrainer Salazar bereits in den 80er Jahren berüchtigt, als er selbst noch zu den weltbesten Marathonläufern zählte. Offenbar hat er diese Haltung auch ins Nike Oregon Project überführt. Mal ließ er einer Versuchsperson unerlaubt hohe Infusionen verabreichen, mal testete er an seinen Söhnen eine Testosteron-Creme, um herauszufinden, ab welcher Menge es nachweisbar ist. 

Die Ermittlungsakten der USADA bieten auch interessante Erkenntnisse zur Rolle von Julian. In einem internen Zwischenbericht der amerikanischen Doping-Ermittler von März 2016 heißt es, dass Julian die NOP-Athletin Tara Erdmann zum Salazar-Vertrauten Dr. Jeffrey Brown nach Houston begleitet habe. Die Athletin sollte dort eine Infusion erhalten mit L-Carnitin, einem Medikament, das die Fettverbrennung beschleunigt. Im Code der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA ist dafür kein Verbot festgelegt – wohl aber die maximale Dosis bei einer Infusion: 50ml. Die Ermittler halten es jedoch für wahrscheinlich, dass die Menge der an die Athletin verabreichten Infusion "jenseits der nach den Anti-Doping-Regeln erlaubten Menge von 50ml" lag.  

Über Julian notierte der USADA-Bericht außerdem, dass er in ein Experiment eingebunden gewesen sei: So wies er das Team an, ein Hormon umgehend abzusetzen. Ein Athlet habe ihn gerade darüber informiert, dass es krebserregend sein könne.

Im Urteil des amerikanischen Schiedsgerichts zu Brown fanden die Richter die Beweislage allerdings unzureichend. Nike weist auf ARD-Anfrage darauf hin, dass vom Schiedsgericht kein Fehlverhalten von Pete Julian festgestellt und auch nicht Anklage gegen ihn erhoben wurde.

"Es war ein harter Kampf"

Der Sportartikel-Gigant Nike selbst habe es den Ermittlern so schwer wie möglich gemacht, berichtet Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur: "Als wir Fragen stellten zu Medikamenten, Dopingmitteln, zum Besitz, Anwendung von und Experimenten mit Testosteron – da ging die Zugbrücke nach oben", sagt Tygart. "Sie setzten den Burggraben in Brand, ließen die Alligatoren los, postierten Scharfschützen auf allen Türmen - fest entschlossen, uns daran zu hindern, hereinzukommen, um die Wahrheit hinter all den Anschuldigungen herauszufinden. Es war also ein harter Kampf." 

Der Konzern weist diese Vorwürfe zurück: Auf ARD-Anfrage gibt Nike an, stets mit der US-Anti-Doping-Agentur kooperiert zu haben, etwa, als es um die Weitergabe von tausenden Seiten von Dokumenten ging.

Und mehr noch: Im Juli 2015, als die USADA-Untersuchungen gegen Alberto Salazar schon in vollem Gange waren, erhielt der damalige Chef des US-Olympiakomitees (USOC), Scott Blackmun, eine E-Mail eines Rechtsanwalts aus dem Umfeld des Nike Oregon Projects. Der Inhalt liest sich wie der Versuch der Behinderung der Ermittlungen: Die USADA solle sich "nicht einmischen in die Art und Weise, wie Athleten trainiert werden", heißt es in dem Schreiben. Und weiter: "Angesichts des großen internationalen Drucks, dem wir uns bereits gegenübersehen, bin ich besonders besorgt. Wir brauchen keine Maßnahmen auf eigenem Boden, die weitere Probleme verursachen."

Der Mailverkehr liegt der ARD-Dopingredaktion vor. Nike streitet jede Beteiligung ab.

Der WADA-Präsident gibt vor, von nichts gewusst zu haben

Von einem Protest gegen die vorliegenden Einschüchterungsversuche wurde seitens des US-Olympiakomitees jedenfalls nichts bekannt. Sicher ist aber: Scott Blackmun leitete den Mailverkehr weiter an Craig Reedie, Präsident der WADA. Der hatte sich schon im Russland-Skandal im Umgang mit potenziellen Tätern auf Schmusekurs begeben.

Die ARD-Dopingredaktion fragte am vergangenen Donnerstag (07.11.2019) auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Katowice bei Reedie nach, ob er darüber informiert wurde, dass aus dem NOP-Umfeld versucht wurde, in die Ermittlungen einzugreifen. Er verneint: "Ich persönlich hatte keine Kenntnis." Auch auf wiederholte Nachfrage gibt Reedie vor, von nichts zu wissen. Nächste Frage bitte.

Reedie hat, wie die der ARD vorliegende E-Mail-Kommunikation belegt, in dem Punkt nicht die Wahrheit gesagt. Mehrere Male hat er sich in interner Kommunikation zu dem Sachverhalt geäußert und ihn unter anderem als "seltsam" betitelt. 

Konstanze Klosterhalfen hat erklärt, weiterhin in den USA und mit dem ehemaligen Salazar-Assistenten Julian trainieren zu wollen. Eine Interview-Anfrage der ARD-Dopingredaktion wurde abschlägig beschieden. 

Stand: 11.11.2019, 12:50

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